Do., 16.05.2019

Hellmut Kinszorra will an 1111 Tagen mit der Bahn fahren – Hälfte ist geschafft Dieser Eisenbahnfan bastelt an einem verrückten Rekord

Hellmut Kinszorra und seine Reisetasche auf einem Bahnsteig am Bielefelder Hauptbahnhof.

Hellmut Kinszorra und seine Reisetasche auf einem Bahnsteig am Bielefelder Hauptbahnhof. Foto: Jan Gruhn

Von Jan Gruhn

Bielefeld (WB). An 1111 Tagen hintereinander Bahn fahren: Was für andere nach Horror klingt, ist für Hellmut Kinszorra (67) ein persönlicher Rekordversuch.

Wo geht es heute hin? Diese Frage stellt sich Hellmut Kinszorra eigenen Angaben zufolge immer erst, wenn er schon am Bielefelder Bahnhof steht. Eher Richtung Köln oder eher Richtung Hannover? »Ich schau dann auf meinen Plan, welche Strecken mir noch fehlen«, sagt Kinszorra. »Oder welche Zugnummer ich noch nicht hatte.«

Viele Berufspendler, die sich täglich über Verspätungen oder Zugausfälle ärgern müssen, dürften den Rentner für verrückt erklären. Er sagt Sätze wie: »Ich fahre gerne mit der Eisenbahn spazieren.« Wobei das eigentlich nicht stimmt, denn wer spaziert, hat selten ein Ziel. Kinszorra indes hat eines.

»Es fing damit an, dass ich ein Kalenderjahr voll machen wollte«, sagt der Mann, der bis vor zwei Jahren in der Verwaltung in Bielefeld-Bethel gearbeitet hat. Jeden Tag Zug fahren, (fast) egal wohin. »Als das dann geschafft war, wollte ich die 444 voll machen.« Dann die 500 – und so weiter. Am Mittwoch waren 581 geschafft. Am Ende sollen es 1111 Tage werden. »Ich mag eben solche Zahlen«, sagt Kinszorra lapidar auf die Frage, warum er sich gerade diese Marke vorgenommen hat.

Fotos und Videos: Alles wird dokumentiert

Vielleicht seien es die Fahrten mit dem Schienenbus zum Osnabrücker Zoo gewesen, die das Feuer entfachten, rätselt Kinszorra. Oder der Tag, an dem er sich für 80 Pfennig ein Ticket kaufte, um nach der Schule mit der Dampflok von Halle (Kreis Gütersloh) zurück nach Hause nach Borgholzhausen zu fahren. Seit den 80ern widmete Kinszorra eigenen Angaben zufolge seine komplette Freizeit dem Schienenverkehr. Schon 1987 brachte ihm das einen kleinen Artikel im »Blickpunkt« ein, einer Konzernzeitschrift der Deutschen Bahn.

Hellmut Kinszorra vor einem Eurocity in Westerland/Sylt.

Doch Kinszorra fährt nicht nur, er hält seine Fahrten mit Fotos und Videos detailgenau fest. »Ich bin eben der geborene Verwaltungsmensch«, sagt er mit einem Augenzwinkern. Zum Beweis legt er eine kleine Auswahl vor: Ein Bild zeigt ihn an einem Bahnsteig vor einem Eurocity (EC). Im Hintergrund ist das Schild »Westerland (Sylt)« zu sehen. 1998 sei das gewesen, erklärt Kinszorra, vor der Rückfahrt mit dem EC Carl Maria von Weber bis Hamburg-Altona.

Lieblingsplatz: beim Lokführer

Ein anderes Bild zeigt ihn im Führerstand eines Intercity (IC). In Kinszorras Aufzeichnungen ist zu lesen: IC 715 Allgäu, aufgenommen am Dortmunder Hauptbahnhof, am 1.1.2001. Den Angaben zufolge hatte der Zug damals 60 Minuten Verspätung. »Am schönsten ist es natürlich, wenn ich beim Lokführer mitfahren darf«, sagt Kinszorra. Früher sei das einfacher gewesen. »Aber auch heute sagen die Leute manchmal: Komm, guck doch mal rein!«

Kinszorra im Führerstand eines IC.

Im Jahr nach seinem Renteneintritt sei er etwa 1000 Kilometer pro Tag mit dem Zug gefahren, rechnet Kinszorra. »In diesem Jahr bin ich etwas ruhiger. Da dürften es so 500 Kilometer sein.« Doch auch, als er noch gearbeitet hat, sei er schon so viel unterwegs gewesen. »Ich habe mir meinen Urlaub immer aufgespart, um ihn dann am Stück zu nehmen.« Statt wie andere am Strand zu liegen, habe er sich eben eine Monatskarte gekauft und sei fünf Wochen quer durchs Land gefahren.

Harte Worte für den Bahnvorstand

Für jemanden, der so ein großes Herz für die Eisenbahn hat, geht Kinszorra mit der Konzernführung der Deutschen Bahn hart ins Gericht: »Alle neuen Züge sind eine Zumutung für die Fahrgäste. Das hat mit Reisekultur nichts mehr zu tun.« Und weiter: »Wenn ein Großraumabteil voll ist, dann hat das bestenfalls noch Straßenbahnqualität.« Trotzdem wird er sich wohl wieder diese kleine, aber teure schwarze Bahnkarte kaufen, mit der er jeden Zug des Tages nutzen kann. Schließlich weiß er erst wenige Minuten vorher, wohin es ihn heute treibt. Und bis zur 1111. Fahrt dauert es noch etwas.

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