Do., 16.05.2019

Bizarrer Streit um Rechnung von 256 Euro mündet vor Gericht in Strafverfahren wegen eines Verbrechens Handwerker verfolgt säumigen Kunden

Symbolbild.

Symbolbild. Foto: dpa

Von Jens Heinze

Bielefeld (WB). Eineinhalb Jahre lang währte der Streit um eine nicht bezahlte Rechnung in Höhe von 256 Euro zwischen einem Bielefelder Handwerker (47) und seinem 45-jährigen Kunden. Der Zimmermann, der eigenen Angaben zufolge wegen massiver Außenstände seiner Auftraggeber die Selbstständigkeit inzwischen beendet hat und als Arbeitsloser jetzt Hartz-IV-Leistungen bezieht, hat das Geld für das Herrichten eines Gartenhauses vom Schuldner immer noch nicht erhalten.

Stattdessen musste sich der Bielefelder am Mittwoch wegen eines Verbrechens vor einem Schöffengericht des hiesigen Amtsgerichtes verantworten. Die Staatsanwaltschaft warf dem Handwerker vor, seinem Kunden mit dem Raubüberfall eines Schlägertrupps gedroht, den Bielefelder genötigt und ihm nachgestellt zu haben.

Die Anklage hatte es in sich. Vom Frühjahr bis zum Herbst vergangenen Jahres soll der Zimmermann beinahe täglich den Schuldner mit Handy-Kurznachrichten und E-Mails »bombardiert« haben, um an sein Geld für die im Jahr 2016 geleistete Arbeit zu kommen. Zudem soll der 47-Jährige bis zu 12 Mal am Tag vor der Haustür des säumigen Kunden gestanden und die Klingel gedrückt haben. Am 27. September 2018 soll die Situation dann endgültig eskaliert sein. Der Schuldner gab an, der Handwerker habe ihm morgens gegen 7.30 Uhr auf der Straße aufgelauert und ihm mit einem Schlägertrupp gedroht, sollte er nicht endlich zahlen.

Handwerker brauchte Geld für Lebensmittel

Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft erwiesen sich beim Prozess vor dem Schöffengericht im Großen und Ganzen als haltlos. Verteidiger Alexander Strato legte Vorsitzender Richterin Astrid Salewski eine Sammlung mit den Mails vor, die der Angeklagte an seinen Kunden geschickt hatte. Diese waren angesichts der Situation nicht nur ausgesprochen höflich, sondern zeigten auch auf, warum der 47-Jährige auf seinen 256 Euro beharrte: Der mittlerweile Arbeitslose brauchte Geld für Lebensmittel. »Der Mailverkehr ist ja völlig in Ordnung«, stellte die Richterin fest.

Die SMS-Kurznachrichten vom Handwerker auf das Handy des Kunden erwiesen sich zudem als Fehlinformation. Dokumentiert waren vielmehr sogenannte Zeitstempel der Videoüberwachung von der Haustür des zahlungsunwilligen Bielefelders – die Anlage hatte sich immer dann eingeschaltet und aufgezeichnet, wann der Zimmermann geklingelt hatte.

Letztlich hatte der Schuldner wegen »Telefonstalkings« und anderer Delikte zwar Anzeige bei der Kripo erstattet, konnte sich aber vor Gericht nicht mehr an Details erinnern. Auch der Vorwurf, der Handwerker habe einen Schlägertrupp schicken wollen, verlor sich im Nebulösen. Letztlich erklärte der säumige Kunde, warum er nicht zahlen wollte. Er habe im Jahr 2016 einen Schrebergarten übernommen und den Zimmermann mit Gestaltungsarbeiten beauftragt, sagte der 45-Jährige.

Teichwanne aus Kupfer demoliert

Als ein vom Handwerker beauftragter Subunternehmer eine Teichwanne eingebaut habe, sei ein Vogelhaus aus massivem Kupfer demoliert worden. Für den 1000-Euro-Schaden habe er die Auftragsfirma nicht haftbar machen können, da deren Adresse falsch gewesen sei. Daher behielt der Kunde die 256 Euro ein, die der Zimmermann für das Herrichten des Gartenhauses in Rechnung gestellt hatte.

Nach einstündiger Verhandlung war das Fazit von Vorsitzender Richterin Salewski eindeutig: Der Angeklagte hat sich einerseits keines Verbrechens schuldig gemacht und hat anderseits »einen legalen Anspruch« auf Bezahlung. Letztlich seien dem Handwerker nur noch versuchte Nötigung seines Kunden und Nachstellung vorzuwerfen. Das Strafverfahren gilt als eingestellt, wenn der Zimmermann binnen vier Monaten 100 Stunden gemeinnützige Arbeit ableistet.

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