Do., 16.05.2019

Bielefelder Wissenschaftler ruft zu Zivilcourage gegen Hass-Kommentare im Internet auf Konfliktforscher Zick: »Hass tut weh«

Konfliktforscher Andreas Zick

Konfliktforscher Andreas Zick Foto: imago

Bielefeld (epd). Der Konfliktforscher Andreas Zick hat zu Zivilcourage gegen Hasskommentare im Internet aufgerufen. »Wir müssen imstande sein, auf Hassbotschaften und Hassreden zu achten, selbst wenn sie gegen andere gehen«, sagte Zick im Gespräch mit Holger Spierig.

Hasskommentare im Internet könnten auch in reale Gewalt umschlagen. Sie übten jedoch bereits vorher psychische Gewalt über ihre Opfer aus, warnte der Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld . Hass im Internet wurde nach Einschätzung des Wissenschaftlers lange unterschätzt.

 

Wie gefährlich sind Hasskommentare in sozialen Medien?

Andreas Zick: Hasskommentare und Hate-Speech, das heißt Hassbotschaften gegen Menschen oder Gruppen, die der Herabsetzung und Verunglimpfung dienen, wurden lange unterschätzt. Sie können einmalig und harmlos sein, wenn einzelne Wut ablassen. Gefährlich werden sie, wenn sie zu Hass und Gewalt auffordern und die Menschenwürde angreifen. Gefährlich sind sie, weil selbst Hasskommentare von extremistischen Gruppen genutzt werden, um Menschen für ihre Ideologien und Zwecke zu rekrutieren und zu mobilisieren. Hasskommentare dienen der Vergemeinschaftung und der Radikalisierung. Diese Wirkung ist vielen, die kommentieren, oft nicht bekannt. Außerdem halten Hasskommentare menschenfeindliche und rassistische Bilder von Gruppen aufrecht. Sie sind gewissermaßen ein Container. Beim Antisemitismus ist das gut untersucht. Er wird durch Hasskommentare und Hassreden erhalten.

Die Opfer empfänden eine Schädigung

 

Sehen Sie einen Zusammenhang von Hasskommentaren und Gewalt?

Zick: Die Frage, wann ein Hassreden in Gewalt umschlägt, ist nicht einfach. Wir müssen die unterschiedlichen Formen der Gewalt unterscheiden. Wenn wir an psychische Gewalt denken, dann kann ein Hasskommentar als Gewalt betrachtet werden. Aus der Forschung wissen wir, dass eine Serie von Hasskommentaren gegen Menschen von den Opfern als Gewalt wahrgenommen wird und sie schädigt und beeinträchtigt.

 

...und körperliche Gewalt?

Zick: In physische Gewalt kann Hass umschlagen, wenn er zur Gewalt radikalisiert. Es gibt Täter, die über Hasskommentare in einen Zustand von Wut und Hass geraten und ihre Handlungen dann von der Emotion gesteuert werden. In der Regel aber kommt es auf die Umstände an. Menschen, die Hassbotschaften senden, sind eingebettet in ein Umfeld, das ihnen Normen vorgibt. In radikalen Gemeinschaften beobachten wir, dass sich Gruppen aufstacheln, die Norm herabsenken, Opfer bestimmen und die Gewalt im Vorfeld durch Verschwörungsmythen und Ideologien rechtfertigen. Es kommt also darauf an, wo jene, die hassen, eingebunden sind. Aber noch einmal: Der Hasskommentar kann psychologisch schon Gewalt bedeuten und ein aggressiver Akt sein. Hass tut weh. Das zeigen viele Studien.

 

Haben Hass und Häme in der Gesellschaft durch die sozialen Medien zugenommen?

Zick: Eine solide Studie, die ähnliche Auskunft wie Kriminalstatistiken gibt, liegt nicht vor. Allerdings mehren sich die Fakten, dass Hass und Häme deutlich zugenommen haben. Allein zwischen 2014 und 2015 haben die dokumentierten Fälle von Volksverhetzung und Gewaltdarstellungen im Netz um mehr als das dreifache zugenommen. Sobald Medienanbieter, Schulen und andere genauer hinsehen, stellen sie fest, dass Hass und Häme in den letzten Jahren zugenommen haben. In einer Studie zu Hass im Alltag Medienschaffender, die wir im Jahr 2016 unter 800 Journalisten durchgeführt haben, berichten 67 Prozent der Befragten, der Hass habe innerhalb von einem Jahr spürbar zugenommen. Wir müssen die Steigerungen aber gut einordnen, genauer dokumentieren und auch bessere Analysen vornehmen.

