Sa., 16.02.2019

Tatort Campingplatz Lügde: Ahnten Eltern etwas? – Kritik an Polizei Pyrmont Vager Verdacht

Von der Polizei abgesperrt: Dieses ist einer von zwei Wohnwagen auf dem Campingplatz »Eichwald«, die Andreas V. gehören. Außerdem besitzt er dort eine baufällige Holzhütte, in der er mit seiner Pflegetochter lebte.

Von der Polizei abgesperrt: Dieses ist einer von zwei Wohnwagen auf dem Campingplatz »Eichwald«, die Andreas V. gehören. Außerdem besitzt er dort eine baufällige Holzhütte, in der er mit seiner Pflegetochter lebte. Foto: Christian Althoff

Von Christian Althoff

Lügde (WB). Es ist nur ein sehr, sehr vager Verdacht, dem die Bielefelder Polizisten routinemäßig nachgehen. Nach dem mutmaßlich tausendfachen Missbrauch von mindestens 31 Kindern auf dem Campingplatz in Lügde prüft die Ermittlungskommission »Eichwald«, ob sich Eltern mutmaßlicher Opfer strafbar gemacht haben könnten.

Es soll um zwei Elternteile gehen, gegen die vor einiger Zeit Ermittlungsverfahren eingeleitet wurden. Anlass soll eine Zeugenbefragung durch die Ermittlungskommission gewesen sein, in der jemand sinngemäß angegeben haben soll, diese Eltern hätten doch gewusst, zu wem sie ihre Kinder gegeben hätten.

Keine Einzelheiten zu den Ermittlungen

Hätten Eltern ihre Kinder tatsächlich in dem Wissen an An­dreas V. (56) überlassen, dass er sie missbrauchen würde, wäre das strafrechtlich eine Beihilfe zum Kindesmissbrauch. Dafür droht Helfern eine Strafe, die unter der für den Missbrauch (bis zu zehn Jahre Haft) liegt. Bisher soll es aber nichts geben, das den vagen Anfangsverdacht erhärtet, schon gar kein Motiv. Oberstaatsanwalt Ralf Vetter sagte am Freitag: »Es sieht im Moment nicht so aus, dass sich ein Verdacht bestätigt.« Einzelheiten zu den Ermittlungen wolle er aus Gründen des Opfer- und Persönlichkeitsschutzes nicht nennen.

Auf dem Campingplatz »Eichwald« hatten viele arglose Camper ihre Kinder auf den schwer einsehbaren Parzellen von An­dreas V. spielen lassen, und manche Kinder durften auch bei ihrer Freundin, der Pflegetochter von Andreas V., übernachten. Campingplatzbetreiber Frank Schäfsmeier: »Niemand hat jemals einen Verdacht gehegt. Das halte ich für ausgeschlossen.« Der 56-Jährige hat selbst Kinder, die heute erwachsen sind – und denen nichts passiert ist. Schäfsmeier plant, die heruntergekommene Holzhütte von Andreas V. abzureißen und die beiden Wohnwagen des Hauptverdächtigen zu entsorgen, sobald sie von der Staatsanwaltschaft freigegeben werden. »Ich kann da nicht mehr hingucken.«

Vorwurf der Strafvereitelung

Am Freitag wurde bekannt, dass neben den beiden in Untersuchungshaft sitzenden Campern An­dreas V. (56) und Mario S. (33) noch ein dritter Camper unter Verdacht steht. Er soll ein Freund des Hauptbeschuldigten sein. Nach Bekanntwerden des mutmaßlich massenhaften Missbrauchs soll er auf einem Gerät Daten gelöscht haben, die für Andreas V. belastend gewesen sein sollen. Deshalb wird dem Mann versuchte Strafvereitelung vorgeworfen, worauf bis zu fünf Jahre Haft stehen. Die »EK Eichwald«, die von Thorsten Stiffel geleitet wird (er führte auch die Ermittlungen in Fall des »Horror-Hauses« in Höxter), hat keinen Anhaltspunkt dafür, dass dieser Camper an Missbrauchshandlungen beteiligt war.

Nach den schon bekannten Pannen bei der Polizei in Lippe und den Jugendämtern in Hameln-Pyrmont und Lippe (sie hatten 2016 Hinweise auf den Hauptverdächtigen nicht ernstgenommen) gerät nun auch die niedersächsische Polizei in die Kritik. Sie soll 2018 nach einer Anzeige gegen Andreas V. nicht sofort reagiert haben, wodurch die Pflegetochter noch mehr als drei Wochen bei ihrem mutmaßlichen Peiniger leben musste: Am 20. Oktober zeigte eine Frau in Bad Pyrmont den Missbrauch ihrer neunjährigen Tochter an, einer Freundin des Pflegekindes.

Erst am 31. Oktober wurde das Opfer befragt, und erst weitere 13 Tage später informierte die Polizei das Jugendamt Lippe, das das Pflegekind in Obhut nahm. Warum es zu den Verzögerungen kam, wollte die Polizei am Freitag nicht sagen.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Google-Anzeigen

© WESTFALEN-BLATT
Vereinigte Zeitungsverlage GmbH

Alle Inhalte dieses Internetangebotes, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken, sind urheberrechtlich geschützt. Verwendung nur gemäß der Nutzungsbedingungen.

Mehr zum Thema

Anzeige


https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6394159?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198387%2F2513179%2F