Prozess am Amtsgericht: DSC-Anhänger erscheinen in »ACAB«-T-Shirts auf der Wache
Was vier Fans von Polizisten halten

Bielefeld (WB). Es ist exakt fünf Minuten vor 12 Uhr, als Amtsrichterin Muna Eid am Freitag die Verhandlung gegen vier Fußball-Fans schließt. Tatsächlich ist das Quartett noch einmal davon gekommen. Zum Teil gegen Sozialauflagen ist ihr Prozess eingestellt worden.

Samstag, 09.02.2019, 13:00 Uhr aktualisiert: 09.02.2019, 13:30 Uhr
Symbolfoto Foto: dpa
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Wegen Beleidigung haben sich die vier jungen Männer im Alter zwischen 21 und 24 Jahren vor dem Amtsgericht zu verantworten – wegen Beleidigung eines Polizeibeamten. Als ihr Verein, der DSC Arminia Bielefeld, am 6. Mai vergangenen Jahres beim FC St. Pauli antritt, müssen die Männer zu Hause bleiben. Der Deutsche Fußball-Bund hat sie mit Stadionverboten belegt. Und die beinhalten, dass sie sich rund um die Spiele bei der Polizei melden müssen.

»All cops are bastards«

Als sie an dem Nachmittag die Dienststelle in Bielefeld aufsuchen, tragen alle vier das gleiche T-Shirt. In großen Lettern ist dort die Aufschrift »ACAB« zu lesen. Die Abkürzung steht für die englische Parole »All cops are bastards« (Alle Polizisten sind Bastarde) und wird sowohl von Autonomen, Skinheads oder Punks als auch von Hooligans und Ultras der Fußball-Fanszene benutzt. Für den diensthabenden Polizeibeamten ein klarer Fall: mehr als nur eine Provokation. »Und als sie sich auch noch kaputt gelacht haben, nachdem ich sie darauf angesprochen hatte, habe ich eine Strafanzeige wegen Beleidigung gefertigt«, sagt der 38-Jährige im Zeugenstand.

Für die Angeklagten ist die Sache nicht ganz so eindeutig. Über ihre Anwälte lassen sie erklären, dass die vier Buchstaben keineswegs beleidigenden Charakter hätten, sondern vielmehr für »Anhänger-Club Arminia Bielefeld« stehen würden.

»Anhänger-Club Arminia Bielefeld«

Nach Informationen dieser Zeitung handelt es sich um eine in der Fan-Szene übliche Vorgehensweise, um von der wirklichen Bedeutung von ACAB abzulenken. Zwar gab es tatsächlich bis vor einigen Jahren den eingetragenen Fan-Club »Anhänger-Club Arminia Bielefeld Rheine«, der wird aber inzwischen als inaktiv geführt. Arminia-Sprecher Daniel Mucha bestätigt am Nachmittag auf Anfrage, dass »kein offizieller Fanclub und keine andere offizielle Einrichtung« mit diesem Namen beim DSC registriert ist.

Und auch Richterin Eid kann der Aussage im Laufe des Prozesses immer weniger abgewinnen. »Warum nennen sie sich nicht ›Fan-Club‹? Es geht ja nicht ums Handelsregister, wo jeder Name nur einmal vergeben wird.« Die Anwälte tun sich ihrerseits schwer, die Beleidigung durch ihre Mandanten zu widerlegen. Denn die machen während der Verhandlung nicht nur einmal deutlich, was sie von Polizisten halten: gar nichts.

»Du Lachnummer«

Davon weiß ein ehemaliger so genannter szenekundiger Beamter ein Lied zu singen. Er sitzt im Zeugenstand, weil er den jüngsten Angeklagten in einer anderen Angelegenheit ebenfalls wegen Beleidigung (»Du Lachnummer«) angezeigt hatte. Die Männer würden zu einer Gruppe gehören, »die bei uns ganz oben steht, die man im Auge behalten muss«.

Seitens der Polizei solle an dem problematischen Verhältnis etwas geändert werden, aber eine Kommunikation mit den jungen Männern, die sich regelmäßig »kurz vor strafrechtlicher Relevanz« bewegen würden, sei nicht möglich. Die vergleichsweise harmlose Beleidigung habe er zur Anzeige gebracht, weil sie während des Weihnachtsmarktes in aller Öffentlichkeit ausgesprochen wurde und weil sich der 21-Jährige zügig aus dem Staub gemacht hatte, anstatt mit ihm zu reden.

Sie lachen sich schlapp

Daran ändert sich auch am Freitag im Gerichtsgebäude nichts. Als der Beamte an den Richtertisch tritt, um Fotos zu begutachten, lachen sich die Angeklagten hinter seinem Rücken schlapp. Ein von der Richterin angeregtes Täter-Opfer-Gespräch lehnt der 21-Jährige ab. Eine Entschuldigung ringt er sich mit breitem Grinsen und aggressivem Unterton ab. Und auch der 24-jährige Lehramtsstudent, dessen Aufnahme in den Staatsdienst bereits jetzt wegen eines weiteren Verfahrens stark gefährdet ist, weigert sich, mit der Polizei ins Gespräch zu kommen.

Am Ende verzichtet Richterin Eid auf ein Urteil, ordnet für die beiden 21-Jährigen auch dank einer recht ordentlichen Prognose des Jugendamtes die Teilnahme an einem sozialen Trainingskursus’ beziehungsweise an einem Deeskalationstraining an. Der 24-Jährige hat 40 Sozialstunden zu leisten, und das Verfahren gegen den 23-Jährigen wird eingestellt, weil gegen ihn bereits ein Strafbefehl des Berliner Amtsgerichtes Tiergarten vorliegt – wegen Beleidigung.

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