Di., 12.02.2019

Wirtschaftsministerium fördert FH-Projekt »Vertical Farming« Grünzeug wächst auf Textilien

Prof. Dr. Dr. Andrea Ehrmann lässt Pflanzen auf vertikal angebrachten Textilien wachsen.

Prof. Dr. Dr. Andrea Ehrmann lässt Pflanzen auf vertikal angebrachten Textilien wachsen. Foto: Bernhard Pierel

Von Sabine Schulze

Bielefeld (WB). »Stark vereinfacht gesagt: Wir wollen Grünzeug auf Textilien wachsen lassen«, sagt Prof. Dr. Dr. Andrea Ehrmann. Der Clou: Diese Textilien sollen in der Senkrechten angebracht werden. Das kann am eigenen kleinen Balkon sein, an einer Wand im Innern eines Gebäudes oder an Fassaden.

»Vertical Farming« heißt das Projekt von Ehrmann, die am Fachbereich Ingenieurwissenschaften und Mathematik der Fachhochschule Bielefeld lehrt und forscht. Das Spezialgebiet der Physikerin: smarte Textilien und Textiltechnologie. Ihr Projekt zur vertikalen Landwirtschaft wird über ein Innovationsprogramm des Bundeswirtschaftsministeriums mit 190.000 Euro gefördert.

Laut Hochrechnungen der Vereinten Nationen wird die Weltbevölkerung in den kommenden 50 Jahren auf neun Milliarden Menschen anwachsen. Sieben Milliarden, so Ehrmann, werden in Ballungsgebieten leben und müssen mit Lebensmitteln versorgt werden. Ackerflächen aber sind endlich – auch in Deutschland. »Um auf unseren Flächen genug landwirtschaftliche Produkte herzustellen, müssten wir weiter intensivieren«, sagt Ehrmann. Das aber verbiete sich eigentlich aus Umweltschutzgründen, zumal ohnehin schon Lebensraum für viele Tiere fehle. »Wir müssen also umdenken.«

»Wir haben unterschiedliche Maschengrößen gewählt.«

Ehrmann und ihre Arbeitsgruppe denken daran, Pflanzen, die der Ernährung dienen, quasi die Wände hinaufgehen zu lassen. Dazu experimentieren sie mit verschiedenen Textilien, mit Substraten und verschiedenen Pflanzen. »Denn die Pflanzen müssen gut einwurzeln und halten.« Außerdem muss die Versorgung mit Wasser und Nährstoffen gesichert sein.

Gestricktes und Nanovliese werden derzeit im Labor für Materialforschung getestet, auf ihnen sollen Mikroalgen, Meeresalgen, Austernpilze und Brunnenkresse gedeihen. Im Labor für Materialforschung sind kleine Stoffstücke aus Polyacralnitril an einer Gittterwand angebracht. Es plätschert leise, weil von oben unaufhörlich Wasser über den Stoff rieselt. Daraus sprießt Kresse. »Wir haben unterschiedliche Maschengrößen gewählt, um zu schauen, wann die Pflänzchen gut einwurzeln«, erklärt Bennet Brockhagen, biologisch-technischer Assistent des Projektes.

»Es wird mit einer Nährlösung getränkt.«

Gestrickt werden kann auf institutseigenen Maschinen. Auch Julia Helberg hat darauf für ihre Bachelorarbeit aus einem Acrylgarn ihr textiles Substrat gestrickt. »Es wird mit einer Nährlösung getränkt, und dann sollen Austernsaitlinge darauf wachsen«, erklärt sie.

Langfristig, so die Idee, könnten auch Obst und Gemüse so angebaut werden, würden nicht nur Lebensmittel produziert, sondern würde durch Moose die Luft gefiltert oder pflanzliche Produkte für die Kosmetikindustrie und Medizin gewonnen werden.

»Um zu bewässern, arbeiten wir derzeit mit Pumpen. Denkbar ist aber auch, mit einem Kapillarsystem zu arbeiten wie in jedem Baum.« Je nach Bedarf könnte dem Wasser dann auch eine Nährlösung zugegeben werden. Charmant ist auch die Idee, Samen direkt in die Textilien zu integrieren, sie quasi einzustricken. »Vertikale Landwirtschaft ist ökologisch und ökonomisch sinnvoll«, ist Andrea Ehrmann überzeugt.

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