Do., 09.05.2019

Rapper Ben Salomo: Deutschland hat ein Antisemitismusproblem Spuckattacke auf Bielefelder Synagoge

Die Synagoge Beit Tikwa der Jüdischen Kultusgemeinde Bielefeld an der Detmolder Straße: Hier soll sich die Spuckattacke ereignet haben. Den Angaben des Gemeindevorstands zufolge wurde aber keine Anzeige erstattet.

Die Synagoge Beit Tikwa der Jüdischen Kultusgemeinde Bielefeld an der Detmolder Straße: Hier soll sich die Spuckattacke ereignet haben. Den Angaben des Gemeindevorstands zufolge wurde aber keine Anzeige erstattet. Foto: Thomas F. Starke

Von Jan Gruhn

Bielefeld (WB). Plötzlich soll ein junger Mann über die Straße gelaufen sein und versucht haben, die Türen der Synagoge gewaltsam zu öffnen. Dann habe er aufs Klingelschild gespuckt.

Wie Irith Michelsohn, Vorstand der Jüdischen Kultusgemeinde, auf Anfrage bestätigte, habe es am 29. April einen Vorfall gegeben. Gegenüber der Synagoge habe sich eine Gruppe von etwa zehn jungen Männern gesammelt. Einer der Männer habe sich von seinen Kumpanen gelöst und versucht, in die Synagoge zu gelangen. Weil das misslang, habe er sich rufend, mit wilden Gesten und Grimassen vor die Überwachungskamera gestellt. Dabei soll er nach Angaben von Mendelsohn das Klingelschild der Synagoge bespuckt haben.

Fall ist nicht angezeigt worden

Der Fall sei nicht zur Anzeige gebracht worden, sagte Michelsohn: »Zu geringfügig« sei der Schaden. Die Polizei bestätigte, dass keine Meldung vorliege. Es sei zudem der erste seiner Art gewesen, sagt Michelsohn. »In Bielefeld haben wir immer ein bisschen auf einer Insel der Glückseligkeit gelebt.« Im Rest der Republik – in Berlin und im Ruhrgebiet – sei die Lage eine ganz andere. Immer wenn wie jetzt zuletzt die Lage im Nahen Osten eskaliert, halte sie die Luft an – aus Angst davor, dass Übergriffe auf Juden in der Öffentlichkeit deshalb wieder zunehmen. Ähnlich sieht es Matitjahu Kellig, Vorsitzender der Jüdischen-Gemeinde Herford-Detmold: »Da geht mein Puls hoch.«

Für Rapper Ben Salomo wird es »jeden Tag schlimmer«

Für Ben Salomo ist der Bielefelder Fall nur einer von vielen. Auf der Facebook-Seite der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) habe er davon gelesen. Nach Ansicht des Berliner Rappers hat Deutschland nach wie vor ein Antisemitismusproblem. »Und es wird jeden Tag schlimmer«, sagt der Mann, der mit bürgerlichen Namen Jonathan Kalmanovich heißt und in Israel geboren wurde, aber in Berlin aufwuchs.

Bundesweit bekannt wurde er mit der von ihm gegründeten Konzertreihe »Rap am Mittwoch«. Salomos Standpunkt: Gerade in der Rap-Szene sind die alten Verschwörungstheorien weit verbreitet – weshalb er ihr im vergangenen Jahr den Rücken kehrte. Der Antisemitismus dort werde vor allem aus der Migrantencommunity gespeist, »oft unter dem Deckmantel des Israelhasses« sowie aus dem sich als links verstehenden, »palästinasolidarischen antizionistischen Spektrum«, sagt Salomo.

Podiumsdiskussion am Donnerstag in der Uni Bielefeld

Salomo bemängelt, dass der »Echo«-Skandal um die umstrittenen Deutschrapper Kollegah und Farid Bang in der Szene nicht für eine kritische Auseinandersetzung gesorgt habe: »Im Gegenteil: Die Szene hat sich sogar geschlossen hinter die beiden gestellt.« Kollegah und Bang hatten den »Echo« in der Kategorie Hip-Hop/Urban National gewonnen – nach einer Debatte um ihre als antisemitisch kritisierten Texte. Im Mittelpunkt stand vor allem die Zeile »Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen«.

Der Musikpreis war in der Folge komplett abgeschafft worden. Indes wirft Salomo besonders den Hip-Hop-Medien vor, sich nicht kritisch genug mit den Judenhass in der Szene auseinanderzusetzen. Vielmehr böten sie den Akteuren eine Plattform, ihre Botschaften in Interviews weiter zu verbreiten.

Am Donnerstag ist Ben Salomo in der Bielefelder Universität zu Gast. Um 18.30 Uhr nimmt er auf Einladung der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung an einer Podiumsdiskussion teil. Der Titel: »Guck mal, der Jude«. Salomo will dort über seine Erfahrungen mit Antisemitismus im Rap berichten.

Auch Irith Michelsohn will teilnehmen, wenn es die Terminlage zulässt. Ob es sich bei der Gruppe um den mutmaßlichen Klingelschild-Bespucker um Männer aus dem rechten Milieu oder um Personen mit Migrationswurzeln handelt, vermag sie nicht zu sagen. »Vielleicht war es auch Machtgehabe«, sagt Michelsohn. Junge Männer, die sehen wollen, ob sie provozieren können. »Wir nehmen auf jeden Fall alles auf, was an der Synagoge passiert.«

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