Mo., 14.01.2019

Alexander Kalajdzic setzt seine Arbeit mit den Bielefelder Philharmonikern bis 2025 fort »Das Orchester klang noch nie besser«

Kontinuität statt große Paukenschläge: Generalmusikdirektor Alexander Kalajdzic will die Qualität weiter steigern.

Kontinuität statt große Paukenschläge: Generalmusikdirektor Alexander Kalajdzic will die Qualität weiter steigern. Foto: Thomas F. Starke

Bielefeld (WB). Generalmusikdirektor Alexander Kalajdzic hat am Freitag in Gegenwart von Oberbürgermeister Pit Clausen und Kulturdezernent Dr. Udo Witthaus seine Unterschrift unter seine Vertragsverlängerung gesetzt. Damit bleibt Kalajdzic als GMD bis 2025 für die musikalischen Belange der Stadt zuständig und Chef der Bielefelder Philharmoniker. Clausen nannte Kalajdzic »einen wichtigen Player« in der Stadt. Witthaus sagte, er habe den »Klang der Stadt« geprägt. Über seine Pläne sprach er mit Uta Jostwerner.

Eine dritte Verlagsverlängerung ist ein großer Vertrauensbeweis in ihre bisherige Arbeit, aber auch eine große Verantwortung. Nach acht erfolgreichen Jahren als GMD in Bielefeld müssen beziehungsweise dürfen Sie sieben weitere Jahre sinnvoll ausfüllen. Haben Sie keine Angst, dass Ihnen die Ideen ausgehen?

Alexander Kalajdzic: Nein. Es kommt darauf an, was man unter Ideen versteht. Man möchte immer große Paukenschläge haben, doch weder die Stadt noch das Orchester noch meine Wenigkeit brauchen das. Was wir wirklich brauchen, ist eine kontinuierliche Arbeit. Wenn ich mal resümieren darf: Das Orchester klang noch nie besser als jetzt. Das hat auch etwas mit personellen Entscheidungen zu tun, die das Orchester selbst getroffen hat. Die Idee ist, diese kontinuierliche Arbeit weiter zu steigern. Insofern habe ich überhaupt keine Angst, dass mir die Ideen ausgehen.

 

Ich würde gerne über Ihre Programmgestaltung sprechen. Sie haben immer gesagt, dass Sie ihre Konzertprogramme intuitiv zusammenstellen. In letzter Zeit haben Sie aber öfter mal Themenkonzerte – zum Beispiel im zweiten Symphoniekonzert Musik rund um den Volkstrauertag – präsentiert. Gehen Sie von Ihrem ursprünglichen Konzept ab?

Kalajdzic: Ich halte es mit Lars von Trier. Er sagt: »Jetzt bin ich so weit, ein neues Konzept zu entwickeln.« Dann entwirft er ein Dogma mit den bekannten zehn Regeln: »Es gibt keine Musik außerhalb des Films. Requisiten und Beleuchtung ist nur das, was man am Drehort findet« und so weiter. Um diese Idee sofort wieder zu verlassen und dieses geniale »Dancer in the dark« mit Björk zu drehen – eine Art Musical mit einer unendlichen Tragik und Seriosität. Für mich ist es bei der Programmgestaltung genau so: Es gibt Begebenheiten, zum Beispiel ein großes Beethoven-Jahr, da wird es ganz sicherlich eine ganz bestimmte Auseinandersetzung mit Beethoven geben, und das ist natürlich als Konzept zu sehen. Also wird es immer wieder Programme geben, die eine Linie haben. Das schließt nicht aus, dass wir Stücke spielen, die einfach intuitiv zusammen passen.

 

Kommen wir zum Cross-over. Das haben Sie ja in der letzten Zeit erfolgreich vorangetrieben. Nach Till Brönner kommt im Juni Max Herre, um mit dem Orchester ein Konzert zu geben. Wie kommen Sie an diese Künstler heran?

Kalajdzic: Wir haben ein super gut funktionierendes Orchesterbüro mit Martin Beyer als Orchester- und Konzerthausdirektor, der gute Kontakte zu den Künstlern unterhält. Zudem arbeiten wir mit dem Musik Kontor Herford zusammen. Wir wollen dieses Format weiter voranbringen und ich muss sagen, ein Löwenanteil der Organisation liegt bei Martin Beyer. Wir werden den Cross-over-Bereich so belassen und, wenn es nach mir geht, auch noch etwas intensiver vorantreiben, weil sich die Rudolf-Oetker-Halle als richtiger Ort für solche Projekte herausgestellt hat. Man muss es nur mit der richtigen Jazz-Besetzung machen.

 

Sie hatten angekündigt, mit jungen Talenten arbeiten zu wollen, was mit der Violinistin Lara Boschkor ja tatsächlich auch einmal geschehen ist. Wie geht es auf diesem Gebiet weiter?