Viele vertrauten ihren Gefühlen mehr als Experten

 

Wie kommt es, dass Hass in den sozialen Medien so eskaliert?

Zick: Auf einer Konferenz am Zentrum für interdisziplinäre Forschung, die wir gerade beendet haben, wurde deutlich, dass die Eskalation historische Ursachen hat. Hass gehörte immer zur politischen Propaganda. Wir haben schon vor 20 Jahren Tausende von rechtsextremen Webseiten gehabt. Nun bietet das Internet neue Möglichkeiten über den Hass Gemeinschaften zu bilden. Im Netz tummeln sich Gruppen, die im Wettbewerb sind. In der Auseinandersetzung um politische Themen ist es en vogue geworden, Emotionen einfließen zu lassen. Die gesellschaftlichen Konflikte und Polarisierungen haben zugenommen. Das erleichtert die emotional begründete Kommunikation und auch den Hass, der auf Feindbildern basiert. Emotionskampagnen sind auch einfacher als Kampagnen mit rationalen Argumenten. Insofern sagt der Hass auch viel über den Zustand und Zusammenhalt von Gesellschaft. In unserer letzten repräsentativen Umfrage unter 2.000 Deutschen stimmt jeder zweite Befragte der Meinung zu: »Ich vertraue meinen Gefühlen mehr als sogenannten Experten.« Das macht Emotionskampagnen interessant.

Mehr Untersuchungen gefordert

 

Sollten sozialen Medien noch stärker reglementiert und kontrolliert werden, um Hetze im Netz einzudämmen?

Zick: Zumindest muss geklärt und reguliert werden, wer welche Verantwortung trägt. Dazu müssen wir die schädigenden Effekte aber noch genauer untersuchen und Instrumente entwickeln, die Opfern die Grundlage geben, Schutz und Ausgleich zu erfahren. Die konsequente Strafverfolgung von Volksverhetzung, Aufstachelung, extremistische Kampagnen und anderer Straftaten sollte Standard sein. Dazu müssen aber auch Gerichte und Gutachter besser ausgestattet und ausgebildet sein. Die Regulation und Eindämmung sollte auch nicht den Providern alleine überlassen werden. Firmen wie Facebook, Youtube und andere haben Verantwortung. In einer Demokratie sollten wir Firmen aber nicht die rechtliche Klärung und Strafverfolgung überlassen. Die Hoffung trügt. Wesentlich ist es also auch, jene zivilen Institutionen zu unterstützen, die dokumentieren, Schutz anbieten und Opfern helfen.

 

Was kann die Gesellschaft gegen eine Eskalation des Hasses tun?

Zick: Es gibt kaum noch Gruppen, die das Netz nicht nutzen. Die Frage geht also alle an. Ich rate zur Stärkung von Zivilcourage. Das heißt: Wir müssen imstande sein, auf Hassbotschaften und Hassreden zu achten, selbst wenn sie gegen andere gehen. Wir müssen sie dann richtig interpretieren: Wann ist es schädigend? Wann hole ich Hilfe? Wann muss ich es anzeigen? Interpretieren wir es richtig, müssen wir im Stand sein, die Verantwortung zu übernehmen und damit umzugehen. Wir spielen oft den Hass herunter, um die Verantwortung zu umgehen.

 

Was können wir außerdem tun?

Zick: Dann müssen wir richtige Strategien anwenden: Ignorieren, Löschen, Rat suchen, Aussteigen? Die Netzkommunikation und Wahl von Strategien sind ein Lernprozess. Am Ende steht die Handlung: Was tun, wenn wir sicher sind, dass es ein Hass ist, der schädigt? In komplexen, schnellen und sehr wettbewerbsorientierten Gesellschaften ist die Gefahr mangelnder Zivilcourage hoch. Der Hass im Netz, das zeigen Studien immer deutlicher, hat eine Entsprechung außerhalb des Netzes. Hassgruppen, die im Internet aktiv sind, aber auch außerhalb des Netzes Zeichen setzen, erhalten sich länger. Der derzeit immer stärker gewaltorientierte Rechtsextremismus ist Ausdruck wie Folge von Entwicklungen. Das hat nichts mit Alarmismus zu tun.

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