Do., 16.05.2019

Klaus Hurrelmann über seine kriminelle Vergangenheit und ein neues Bildungssystem Mädchen sind besser, Jungen steigen auf

Klaus Hurrelmann (rechts) diskutiert mit Schülern des Ceciliengymnasiums über die Persönlichkeitsentwicklung.

Klaus Hurrelmann (rechts) diskutiert mit Schülern des Ceciliengymnasiums über die Persönlichkeitsentwicklung. Foto: Gido Fingberg

Von Moritz Trinsch

Bielefeld (WB). Prof. Klaus Hurrelmann (75) hat zusammen mit 300 Schülern des Cecilien- und des Helmholtz-Gymnasiums über die Persönlichkeitsentwicklung von Jugendlichen diskutiert. Vor allem die Schule trage dazu bei, dass sich Mädchen und Jungen unterschiedlich entwickeln.

Klaus Hurrelmann ist Sozial-, Bildungs- und Gesundheitswissenschaftler an der Hertie School of Governance in Berlin. Davor lehrte er lange Jahre an der Uni Bielefeld. Schwerpunkt seiner Forschung sind die Bereiche Sozialisation im Kindes- und Jugendalter.

Grundlegend für die Persönlichkeitsentwicklung seien vier Aufgaben: Bildung, Beziehungsaufbau, Regeneration und Wertefindung. Das schwierige daran sei, die Mitte zu finden zwischen Individualität (anders sein als andere) und Integration (Bestandteil der Gesellschaft). »Es gibt keine Garantie, dass einem das gelingt.«

Misslingt einem das Zusammenspiel der Aufgaben, bleibe für viele nur der Ausweg in die Alkohol- oder Drogensucht. Andere werden kriminell. So auch Klaus Hurrelmann.

»Ich wollte kein ›angepasster Streber‹ sein«

»Eigentlich wollte ich mich auf das konzentrieren, warum ich hier bin. Bildung.« Dennoch wird der soziale Druck zu groß. Er beginnt zu klauen und fliegt von der Schule. »Ich wollte auf mich aufmerksam machen und provozieren. Ich wollte kein ›angepasster Streber‹ sein.« Heute ist er ein bundesweit angesehener Professor. »66 Prozent aller Menschen die schon früh mit Entwicklungsproblemen konfrontiert sind, werden sie niemals lösen können« erklärt Hurrelmann den Schülern.

Barbara A. Kerr von der Universität von Missouri zeigt auf, dass es gerade bei Jungen häufig zu diesem Phänomen kommt. »Jungen lernen von frühester Kindheit an, dass Intelligenz nur dann honoriert wird, wenn sie mit guter körperlicher Entwicklung einhergeht.« Auch, dass man sich für gute schulische Noten anstrenge, sei bei Jungen-Cliquen eher nicht mit dem Männlichkeitsideal vereinbar. Entweder man hat Erfolg in der Schule oder nicht.

Jungen hätten somit nur die Möglichkeit sich mit der »sozialen Zurückweisung« zu arrangieren oder das »Talent der Minderleistung zu entdecken«. Bei Mädchen würde sich ein solches Verhalten erst auf dem Weg in den Beruf zeigen. »Intelligenz, das ehemals attraktive Charakteristikum, wird nun abgelöst vom sozialen Bild der perfekten Frau und dem oft unerreichbaren Ideal körperlicher Schönheit«.

»Fordert Schule und Lehrer heraus«

Klaus Hurrelmann macht den Schülern deutlich: »Gerade ihr seid mit so vielen Änderungen konfrontiert, dass die Schule einen wichtigen Ankerpunkt darstellen muss« Deshalb plädiert er für strukturelle Änderungen. Diese würden aktuell Mädchen bevorzugen. »Frauen sind nicht das bessere Geschlecht, aber sie können besser mit den gegebenen Bedingungen umgehen. Das Problem ist aber, dass sich das noch nicht im beruflichen Alltag widerspiegelt.«

Beispielsweise hätten Mädchen, aufgrund des schnellen Lerntempos im Schnitt bessere Noten. Andererseits zeigen Studien, dass Jungs, außerhalb des Unterrichts, doppelt so oft Klassen überspringen wie Mädchen.

Am Ende der Diskussion appelliert Hurrelmann an die Abiturienten: »Fordert die Schule und eure Lehrer heraus. Setzt Themen auf den Lehrplan.« Die Auseinsandersetzung mit sich selbst müsse in jeder Schule auf dem Lehrplan stehen. Denn nur, wenn man weiß wer man ist, könne man einen Weg im Leben gehen, den man selbstbewusst in der Gesellschaft vertreten kann.

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