Kalajdzic: Wir haben es einmal gemacht, aber auch Danae Dörken war für mich so eine Entdeckung. Im Moment sind wir mit jungen Leuten von der Hochschule für Musik Detmold in Gesprächen. Wir werden auf jeden Fall eine intensivere Zusammenarbeit vorantreiben und ein weiteres Konzert nur mit jungen aufstrebenden Talenten geben. Nur der Zeitpunkt steht noch nicht fest.

 

Beim Musiktheater vermissen viele Besucher die Operette, die zugunsten des Musicals im Spielplan zurückgedrängt wurde.

Kalajdzic: Wir spielen am Ende der Spielzeit die Operette Orpheus in der Unterwelt. Es stimmt allerdings, die Operetten hier in Bielefeld haben sich ein bisschen ausgedünnt. Sie können davon ausgehen, dass in den nächsten Jahren immer mal wieder Operetten im Spielplan auftauchen werden.

 

Werden Sie daran festhalten, weiterhin ein Chorwerk pro Saison aufzuführen?

Kalajdzic: Auf jeden Fall und zwar ohne die Chöre in der Stadt zu vernachlässigen. Der direkteste Weg zur Musik geht über das Singen. Als kulturpolitische Maßnahme ist es notwendig, dass sich die erste musikalische Institution dieser Stadt dem stellt und diese Leute mitnimmt. Unabhängig von den Chorkooperationen mit den großen Bielefelder Konzertchören, die uns sehr am Herzen liegen, werden wir die Zusammenarbeit mit den professionellen Vokalensembles weiter pflegen. Ich kann soviel verraten, dass wir im Gespräch mit einem sehr berühmten deutschen Chor stehen.

 

Womit einige Leute nicht ganz glücklich sind und ich persönlich auch nicht, ist die Tatsache, dass Sie bei Chorwerken gerne auf typische Repertoirewerke zurückgreifen und damit im angestammten Revier der hiesigen Konzertchöre wildern. Dass es auch anders geht, haben Sie in der vergangenen Saison mit den Gurreliedern bewiesen.

Kalajdzic: Es gab auch symphonische Werke, die wir mit den Chören gemacht haben. Zum Beispiel eine Psalmensymphonie oder das symphonisch angelegte Delius-Requiem. Wenn man aber zum Beispiel von Karol Szymanowski »Das Lied der Nacht« machen will, dann braucht man acht Hörner, fünf Trompeten und eine 14er-Streicherbesetzung (Übersteigt die Kapazität des Orchesters bei weitem; Anm. d. Red.). Das ist teuer, aber das ist nicht der einzige Grund. Es gibt Pläne für die nächste Spielzeit, wo wir uns in die oratorische Richtung mit einem opernhaften Touch begeben werden. Und wir werden ein großes symphonisches Werk mit dem Opernkinderchor machen. Aber da wir eine neue Leitung haben, haben wir das noch zurück gestellt.

Es ist nicht meine Absicht, nur das Territorium der Kirchenchöre abzuklopfen, sondern es ergibt sich einfach, da viele symphonische Werke uns mit Problemen konfrontieren, die wir mit eigenen Mitteln nicht stemmen können.

 

Was ist mit Komponistinnen. Sie haben uns mit der Musik Hildegard von Bingens und Sofia Gubaidulinas bekannt gemacht. Darüber hinaus sind Komponistinnen im Konzertrepertoire aber immer noch deutlich unterrepräsentiert.

Kalajdzic: Das ist richtig. Aber das ist keine Absicht. Ich habe immer mal wieder Stücke von Kaija Saariaho oder Olga Neuwirth in Erwägung gezogen. Aber einiges haben wir aus technischen Gründen nicht realisieren können. Bei Rebecca Saunders wollten wir ein Auftragswerk bestellen. Aber die Dame ist gefragt, bei ihr muss man sehr viele Jahre vorher anklopfen.

 

»Es ist schwierig, junge Menschen für klassische Musik zu begeistern.«

Kommen wir zur Publikumsentwicklung. Da gibt es seit Jahren einen Aufwärtstrend. Nur junge Leute sieht man immer noch wenig in den Konzerten. Sie haben mal gesagt, Studenten seien eine wichtige Zielgruppe und Sie wollten die Konzerte in der Universität gezielt nutzen, um diese Klientel anzusprechen. Dennoch scheint das nicht zu funktionieren.

Kalajdzic: Das funktioniert, wenn man andere Musik spielt. Allerdings ist es schwierig, junge Menschen für klassische Musik zu begeistern, obwohl wir unsere pädagogische Arbeit in den Schulen und unzähligen anderen Projekten machen. Aber der Weg von einem edukativen Konzert zu einem klassischen Abendkonzert ist weit. Im Musiktheater ist es etwas leichter, weil die Visualisierung dazu kommt. Was mir aber nicht vorschwebt, ist eine Beethoven-Symphonie so zu entstellen oder zu vereinfachen, dass jeder sagt, »oh, das ist ja geil«. Noch gibt es kein Geheimrezept, wie man 16-Jährige für eine Bruckner-Symphonie begeistern kann. Der Idealfall ist, dass man ernst gemeinte Musik so anbietet, dass die jungen Leute auch ihren Spaß dabei haben, ohne dass die Musik ihren Charakter und ihre Qualität verliert. So etwas passiert schon. Aber nicht in der Masse. Und auf diesem Gebiet, das gebe ich gerne zu, gibt es noch Luft nach oben.

