Di., 05.03.2019

2018 verließen in OWL 18,3 Prozent mehr die christlichen Kirchen 9692 Kirchenaustritte

Symbolild.

Symbolild. Foto: Bernhard Pierel

Von Matthias Band

Bielefeld (WB). 9692 Menschen sind im vergangenen Jahr in Ostwestfalen-Lippe aus der Kirche ausgetreten. Das entspricht einer Steigerung im Vergleich zum Vorjahr von 18,3 Prozent. 2017 lag die Zahl der Kirchenaustritte in der Region noch bei 8195.

Das geht aus Zahlen des NRW-Justizministeriums hervor, die nach den Amtsgerichtsbezirken aufgeschlüsselt sind. Dem NRW-Justizministerium liegen allerdings keine Daten zur Verteilung nach Konfessionen vor. Die Kirchenaustritte müssen bei den Amtsgerichten erklärt werden, die Gründe für den Austritt werden dabei nicht erfasst.

NRW-weit traten im vergangenen Jahr 88.510 Menschen aus der Kirche aus. Das sind 22 Prozent mehr als 2017. OWL liegt also leicht unter dem Landesdurchschnitt. Im Bezirk des Landgerichts Bielefeld, der alle Amtsgerichte in den Kreisen Gütersloh, Minden-Lübbecke, Herford und Bielefeld umfasst, traten 6065 Menschen aus der Kirche aus (2017: 5141). Im Bezirk des Land­gerichts Detmold, das für den Kreis Lippe verantwortlich ist, ­waren es 1583 Personen (2017: 1428). Im Bezirk des Landgerichts Paderborn, der die Kreise Paderborn und Höxter umfasst, waren es 2044 Menschen – ohne den Bereich des Amtsgerichts Lippstadt, das zwar zum Landgerichtsbezirk Paderborn zählt, aber nicht zu OWL gehört (2017: 1626).

»2018 war ein sehr dunkles Jahr«

Angesichts der Austrittszahlen sagte der Kölner Kardinal Rainer Woelki der »Bild«-Zeitung«: »2018 war ein sehr dunkles Jahr, in dem das Vertrauen in die Kirche schwer erschüttert wurde. Wir wollen das Vertrauen der Menschen wiedergewinnen.« Dazu gehöre, Fehler schonungslos und konsequent aufzuarbeiten, um Misstrauen und Enttäuschung auszuräumen. Der Religionssoziologe Detlef Pollack von der Uni Münster erklärte hingegen, man dürfe die Zahlen in ihrer Dramatik nicht überbewerten. »Die Verbundenheit vieler Christen, insbesondere der Katholiken, mit ihrer Kirche ist nach wie vor hoch. Familiäre, kulturelle, mancherorts sogar nachbarschaftliche Zusammenhänge abzubrechen, ist für viele Menschen ein schwerer Schritt«, sagte er dem »Kölner Stadt-Anzeiger«. Angesichts des Missbrauchsskandals und anderer innerkirchlicher Konflikte sei ein Austrittsanteil von etwa 0,8 Prozent noch »verwunderlich gering«.

Dem Erzbistum Paderborn und der Evangelischen Landeskirche von Westfalen, die sich über unterschiedliche Territorien erstrecken, liegen eigenen Angaben zufolge noch keine Zahlen zu den Kirchenaustritten für 2018 vor. Die Amtsgerichte melden die Daten an die einzelnen Kirchengemeinden, diese wiederum stellen sie der Landeskirche beziehungsweise dem Erzbistum zur Verfügung. Zahlen zu den Kirchenaustritten wollen Landeskirche und Erzbistum im Sommer bekanntgeben.

Im Erzbistum Paderborn, in dem derzeit 1,5 Millionen Katholiken leben, waren 2017 insgesamt 7347 Menschen aus der Katholischen Kirche ausgetreten. 354 Menschen traten ein, 167 wechselten von einer anderen Konfession in die Katholische Kirche, 10.302 Personen wurden 2017 getauft. Aus der Evangelischen Landeskirche von Westfalen mit aktuell 2,2 Millionen Gläubigentraten 2017 insgesamt 14.037 Menschen aus. 16.713 Menschen wurden getauft, 3921 traten in die Landes­kirche von Westfalen ein.

Sexuelle Übergriffe: 1670 Beschuldigte

Ein Grund für den starken Anstieg der Austrittszahlen könnten die 2018 aufgedeckten Missbrauchsfälle sein. Eine von den deutschen Bischöfen beauftragte Forschergruppe hatte in den kirchlichen Akten der Jahre 1946 bis 2014 Hinweise auf 3677 minderjährige Betroffene sexueller Übergriffe und auf 1670 beschuldigte Priester, Diakone und Ordensleute gefunden.

Das Erzbistum Paderborn verzeichnete mindestens 197 Betroffene und 111 beschuldigte Kleriker. Von den 111 Beschuldigten sind 82 bereits gestorben. Erzbischof Hans-Josef Becker kündigte danach an, die bisherige Präventionsarbeit zu intensivieren. Zudem teilte er mit, dass das Erzbistum inzwischen der Staatsanwaltschaft Zugang zu allen von dort angefragten Unterlagen verschafft habe.

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