Fr., 08.03.2019

Start-up Lytt entwickelt digitales Beschwerdesystem für Betroffene in Unternehmen Wenn der Kollege übergriffig wird

Lara von Petersdorff-Campen und Marvin Homburg ziehen mit ihrem Start-up Lytt nach Bielefeld.

Lara von Petersdorff-Campen und Marvin Homburg ziehen mit ihrem Start-up Lytt nach Bielefeld. Foto: Bernhard Hertlein

Von Bernhard Hertlein

Münster/Bielefeld (WB). »Ich habe mich vorher immer für eine starke Person gehalten«, berichtet Lara von Petersdorff-Campen. Und dann: sexistische Kommentare, immer neue Einladungen trotz mehrmaliger Ablehnung, Hand auf dem Oberschenkel. »Da habe ich gespürt, wie schwer es ist, gegen Übergriffe vorzugehen.«

Sicher gibt es in den Betrieben Geschäftsführer, Personalchefs, Abteilungsleiter, Kollegen und Betriebsräte, an die man sich wenden kann. Aber wer will schon als Spielverderberin dastehen? Als Zicke? Als jemand, der schlechte Laune verbreitet? Nicht jeder Mensch zieht die gleichen Grenzen für das, was er als übergriffig empfindet. Hinzu kommen Schamgefühl und die Angst, den Arbeits-, Ausbildungs- oder Praktikumsplatz zu verlieren.

Screenshot der App. Foto: André Günzel

»Immer mehr Unternehmen erkennen die Folgen von Diskriminierung«, sagt Marvin Homburg, neben von Petersdorff-Campen Gründer des Start-ups Lytt. Wer sich nicht wohl fühle, leiste weniger, sei öfter krank, kündige am Ende vielleicht sogar vorzeitig. Dabei geht es den Gründern auch um andere Formen der Diskriminierung, etwa aufgrund von Alter, Herkunft, Religion, sexueller Orientierung. Für alle hat Lytt – der Name bedeutet im Dänischen »Zuhören« – ein digitales Tool entwickelt, das Betroffene in Unternehmen anonym nutzen können.

»Schwierig ist vor allem der erste Schritt«

»Schwierig ist vor allem der erste Schritt«, sagt von Petersdorff-Campen. Lytts Tool, das sowohl am Computer als auch auf dem Handy abgerufen werden kann, leitet den Nutzer durch einfache Fragen. Die Antworten, auf einem Großteil der Strecke vorformuliert, müssen nur angeklickt werden. Dafür führten die Gründer hunderte Interviews in unterschiedlichen Betrieben. Zudem ließen sie sich von Experten der Psychologischen Fakultät der Universität Münster, wo sie Betriebswirtschaft studierten, sowie von Christine Lüders, die von 2010 bis 2018 die Anti-Diskriminierungsstelle des Bundes geleitet hat, beraten. Sie unterstützt Lytt auch weiter, unter anderem als Beirätin.

Homburg zufolge ist den Betroffenen vor allem zu Beginn Anonymität sehr wichtig. Daher bleibt die IP-Adresse des Absender-PC unbekannt. Der Ansprechpartner am anderen Ende, der extern oder intern sein kann, antwortet – für Dritte nicht einsehbar – auf der Internetseite, die durch Codes zweifach geschützt ist. Für besondere Fragen stehen im Hintergrund zusätzlich Juristen und Psychologen bereit.

Von Münster nach Bielefeld

Manche Probleme ließen sich aber auch sehr schnell lösen, etwa wenn Pin-up-Fotos als Belästigung empfunden werden. Da genüge es oft, wenn ein Außenstehender mit den Mitarbeitern spreche. »Wichtig ist, dass die Betroffenen diejenigen sind, die über das Verfahren bestimmen – auch darüber, wann es endet.«

Gegründet in Münster, zieht Lytt in Kürze nach Bielefeld bei der Founders Foundation ein. Es könnte dort zu einem der am schnellsten wachsenden Start-ups werden. Obwohl erst seit Mitte Januar wirklich am Start, steht Lytt eigenen Angaben zufolge bereits mit 50 möglichen Kunden in Kontakt. Mit vieren wurde sogar schon ein Vertrag abgeschlossen.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Google-Anzeigen

© WESTFALEN-BLATT
Vereinigte Zeitungsverlage GmbH

Alle Inhalte dieses Internetangebotes, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken, sind urheberrechtlich geschützt. Verwendung nur gemäß der Nutzungsbedingungen.

Anzeige


https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6456467?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198387%2F2513179%2F