 

Was ist mit ihren eigenen Söhnen? Hören die klassische Musik?

Kalajdzic: (zögerlich) Ja. Der jüngere studiert sogar Elektronische Musik. Und der ältere ist Filmemacher, der holt sich bei mir Rat bezüglich der musikalischen Untermalung. Die hören schon klassische Musik, aber nicht so wie ich sie höre.

 

Inwiefern nutzen Sie die neuen Medien, um junges Publikum zu akquirieren?

Kalajdzic: Das nutzen wir schon. Die Kollegen machen das sehr gut und up-to-date. Und wir haben diese kongeniale Bielefelder Agentur Beierarbeit, die uns preisgekrönte Programmhefte und Plakate für die visuelle Darstellung des Orchesters beschert hat.

 

Kommen wir zum sozialen Aspekt eines Konzertbesuches. Nun gibt es seit einem halben Jahr das neue Oetkerhallen-Foyer mit erweiterter Gastronomie. Bleiben Besucher und Musiker nach dem Konzert dort, um Geselligkeit zu pflegen?

Kalajdzic: Auf jeden Fall. Nach den ersten drei Symphoniekonzerten haben sich viele Gespräche mit dem Publikum ergeben. Ein älteres Ehepaar hat erzählt, dass sie immer wieder kommen, weil sie die Entwicklung des Orchesters so faszinierend finden. Oder nach dem Bernd-Alois-Zimmermann-Konzert kam ein Mann auf mich zu und ließ sich ein Zimmermann-Buch signieren. Der Raum ist ein Treffer ins Schwarze.

 

»Wir werden uns mit dem 11-Uhr-Termin am Sonntag beschäftigen.«

Gilt das nur für die Freitagskonzerte am Abend oder auch für die Sonntagskonzerte am späten Vormittag?

Kalajdzic: Am Sonntag weniger, da möchten die Leute zu ihrem Sonntagsbraten nach Hause. Aber wo wir gerade dabei sind: Wir werden uns noch einmal mit dem 11-Uhr-Termin am Sonntag beschäftigen. Ein Tagestermin ist unbedingt beizubehalten, weil es viele Menschen gibt, die ein Unbehagen verspüren, im Dunkeln aus dem Haus zu gehen. Allerdings werden wir die Uhrzeit des Sonntagskonzerts hinterfragen, und zwar in Absprache mit dem Publikum. Dazu haben wir vor kurzem eine Publikumsumfrage durchgeführt. Denn es hat sich herausgestellt, dass die Sonntagskonzerte etwas schlechter besucht sind als die Freitagskonzerte, und wir wollen analysieren, woran das liegt.

 

Wenn Sie sich etwas wünschen dürften, bezogen auf die Arbeit, was wäre das? Vor vier Jahren haben Sie im Interview auf die Frage geantwortet: Einen international bekannten Dirigenten einladen zu können.

Kalajdzic: Ja, wir arbeiten dran. Es gibt Momente, wo man einen Schnitt braucht oder grundsätzlich etwas verändern muss. So wird es auch bei uns neue Künstlernamen geben. Darüber hinaus wünsche ich mir, das letzte Werk von Olivier Messiaen, Éclairs sur l’Au-Delà (Streiflichter über das Jenseits) irgendwann hier mal aufführen zu können. Wir arbeiten darauf hin. Wir haben mit dem Orchester ein Level erreicht, das ich hier noch nie erlebt habe. Wenn wir so weitergehen und Klangkultur, das Zusammenspiel und die Ausdrucksweise des Orchester noch weiter intensivieren, dann bin ich sehr glücklich.

 

Wobei, wenn ich mir die Orchesterdienste so angucke, dann sind die ganz schön angestiegen. Wie lange ist solch ein Pensum noch vertretbar?

Kalajdzic: Jetzt ist die Grenze erreicht, die noch vertretbar wäre. Allerdings liegen wir nach TVK (Tarifvertrag für Musiker in Orchestern, Anm. d. Red.) immer noch unter der Obergrenze. Bei den Stücken und Dienstplänen bleiben wir immer im Dialog mit dem Orchester.

 

Ich stelle die gleiche Abschlussfrage, die ich Ihnen 2014 schon einmal gestellt habe: Ist Bielefeld Ihr Zuhause oder Ihr Arbeitsplatz?

Kalajdzic: Es ist schon längst mein Zuhause. Wenn man nach acht Jahren nicht zuhause ist, dann sollte man den Vertrag nicht verlängern.

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