Fr., 22.02.2019

Zwei Frauen verhinderten im Oktober Vergewaltigung: Täter zu Haftstrafe verurteilt »Wir würden wieder so handeln«

Ihr mutiges Handeln kommt als Paradebeispiel für Zivilcourage noch einmal ins Fernsehen: Ein Kamerateam begleitet Karolina Smaga (Mitte) und Linda Cariglia zur Zeugenaussage beim Prozess gegen den Sextäter in das Amtsgericht Bielefeld.

Ihr mutiges Handeln kommt als Paradebeispiel für Zivilcourage noch einmal ins Fernsehen: Ein Kamerateam begleitet Karolina Smaga (Mitte) und Linda Cariglia zur Zeugenaussage beim Prozess gegen den Sextäter in das Amtsgericht Bielefeld. Foto: Oliver Schwabe

Von Jens Heinze

Bielefeld/Gütersloh/Rietberg/Herford (WB). Es war ein großartiger Fall von Zivilcourage, der zwei junge Frauen wegen ihres mutigen Einschreitens gegen einen Sextäter bundesweit bekannt machte. Am 14. Oktober vergangenen Jahres verhinderten in der Bielefelder Innenstadt die Gütersloherin Linda Cariglia (20) und ihre Freundin Karolina Smaga (22) aus Rietberg die Vergewaltigung einer Herforderin auf offener Straße.

Sie retteten die 22-Jährige, verfolgten den flüchtenden Täter (25) und alarmierten die Polizei. Der 25-Jährige, ein marokkanischer Asylbewerber mit Übergangswohnsitz in Herford, wurde kurz darauf am Jahnplatz von Polizisten gefasst und sitzt seitdem hinter Gittern. »Wir würden definitiv wieder so handeln«, sind sich die Retterinnen Linda Cariglia und Karolina Smaga vier Monate nach der Tat einig. Sie sagten am Donnerstag in Bielefeld vor Gericht als Zeuginnen aus, als dem Täter der Prozess gemacht wurde.

Das Bielefelder Schöffengericht verurteilte den Marokkaner wegen versuchter Vergewaltigung und sexueller Nötigung zu eineinhalb Jahren Strafhaft. Es gab keine Bewährung für den Nordafrikaner, der im Sommer 2018 über Spanien nach Deutschland eingereist sein will und am 6. September in Bielefeld Asyl beantragte. »Die Tat ist genau das, was Frauen ängstigt, um nachts nicht mehr nach draußen zu gehen«, begründete Vorsitzende Richterin Kirsten Reichmann das Urteil.

Aufgrund des engagierten Eingreifens von Linda Cariglia und Karolina Smaga sei eine Vergewaltigung verhindert worden, sagte Reichmann. Denn der Täter habe den Geschlechtsverkehr mit dem Opfer erzwingen wollen.

Täter ist »planlos umhergegangen«

An das Geschehen vom 14. Oktober 2018 gegen 6.15 Uhr auf dem Grünstreifen am Bahndamm Mindener-/Ecke Arndt­straße in der Bielefelder Innenstadt wollte sich der Angeklagte beim Prozess nicht mehr erinnern können. »Ich hatte in der Nacht getrunken. Ich war nicht bei mir, als das passiert ist«, ließ der Nordafrikaner über eine Dolmetscherin dem Gericht mitteilen. Beim Besuch der Disco- und Amüsiermeile Neues Bahnhofsviertel will er »hochprozentige Mischgetränke« konsumiert haben und sei dann am frühen Morgen des Tattages »planlos umhergegangen«.

Das Opfer des Angeklagten, die 22-jährige Frau aus Herford, berichtete vor Gericht dagegen von einem gezielten Überfall. Sie sei auf dem Weg zum Hauptbahnhof gewesen, um nach Hause zu fahren. »Der Täter kam plötzlich von hinten, hat mich überwältigt, ins Gebüsch gezerrt und lag auf mir. Ich war erst wie in Schockstarre, bis ich Nein gesagt und um Hilfe geschrien habe«, sagte die 22-Jährige. Der Angeklagte habe sie geküsst, an den Armen festgehalten, ihre und seine Hose geöffnet. »Er hat mir auf Englisch gesagt, dass ich mich nicht wehren soll«, erinnerte sich die Herforderin.

»Ich finde, dass die Strafe zu gering ausgefallen ist.«

Offenbar genau in diesem Moment tauchten Linda Cariglia und ihre Freundin Karolina Smaga am Tatort auf. Auch sie waren nach einer durchfeierten Disconacht an jenem Sonntagmorgen im Oktober 2018 gegen 6.15 Uhr auf dem Heimweg zum Hauptbahnhof. Als die jungen Frauen den Marokkaner auf seinem Opfer liegen sahen und die Herforderin um Hilfe schreien hörten, griffen sie sofort ein und verhinderten die unmittelbar bevorstehende Vergewaltigung.

Karolina Smaga zerrte den Sextäter von der 22-Jährigen weg, Linda Cariglia wählte den Polizeinotruf 110. Als der Marokkaner in Richtung Jahnplatz flüchtete, nahm Karolina Smaga die Verfolgung auf, Linda Cariglia kümmerte sich ums Opfer. Minuten später fassten Polizisten den Mann.

Nach der Urteilsverkündung am Donnerstag umarmte die Herforderin ihre Retterinnen. »Ich finde, dass die Strafe zu gering ausgefallen ist. Aber dafür bleibt der Täter im Gefängnis«, meinte Karolina Smaga zur Entscheidung des Gerichtes. Ihre Freundin Linda Cariglia nickte zur Bestätigung.

Asylantrag abgelehnt – Angeklagter wird abgeschoben

Verteidiger Friedbert Teutenberg hatte in seinem Plädoyer für den Angeklagten eine Bewährungsstrafe und die Aufhebung des Haftbefehls gefordert. Diesem Begehren folgte Vorsitzende Richterin Kirsten Reichmann ausdrücklich nicht. Das Gericht hege nicht nur »Zweifel an der Sozialprognose« für den Marokkaner, sondern befürchte auch, »dass der Angeklagte untertaucht«. »Der Asylantrag ist inzwischen bestandskräftig abgelehnt«, erklärte Richterin Reichmann. Der Marokkaner solle so schnell wie möglich in seine als sicheres Herkunftsland geltende nordafrikanische Heimat abgeschoben werden.

Dabei wissen die deutschen Behörden nicht mit Sicherheit, wer der Angeklagte genau ist. Bei der Zentralen Ausländerbehörde Bielefeld wird der Mann unter zwei verschiedenen Identitäten geführt, sagte die Richterin. Vor Gericht erklärte der Marokkaner, er sei ein 25 Jahre alter Berber aus der marokkanischen Sahara-Wüste.

 

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