Fr., 22.03.2019

Nach doppeltem Kindsmord an der Ziegelstraße: Fragen und Antworten zur häuslichen Gewalt Einer von mehr als 100.000 Fällen

In Bielefeld ist die Zahl der gemeldeten Fälle von häuslicher Gewalt zuletzt deutlich zurückgegangen.

In Bielefeld ist die Zahl der gemeldeten Fälle von häuslicher Gewalt zuletzt deutlich zurückgegangen. Foto: dpa

Von Henrik Wittenborn

Bielefeld (WB). Nur Wochen  vor dem Kindsmord an der Ziegelstraße meldete die Mutter der beiden Opfer damals einen Fall von häuslicher Gewalt  des am Mittwoch verstorbenen Tatverdächtigen. Bundesweit wird der Fall als einer von wohl mehr als 100.000 in die Kriminalstatistik 2019 eingehen. Was unternimmt die Polizei gegen häusliche Gewalt und wie können sich Opfer schützen? Das WESTFALEN-BLATT hat nachgefragt.

Wie viele Fälle von häuslicher Gewalt gibt es in Bielefeld?

Laut Kriminalstatistik der Bielefelder Polizei gab es im Jahr 2018 835 gemeldete Fälle. Die Zahlen sind damit gegenüber der Vorjahre deutlich rückläufig. 2016 gingen bei der Polizei noch knapp über 1000 Meldungen ein, 2017 waren es noch 997. Eine Erklärung für den Rückgang hat die Polizei Bielefeld nicht. »Die Arbeit hat sich in der jüngeren Vergangenheit nicht geändert«, teilt Polizeisprecherin Hella Christoph auf Anfrage mit. Allerdings könnte die Dunkelziffer weitaus höher liegen. Bundesweit soll bereits jede vierte Frau schon häusliche Gewalt erlebt haben, darüber gesprochen oder Anzeige erstattet werde allerdings nur in etwa 20 Prozent der Fälle.

Wer ist bei der Polizei zuständig?

Grundsätzlich können alle Polizeibeamten vor Ort, auf der Wache oder im Kriminalkommissariat mit dem Thema in Berührung kommen – je nach dem, wo die Opfer um Hilfe bitten. Im Kriminalkommissariat 11 sind laut Hella Christoph fünf Sachbearbeiter für die Fälle zuständig.

Gefährderansprache an den Beschuldigten

Wie geht die Polizei gemeldeten Fällen nach?

Nach der Meldung nehmen Polizeibeamte den Sachverhalt zunächst auf. Zudem wird eine so genannte Dokumentation erstellt, die im Anschluss dem Amt für Jugend und Familie übermittelt wird. Die Polizeibeamten entscheiden im Anschluss, ob eine Wohnungsverweisung ausgesprochen wird. Im weiteren Verlauf werden die Beteiligten von der Polizei vernommen. Je nach Sachlage wird an den Beschuldigten eine so genannte Gefährderansprache gehalten, das Opfer über Hilfsangebote informiert. Danach werden die Ermittlungen an die Staatsanwaltschaft abgegeben.

Was ist eine Wohnungsverweisung?

Die Polizei unterscheidet nach der Aufnahme des Sachverhalts zwischen zwei verschiedenen Arten der Wohnungsverweisung. Spricht sie dabei ein Rückkehrverbot für den Beschuldigten aus, darf sich dieser der Wohnung oder dem Grundstück im Anschluss für einen festgelegten Zeitraum nicht mehr nähern. Dieses Verbot gilt für einen festgelegten Zeitraum, zumeist für zehn Tage. Der Beschuldigte bekommt vor Verlassen des Hauses noch die Möglichkeit, persönliche Sachen zu packen.

Ein »alleiniges Rückkehrverbot« wird ausgesprochen, wenn sich die betreffende Person zum Zeitpunkt der Anordnung schon nicht mehr in der Wohnung befindet. Der zunächst mündlich ausgesprochene Verweis wird dem Betroffenen anschließend schriftlich bestätigt. Die Einhaltung des Rückkehrverbots wird im Anschluss über den bestimmten Zeitraum kontrolliert. Verstößt der Verursacher dagegen, droht ein Ordnungsgeld. Im vergangenen Jahr wurden in Bielefeld 220 Wohnungsverweisungen ausgesprochen, 2017 waren es noch 285.

Was können Opfer häuslicher Gewalt unternehmen?

Die Polizei rät, bei akuter Bedrohung die 110 zu wählen. Zudem können sich Betroffene einer Beratungs- oder Interventionsstelle für häusliche Gewalt in Verbindung setzen. Den Kontakt vermittelt die Polizei oder das Hilfetelefon »Gewalt gegen Frauen« unter 08000/116-016, rund um die Uhr und in vielen Sprachen .

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