Fr., 08.03.2019

Gericht verhängt Höchststrafe gegen Klaus O., der seine Kollegen vergiftete – mit Video Ein rätselhafter, stiller Mann

»Die Taten, die Klaus O. begangen hat, waren menschenunwürdig.«, erklärt Reinhard Ditrich, Schwager eines der Opfer, nach dem Urteil.

»Die Taten, die Klaus O. begangen hat, waren menschenunwürdig.«, erklärt Reinhard Ditrich, Schwager eines der Opfer, nach dem Urteil. Foto: Wolfgang Wotke

Von Wolfgang Wotke

Bielefeld (WB). Ob Klaus O. (57) bewusst ist, welches Leid er seinen Opfern angetan hat? Ist er sich über die Tragweite des Urteils überhaupt im Klaren? Er zeigt keine Regung während des Richterspruchs. Selbst seine Verteidiger sind skeptisch: »Wir haben versucht, ihm das in seiner Zelle zu erklären. Inwieweit er das verstanden hat, wissen wir nicht.«

Lebenslange Haft wegen versuchten Mordes und verschiedener Körperverletzungsdelikte und zur Sicherheit anschließende Sicherungsverwahrung, denn die Richter gehen von einem Hang zu weiteren schweren Straftaten aus – so lautet das Urteil. Zudem wird die schwere Schuld festgestellt. Damit folgte das Gericht den Forderungen der Staatsanwaltschaft und der Nebenkläger. Das ist die Höchststrafe in Deutschland. Mehr geht nicht.

»Dass wir in Revision gehen und das Urteil vom Bundesgerichtshof überprüfen lassen, ist doch klar. Das muss sein«, erklärten die Strafverteidiger Henning Jansen und Christina Peterhanwahr nach dem Ende des Prozesses.

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Ihm ist nichts geblieben, was das Leben lebenswert macht.

Der Vorsitzende Richter Dr. Georg Zimmermann über das Opfer Nick N.

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Der Vorsitzende Richter Dr. Georg Zimmermann hatte zuvor im vollbesetzen Saal 1 des Landgerichtes Bielefeld klar und präzise seine Urteilsbegründung formuliert: »Sie haben Gifte gemischt, die gefährlicher sind als Kampfstoffe, die im Ersten Weltkrieg eingesetzt wurden. Sie haben sie fünf Jahre lang unentdeckt eingesetzt und ausprobiert. Und sie haben immer weiter gemacht.«

Die Beweisaufnahme habe eindeutig belegt, dass es keine Zeit gegeben habe, in der sich Klaus O. nicht mit giftigen Stoffen beschäftigt habe. Nick N., der im Koma liege, habe sämtliche Funktionen seines Bewusstseins verloren. »Sie sind ausgeschaltet. Ihm ist nichts geblieben, was das Leben lebenswert macht. Er muss künstlich ernährt und beatmet werden, ganz zu Schweigen von der Belastung seiner Eltern, die ihn liebevoll seit mehr als zwei Jahren pflegen.«

Motiv bleibt im Dunkeln

Richter Zimmermann sagte, dass das Motiv bis heute im Dunkeln geblieben sei: »Wir wissen nichts darüber.« Die Schuld des Angeklagten wiege wegen der Folgen für die Opfer besonders schwer. Er sei heimtückisch und grausam vorgegangen.

In der Anklage steht: »Er hat sehen wollen, wie die Kollegen vor seinen Augen Schmerzen und Qualen erleiden.« Klaus O., so der Richter, sei auch nicht seelisch krank und deshalb womöglich schuldunfähig. »Das hat hier der psychologische Gutachter Dr. Carl-Ernst von Schönfeld nachvollziehbar dargelegt.« Der Richter wandte sich auch an den Nebenkläger Simon Radtke, der den Fall ins Rollen gebracht hatte: »Sie haben durch ihr verantwortungsvolles Handeln womöglich noch viele Leben gerettet.«

»Das hat er verdient«

Der gelernte Werkzeugmacher Klaus O. galt als technisch versiert, half bei Problemen, ging jedoch seinen Arbeitskollegen stets aus dem Weg. Gespräche über Privates bei einer Tasse Kaffee war mit ihm nicht möglich. Es gab aber auch keinen Streit. Er war ein rätselhafter, stiller Mann.

Rechtsanwalt Ralph Niemeier aus Bielefeld, der den Nebenkläger Simon Radtke vertrat, brachte es nach dem letzten Verhandlungstag auf den Punkt: »Es gibt keine Zufriedenheit, wenn ein Mensch lebenslang weggesperrt wird. Aber das war das erforderliche Strafmaß. Es ist die Höchststrafe, die ein deutsches Gericht verhängen kann, und die ist zu recht verhängt worden.«

Der Vater von Simon Radtke zeigte sich mit dem Urteil zufrieden: »Es ist mehr als gerecht. Das hat er verdient. Auch mein Sohn hat eine gewisse Genugtuung.« Reinhard Ditrich, der Schwager des Dialysepatienten und Nebenklägers Udo B., sagte: »Alle Opfer sind von der Tat gekennzeichnet. Sie können nicht das Leben führen, das wir führen. Sie müssen ständig zur Dialyse. Wer das kennt, der weiß, was das für die Lebensqualität bedeutet.«

21 weitere Verdachtsfälle

Staatsanwalt Veit Walter erklärte später, dass man die 21 Verdachtsfälle, die noch im Raum stünden, nicht aus den Augen verliere. »Das Ermittlungsverfahren wird weitergeführt.« Anwalt Niemeier: »Es würde Aufklärung und möglicherweise eine weitere Verurteilung bringen, aber das Strafmaß kann sich nicht mehr erhöhen.«

Übrigens: Die Ehefrau von Klaus O. musste während der Urteilsverkündung draußen auf dem Flur sitzen, weil sie im Saal keinen Platz mehr bekommen hatte.

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