Mi., 06.03.2019

Urteil am Landgericht Bielefeld soll am Donnerstag fallen Giftbrote-Prozess: Ein Urteil und eine unbeantwortete Frage

Der Angeklagte Klaus O. mit seinen Anwälten.

Der Angeklagte Klaus O. mit seinen Anwälten. Foto: Wolfgang Wotke

Schloß Holte-Stukenbrock/Bielefeld (dpa). Warum hat Klaus O. Gift auf die Pausenbrote von Kollegen gestreut? Darauf ist beim Landgericht Bielefeld am Donnerstag (15 Uhr) keine Antwort zu erwarten. Im Prozess um die vergifteten Pausenbrote und dem Vorwurf des versuchten Mordes fällt das Gericht am Nachmittag ein Urteil. Eine Antwort auf das Warum werden die Anwälte der Opfer wohl auch zum Abschluss nicht bekommen.

Die ehemaligen Kollegen des Angeklagten hatten zum Prozessende bei den Plädoyers nochmals an den 57-jährigen Angeklagten appelliert, sich endlich zum Motiv zu äußern. Sie wollten aus seinem Mund hören, warum sie über Jahre nach wiederholten Vergiftungen immer schlimmer nierenkrank wurden. Ein dritter Kollege konnte nicht mehr selbst an dem Verfahren teilnehmen. Seine Eltern schilderten im Zeugenstand, wie ihr früher lebensfroher Sohn, angefangen mit leichten Taubheitsgefühlen und Schwächephasen, rätselhafterweise immer kränker wurde und heute im Wachkoma mit einem schweren Hirnschaden ein Pflegefall ist. Aussichten auf Besserung gibt es nicht.

Klaus O. schweigt weiter

Den verzweifelten Eltern auf der einen Seite saß ein Angeklagter gegenüber, der in dem Verfahren kaum eine Regung zeigte. Bis zuletzt sagte Klaus O. nichts zu den Vorwürfen. Prozessbeobachter wollen ein kurzes Zucken gesehen haben, als die Mutter des jungen Mannes ihn im Zeugenstand als »Irren« bezeichnete.

Ihr Sohn hatte nach der Ausbildung während des Studiums in dem Betrieb in Schloß Holte-Stukenbrock ausgeholfen. Wie seine älteren Kollegen hatte er ein distanziertes Verhältnis zu dem Angeklagten. Der gelernte Werkzeugmacher galt als fachlich versiert, half bei Problemen, ging ansonsten seinen Kollegen aus dem Weg. Ein Gespräch über Privates bei einer Tasse Kaffee gab es nicht. Aber auch keinen Streit.

Seine Kollegen fielen im Frühjahr 2018 aus allen Wolken, als die Sache aufflog. Der Anwalt eines kranken Nebenklägers sagte vor dem Prozessstart: »Es gab ein Vertrauensverhältnis wie in jedem Betrieb unter Kollegen, keiner hat mit so etwas gerechnet.«

An mehr als einen schlechten Scherz dachte zuerst niemand

Herausgekommen waren die Taten, als einer der heutigen Nebenkläger auffälliges weißes Pulver auf seinen Stullen entdeckte und fotografierte. Eine schnell aufgestellte Videoüberwachung überführte Klaus O. auf frischer Tat. In einem nur noch vermeintlich unbeobachteten Moment ging er an die Taschen der Kollegen, holte Dosen heraus, streute das Pulver auf die Brote und packte alles seelenruhig wieder zurück.

An einen Mordversuch dachte bis zu diesem Zeitpunkt noch keiner der Kollegen, mehr an einen schlechten Scherz. Erst als die Ermittler Krankheits- und Todesfälle beim Personal näher beleuchteten, wurde das Ausmaß deutlich. Bei Klaus O. fanden die Ermittler verschiedene Chemikalien wie Bleiacetat, Cadmium, Blei und Quecksilber und eine Notizenkladde. Außerdem belegten Spuren auf seinem Computer, dass er sich mit den Chemikalien beschäftigte.

Nach Forderung der Staatsanwaltschaft soll der Mann zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt werden. Lebenslange Haftstrafen bei versuchtem Mord sind in Deutschland eher die Ausnahme. »Ich habe so ein Urteil in meiner Karriere erst einmal erlebt«, sagt der Berliner Opferanwalt Roland Weber. Am Landgericht Bielefeld könnte am Donnerstag so ein Urteil gesprochen werden. Zumindest fordert die Staatsanwaltschaft lebenslange Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung. Da Klaus O. als psychisch gesund gilt, ist er voll schuldfähig. Eine Strafminderung scheidet aus.

Verteidiger fordern Freiheitsstrafe von neun Jahren

Nach Auffassung der Verteidiger sei wegen zwei der Fälle mit den Nierenschäden allenfalls eine Freiheitsstrafe von höchstens neun Jahren zu rechtfertigen. Ein Bezug zur Hirnschädigung des dritten Opfers sei Klaus O. im Verfahren nicht nachgewiesen worden.

Nebenkläger und Staatsanwaltschaft sehen das anders. Zwar ist im Körper des jüngsten Opfers Jahre nach der vermuteten Vergiftung kein Stoff mehr nachgewiesen worden. In der Natur aber kommen solche Vergiftungen in Deutschland nicht mehr vor, daher müssen die beim Angeklagten gefundenen Chemikalien der Auslöser sein. Und warum lebenslang? »Der Versuch des Mordes liegt in diesem Fall sehr nah am Tod«, sagte der Staatsanwalt in seinem Plädoyer.

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