Do., 14.02.2019

Zunahme in Ostwestfalen-Lippe viel höher als im Landesdurchschnitt 31 Prozent mehr Missbrauchsanzeigen

Blick durch einen Zaun auf ein Gebäude auf dem Campingplatz Eichwald in Lügde.

Blick durch einen Zaun auf ein Gebäude auf dem Campingplatz Eichwald in Lügde. Foto: dpa

Von Christian Althoff

Bielefeld (WB).  Der mutmaßlich tausendfache Kindesmissbrauch auf einem Campingplatz in Lügde taucht in der Kriminalstatistik für 2018 noch nicht auf – und trotzdem sind die am Mittwoch vorgelegten NRW-Zahlen zum Kindesmissbrauch und zur Kinderpornographie gestiegen, vor allem in Ostwestfalen-Lippe.

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Nach Angaben des Landeskriminalamts in Düsseldorf wurden im vergangenen Jahr in Nordrhein-Westfalen 2422 Fälle von Kindesmissbrauch angezeigt – 3,6 Prozent mehr als im Jahr zuvor. In diesen Fällen wurden der Polizei 2640 Opfer bekannt, 597 Jungen und 2043 Mädchen. Und die Zahl der erwischten Pädokriminellen, die Kinderpornographie produzierten, kauften, besaßen oder verbreiteten, stieg ebenfalls – um 13 Prozent auf 1250.

Noch negativer ist die Entwicklung in Ostwestfalen-Lippe: Dort wurden im letzten Jahr 263 Fälle von Kindesmissbrauch angezeigt – 31 Prozent mehr als 2017. Während die Zahl der Anzeigen in der Großstadt Bielefeld annähernd gleich blieb (38, vorher 39), gab es in einigen ländlicheren Regionen deutliche Zuwächse: im Kreis Minden-Lübbecke um 74 Prozent, im Kreis Lippe um 65 Prozent, im Kreis Gütersloh um 40 Prozent und im Kreis Herford um 29 Prozent– wenn auch jeweils auf niedrigem Niveau.

Sehr großes Dunkelfeld

Gibt es mehr Missbrauch, oder sind nur mehr Menschen bereit, Anzeigen zu erstatten? Wie in allen Fällen mit großem Dunkelfeld ist die Frage nicht seriös zu beantworten. Eine Einschätzung gibt Gabriele Martens aus Rheda-Wiedenbrück. Die Fachanwältin für Strafrecht vertritt häufig Opfer von Sexualverbrechern. »Ich denke nicht, dass die Anzeigebereitschaft in den letzten zehn Jahren generell zugenommen hat.« Sie gehe vielmehr davon aus, dass es ein sehr großes Dunkelfeld gebe. »Aus der Zusammenarbeit mit Beratungsstellen weiß ich, dass viele Opfer oder ihre Eltern nicht zur Polizei gehen, weil sie sich oder ihrem Kind eine weitere Traumatisierung ersparen wollen.«

Und selbst diejenigen, die den Weg zu ihr fänden, seien nicht immer überzeugt, den Täter anzeigen zu müssen. »Ich kann diese Leute verstehen. Der Personalmangel bei Polizei und Justiz führt dazu, dass zwischen der Anzeige und dem Prozess locker ein bis zwei Jahre liegen können«, sagt Gabriele Martens. Gerade bei Taten, die lange zurücklägen und bei denen die Erinnerung der Opfer verblasse, müsse man im Interesse der Opfer die Chancen und Risiken einer Anzeige sorgfältig prüfen.

Aufklärungsquoten in diesem Bereich sind relativ hoch

Die Aufklärungsquoten in diesem Bereich sind relativ hoch. Landesweit galten im letzten Jahr 82 Prozent der Missbrauchsfälle als geklärt, bei der Kinderpornographie lag die Quote sogar bei 91 Prozent. Der Grund ist, dass Missbrauchsopfer die Täter in der Regel kennen und dass Konsumenten von Kinderpornographie im Internet oft Spuren hinterlassen, die ihrem Computer zugeordnet werden können.

Der Fall Lügde mit mehr als 30 Opfern und bisher drei Verdächtigen wird erst im kommenden Jahr in der Kriminalitätsstatistik auftauchen. Denn in die Statistik werden mutmaßliche Straftaten nicht nach der Anzeigenerstattung eingetragen, sondern wenn die Verfahren an die Staatsanwaltschaft abgegeben wurden.

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