So., 17.03.2019

August Oetker wird Sonntag 75 – und muss den Vorsitz im wichtigen Beirat abgeben Der Kapitän tritt kürzer

August Oetker in seinem Büro in der Bielefelder Konzernzentrale. Auch wenn er mit dem 75. Geburtstag als Vorsitzender des mächtigen Unternehmensbeirats abtreten muss, will er seinen Schreibtisch behalten. Er kümmert sich weiter um mehrere Stiftungen und die Rudolf-Oetker-Halle.

August Oetker in seinem Büro in der Bielefelder Konzernzentrale. Auch wenn er mit dem 75. Geburtstag als Vorsitzender des mächtigen Unternehmensbeirats abtreten muss, will er seinen Schreibtisch behalten. Er kümmert sich weiter um mehrere Stiftungen und die Rudolf-Oetker-Halle.

Von Bernhard Hertlein und Oliver Horst

Bielefeld (WB). August Oetker, der als Junge Kapitän werden wollte, kreuzte als Unternehmer oft in stürmischer See. Jetzt aber, nach seinem 75. Geburtstag an diesem Sonntag, möchte er endlich »das tun, was ich mag und wozu bislang zu wenig Zeit war«.

Konkret wird Oetker nicht, was seine genauen Pläne betrifft. Vielleicht liegt dies auch daran, dass er so vielseitig interessiert ist. Das Thema Nachhaltigkeit ist ein Steckenpferd des 1995 als Ökomanager des Jahres ausgezeichneten Jubilars. Zudem widmet sich Oetker gerne der Kunst und Kultur, seiner Büchersammlung, aber auch als Mitbegründer dem Fördercentrum Mensch & Pferd für Jugend­liche in Bielefeld.
Die Voraussetzung, mehr Zeit abseits des Konzerns zu haben, scheint künftig gegeben. Oetker muss nach dem Geburtstag das wichtigste Amt im Konzern, den Beiratsvorsitz, abgeben. So steht es in der Satzung, die von ihm selbst mitverfasst wurde – damals gemeinsam mit seinem 2007 gestorbenen Vater Rudolf August Oetker. Dessen Erbe an der Spitze des Familienunternehmens trat er 1981 an. Leicht war es nicht. Schließlich hatte der Patriarch den Konzern nicht nur nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut und weit nach vorne gebracht, sondern auch nach seinen Vorstellungen gestaltet.

Gelernter Reedereikaufmann

Mit August Oetker ging das Familienunternehmen in die vierte Generation. Er straffte die Sortimente und trieb die Internationalisierung voran. Rückblickend nennt er die Zusammenführung von drei Dr.-Oetker-Nahrungsmittelunternehmen zu der einen Dr. August Oetker Nahrungsmittel KG seinen größten Erfolg. Als er zum 1. Januar 2010 die Konzernführung – schon damals satzungsgemäß gezwungen – an seinen sieben Jahre jüngeren Bruder Richard abgab, hatten die Bielefelder längst an Fahrt zugelegt. Rückenwind kam vom Zusammenbruch des Warschauer Pakts, der deutschen Wiedervereinigung und dem florierenden Welthandel Anfang der 1990er Jahre.
Die schwierigste Entscheidung seiner Karriere musste August Oetker mit dem Verkauf der Schifffahrtslinie Hamburg Süd fällen. Da war er schon nicht mehr Kapitän auf dem Konzernschiff, sondern als Beiratsvorsitzender »nur« noch Lotse. Die Lage in der globalen Handelsschifffahrt war schwierig. Trotzdem hätte der gelernte Reedereikaufmann August Oetker die Hamburg Süd gern behalten. Immerhin büßte die Gruppe so die Hälfte ihres Umsatzes von 11,6 Milliarden ein. Doch die jüngeren Halbgeschwister drängten auf den Verkauf.

Büro im Unternehmen wird er behalten

In schwieriges Fahrwasser begab sich August Oetker auch, als er eine Historikerkommission beauftragte, die Geschichte des Unternehmens in der Nazi-Zeit aufzuarbeiten. Der Mut, anschließend selbst an die Öffentlichkeit zu gehen und die engen Verbindungen insbesondere von seinem Stief-Großvater Richard Kaselowsky (1888-1944), aber auch von seinem Vater zu führenden Verbrechern des Dritten Reiches zu thematisieren, brachte ihm neben Lob von einigen auch den Vorwurf ein, das eigene Nest beschmutzt zu haben. Doch er bereut es nicht. Auf die Frage, ob die Deutschen angesichts von Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus aus der Geschichte nichts gelernt hätten, sagte er dem WESTFALEN-BLATT: »Offenbar nicht. Leider.«
Als Unternehmenschef und Vizepräsident der IHK Ostwestfalen hat er die Diskussion um Werte offensiv geführt. Und er fühlte sich stets der Region verpflichtet, mit der er fest verwurzelt ist. Bielefeld ist noch immer Lebensmittelpunkt. Auch sein Büro im Unternehmen wird er behalten, um sich um Stiftungen oder die Rudolf-Oetker-Halle zu kümmern. Aus dem Unternehmen werde er sich künftig heraushalten, sind Wegbegleiter sicher. Da sei August Oetker konsequent und professionell. Aber wenn »AO«, so das firmenintere Kürzel, um Rat gefragt wird, gebe er ihn gerne.

Lieblingsprodukt: Vanillepudding mit Schokoladensoße

Besonders verpflichtet fühlte sich der Jubilar auch als Beiratsvorsitzender dem Management und der Belegschaft. Die Familie nennt er in diesem Zusammenhang nicht. Mit ihr, jedenfalls mit einem Teil, lag er zuletzt häufiger quer. Schon die Bestellung seines Bruders Richard als Nachfolger an der Konzernspitze stieß bei Maja Oetker, der dritten Ehefrau seines Vaters, auf Ablehnung. Sie hätte gern einen ihrer Söhne auf diesem Posten gesehen. Der Streit verschärfte sich, als Richard Oetker 2017 die Leitung an den langjährigen Manager Albert Christmann übergab. Nun dreht sich der Streit, der zum Teil an die Öffentlichkeit drang, um den Beirat als Kontroll- und Aufsichtsgremium.
Die Wahl der Unternehmerin Anna Maria Braun in das Gremium zog eine Klage der drei jüngeren Halbgeschwister nach sich. Die ruht – und soll möglichst außergerichtlich gelöst werden. Und nächste Woche wird ein Nachfolger an der Beiratsspitze gewählt. Ob es Louis Schweizer (51) wird? Von dem Sohn der älteren Halbschwester Rosely (78) wird vermutet, er könnte August Oetkers Unterstützung haben. Oder wird es doch Majas Ältester, der Vize-Beiratschef Alfred Oetker (51)? »Das wird der Beirat nach meinem Ausscheiden entscheiden«, sagt August Oetker. »Und dann geht es weiter.«
Feiern wird der Jubilar den Geburtstag im Kreis seiner Familie. Dann soll auch sein Lieblingsprodukt aus dem eigenen Hause aufgetischt werden: Vanillepudding mit Schokoladensoße.

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