Mi., 17.04.2019

Wie aus der Stabhochspringerin Yvonne Buschbaum der Mann Balian Buschbaum geworden ist – mit Video Glücklich wie ein Olympiasieger

Yvonne Buschbaum (links) gehörte zu den besten Stabhochspringerinnen der Welt, landete bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney auf Rang sechs. Heute trägt Buschbaum den Namen Balian und lebt seit 2008 als Mann. Im Jahr 2013 nahm er an der RTL-Show »Let’s Dance« teil. Fotos: imago

Yvonne Buschbaum (links) gehörte zu den besten Stabhochspringerinnen der Welt, landete bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney auf Rang sechs. Heute trägt Buschbaum den Namen Balian und lebt seit 2008 als Mann. Im Jahr 2013 nahm er an der RTL-Show »Let’s Dance« teil. Fotos: imago

Von Florian Weyand

Bielefeld (WB). Yvonne Buschbaum existiert heute nur noch in alten Zeitungen und Geschichtsbüchern. Im Internet, das normalerweise nichts vergisst, ist kaum noch etwas über sie zu finden. Dabei sammelte Yvonne Buschbaum im Stabhochsprung Titel und Medaillen, war Sechste bei den Olympischen Spielen in Sydney. Seit 2008 heißt Yvonne aber Balian, ist jetzt ein Mann – und ist endlich glücklich.

»Irgendwie bin ich anders.« Das Mädchen, das von den Eltern 1980 den Namen Yvonne bekommt, spielt lieber mit Lego Technik und nicht mit Puppen. Später hasst Buschbaum den Gang zur Frauentoilette, geht eine Tür weiter zu den Männern. Das Jungesein kann Yvonne nicht ausleben. So etwas wie Transsexualität oder Geschlechtsangleichung, davon will die Gesellschaft in den 1980er-Jahren nicht viel wissen.

Yvonne Buschbaum erfährt mit etwa 18 Jahren zum ersten Mal davon. Sie schiebt das Thema beiseite. Schließlich ist Buschbaum ein Stabhochsprungtalent: mehrfache Deutsche Meisterin, EM-Bronze und Sechste bei den Olympischen Spielen in Sydney. »Ich hatte alles erreicht, ich hatte ein Hollywood-Leben. Aber ich bin für die falsche Mannschaft gesprungen. Selbst bei den Olympischen Spielen war ich nicht glücklich«, sagt Buschbaum heute.

Homophobie und Transfeindlichkeit im Sport

In Bielefeld spricht er, der im 2008 mit der Geschlechtsangleichung begonnen hat, in der Schüco-Arena über Homophobie und Transfeindlichkeit im Sport. Ein sensibles Thema. Schwulenfeindliche Rufe gibt es heute nicht nur auf dem Dorfplatz, sondern immer noch in der Fußball-Bundesliga. »Was teilweise auf den Tribünen abgeht, das findet nicht unsere Zustimmung«, sagt Arminia-Präsident Hans-Jürgen Laufer.

Und in der Leichtathletik? Diskriminierung hat Balian Buschbaum als aktive Stabhochspringerin glücklicherweise selbst nicht erlebt. »Die Leichtathletik ist sehr familiär. Man sieht sich bei Wettkämpfen und in Trainingslagern immer wieder. Die Leute waren wie meine zweite Familie. Ich habe von niemandem irgendein negatives Wort gehört.«

Der Hass richtet sich eher gegen sich selbst. Während der Sportkarriere findet bei Yvonne Buschbaum ein Kampf gegen den eigenen Körper statt. Der Hass setzt Energie frei, im Training lässt sie den Frust raus. Die Erfolge im Sportstadion spenden nur kurz Trost. Das Grundproblem bleibt: Rechtlich ist Buschbaum eine Frau. Selbst sieht sie sich »aber als Mann, der mit weiblichen Geschlechtsmerkmalen geboren« wurde.

2004 droht Karriereende

Als vor den Olympischen Spielen in Athen 2004 die Achillessehne reißt, droht das Karriereende. Nach frustrierten Jahren mit vielen Operationen trifft Buschbaum eine Entscheidung, die das Leben verändert: Sie kontaktiert einen Arzt und entscheidet sich für die Geschlechtsangleichung. Aus der Stabhochspringerin Yvonne soll Balian werden. Und alle sollen es wissen.

Buschbaum informiert bewusst die Öffentlichkeit, schickt selbst eine Pressemitteilung heraus und gibt Interviews. »Es gibt so viele andere Menschen, die sich verstecken. Aber ich sehe dazu keine Notwendigkeit. Man muss sich für seine Vergangenheit nicht schämen«, sagt Buschbaum, der als Berater arbeitet und in Unternehmen, Universitäten und Schulen Aufklärungsarbeit leistet. Mit seinem Buch »Blaue Augen bleiben blau«, das über seine zwei Leben erzählt, landet er zudem einen Bestseller.

Heute ist Balian Buschbaum ein selbstbewusster Mann. Wer ihn nicht kennt, kommt nicht darauf, dass er 28 Jahre als Frau gelebt hat. »Wenn man mich draußen auf der Straße sieht, dann weiß man nichts von meinem Vorleben«, sagt Buschbaum, der nach einer Testosteronbehandlung mittlerweile einen kurzen Bart trägt und eine tiefere Stimme hat. Seine Popularität, für die neben dem Sport auch ein Auftritt in der RTL-Show »Let´s Dance« gesorgt hat, nutzt er zur Aufklärung: »Viele wissen nicht, wie Transsexualität entsteht, aber es kann in jeder Familie vorkommen.«

Die Politik tat sich mit Transsexualität und Geschlechtsangleichungen lange schwer. Heute ist das dritte Geschlecht (divers) aber anerkannt. Buschbaum sieht noch Nachholbedarf. »Die Gesetze sind erlassen, aber es ist nichts weiter passiert. Es müssen Schulungen zum Thema Vielfalt und Aufklärung stattfinden«, fordert er. Aber auch bürokratische Hindernisse gilt es noch zu überwinden. »Wenn man in der Transformation ist, dann hat man den Stimmbruch und schon Bartwuchs. Bis die Dokumente umgeschrieben sind, dauert es aber. Da hängt Deutschland hinterher. Andere Länder sind weiter.«

Er wird sich weiter für mehr sexuelle Vielfalt einsetzen. »Das muss zum Allgemeinwissen gehören«, sagt Buschbaum, der seit mittlerweile elf Jahren endlich so lebt, wie er leben möchte. Nicht mehr wie als Sportstar, aber glücklich wie ein Olympiasieger.

 

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