Mi., 13.03.2019

Prozessauftakt am Landgericht – Live-Schalte nach Rumänien geplant Mit 2,9 Promille zugestochen

Angeklagt wegen versuchten Totschlags: Fleischarbeiter Flavius Florin C. (links) aus Rumänien soll mehrfach auf einen Landsmann in Bad Holzhausen eingestochen haben. Rechtsanwalt Christian Thüner aus Herford hat seine Verteidigung übernommen.

Angeklagt wegen versuchten Totschlags: Fleischarbeiter Flavius Florin C. (links) aus Rumänien soll mehrfach auf einen Landsmann in Bad Holzhausen eingestochen haben. Rechtsanwalt Christian Thüner aus Herford hat seine Verteidigung übernommen. Foto: Kai Wessel

Von Kai Wessel

Bielefeld/Preußisch Oldendorf (WB). Erst griff er zur Flasche, dann zum Messer: Seit gestern muss sich ein 23-jähriger Rumäne vor dem Bielefelder Schwurgericht wegen versuchten Totschlags verantworten. Laut Anklage hat er mehrfach auf einen Landsmann in Bad Holzhausen eingestochen. Das Opfer überlebte nur knapp.

Schauplatz der Tat war ein Haus an der Hartenkampstraße. Hier waren mehrere Gastarbeiter eines fleischverarbeitenden Betriebs untergebracht. Flavius Florin C. teilte sich ein Zimmer mit einem 28-jährigen Landsmann – bis es zu einem Streit kam, bei dem nicht nur Fäuste flogen, sondern auch ein Stuhl und ein Küchenmesser zum Einsatz kamen.

Laut Staatsanwaltschaft soll Flavius Florin C. im Verlauf der Auseinandersetzung zu diesem Messer gegriffen haben. Anschließend, so die Ermittlungen, soll er die 20 Zentimeter lange Klinge am Ohr des Mitbewohners angesetzt haben, um von dort weiter über die Wange bis zur Kehle zu schneiden. Dabei sei die Ohrmuschel des Opfers fast abgetrennt worden. Außerdem erlitt das Opfer Stiche in den Torso, einer ging haarscharf an der Niere vorbei. Dass der Mitbewohner den Angriff, der Züge eines Gemetzels hatte, trotz des sehr hohen Blutverlustes überlebt hat, sei nur einer schnellen notärztlichen Versorgung zu verdanken, hieß es.

In diesem Haus haben sich Täter und Opfer ein Zimmer geteilt. Foto: Kokemoor

Erinnerungslücken

Vor dem Schwurgericht machte der Angeklagte umfassende Angaben zum Tatvorwurf. Als Problem erwiesen sich dabei alkoholbedingte Erinnerungslücken. Ein ärztliches Gutachten hat Flavius Florin C. noch einige Stunden nach seiner Festnahme einen Blutalkoholwert von 2,29 Promille bescheinigt. Bei der Tat selbst soll Flavius Florin C. die Klinge mit 2,9 Promille in den Leib seines Mitbewohners gerammt haben. Der Richter: »Trinken Sie regelmäßig Alkohol?« Der Angeklagter: »Ja, aber eigentlich immer nur Bier.« Am Tatort wurden leere Whiskeyflaschen sichergestellt. »Ich hatte am Morgen zwei vom Penny-Markt gekauft«, sagte der Angeklagte.

Zu diesem Zeitpunkt, etwa zehn Stunden vor dem Streit, sei das Verhältnis zwischen Täter und Opfer noch ungetrübt gewesen. Flavius Florin C. beschrieb seinen Mitbewohner als »guten Jungen«. Gemeinsam habe man nach der Nachtschicht morgens den Einkauf erledigt, die Kosten geteilt. Anschließend seien sie aufs Zimmer gegangen. »Wir haben zusammen getrunken.« Wie Nachfragen des Richters ergaben, zog sich das Gelage aus Bier, Whiskey und Zigaretten offenbar über Stunden hin – von 9 Uhr morgens bis zum Streit um 19.20 Uhr.

Streitauslöser

Was der Auslöser für den Streit war, das blieb am ersten Prozesstag eher vage. Dafür konnte sich Flavius Florin C. noch gut erinnern, dass ihn sein Mitbewohner plötzlich attackiert habe. »Er griff mich an, ich versuchte ihn abzuwehren. Als ich einen Schnitt in meiner Hand spürte, war mir klar, dass er ein Messer hat. Ich schlug ihm mit der Faust ins Gesicht, um ihn zu entwaffnen. Wir fielen zu Boden, er würgte mich. Ich habe geglaubt, er wird mich töten.« Ob er noch wisse, wie er zum Messer gegriffen habe und wie oft er zugestochen habe? Nein, er sei im »Schockzustand« gewesen und wisse nur noch, dass er frei kam und aus der Wohnung lief.

In ihren polizeilichen Aussagen schildern hinzugeeilte Zeugen die Situation im Zimmer anders. Sie wollen gesehen haben, wie sich das Opfer mit einem Stuhl verteidigte und wie Flavius Florin C. seinen Landsmann mit den Worten »Ich töte dich« angeschrieen habe. Das Opfer soll zu diesem Zeitpunkt wehrlos auf dem Rücken gelegen haben.

Weil das Opfer sich nicht in der Lage sieht, zum Prozess nach Bielefeld zu kommen, hat der Richter inzwischen ein Rechtshilfeersuchen nach Rumänien versandt. Ziel sei es, den Geschädigten am 21. März per Video-Live-Schalte zu der Tat zu befragen. Bislang läge allerdings keine Antwort aus Rumänien vor. Verteidiger Christian Thüner betonte, dass es ein großes Anliegen seines Mandanten sei, sich bei seinem Landsmann zu entschuldigen.

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