Do., 16.05.2019

Verbraucherzentrale: Firmen nutzen Situation aus – Tipps für Betroffene Flüchtlingen droht Schuldenfalle

Ein falscher Klick reicht: Einige Flüchtlinge buchen versehentlich Leistungen mit Zusatzkosten oder mit langen Vertragslaufzeiten.

Ein falscher Klick reicht: Einige Flüchtlinge buchen versehentlich Leistungen mit Zusatzkosten oder mit langen Vertragslaufzeiten. Foto: dpa

Von Moritz Trinsch

Bielefeld (WB). Statt Flüchtlinge über Zusatzkosten oder lange Laufzeitverträge aufzuklären, nutzen manche Unternehmen nach Angaben der Verbraucherzentrale Unwissenheit und schlechte Deutschkenntnisse gnadenlos aus. Sie verkaufen Leistungen, die Flüchtlinge auf Dauer nicht bezahlen können.

Oft rutschen die Flüchtlinge bereits nach kurzer Zeit in die Überschuldung. Mit dem Angebot »Get In – Fit für den Konsumalltag« will die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen die Flüchtlinge schützen. Allein in Bielefeld konnten im vergangenen Jahr bereits 1556 Flüchtlinge erreicht werden.

Das Integrationsprogramm der NRW-Verbraucherzentrale ist bundesweit einzigartig. Erstmals gibt es Workshops, bei denen Flüchtlinge über verbraucherrechtliche Themen aufgeklärt werden. Die Verbraucherzentrale arbeitet dabei mit den Trägern von Integrationskursen und Flüchtlingsunterkünften zusammen. Flüchtlinge aus Bielefeld interessieren sich vor allem für Themen rund um die eigene Wohnung und Verträge. »Entscheidend ist es, die Geflüchteten so früh wie möglich zu erreichen. Am besten, bevor irgendwelche Unterschriften gesetzt worden sind«, erklärt Sogol Samimi von der Beratungsstelle Bielefeld.

Bildungstrainerin studiert in ihrem Heimatland und in Deutschland

Sogol Samimi ist selbst erst 2013 nach Deutschland gekommen. Die im Iran geborene Bildungstrainerin studierte in ihrem Heimatland und in Deutschland. Anders als für sie seien die Herausforderungen für Flüchtlinge weitaus größer. »Ich hatte Freunde, die mich immer unterstützt und bei jeder Vertragsunterzeichnung begleitet haben. Den Geflüchteten steht niemand zur Seite. Verbraucherzentralen sind oft die erste und einzige Anlaufstelle, die ihnen Hilfe anbietet.«

Eines der größten Probleme der Flüchtlinge sei die Schuldenfalle. Hier kollidieren die Erfahrungen aus den Herkunftsländern mit der Realität in Deutschland. Schufa und Inkasso gebe es in Syrien, Iran oder dem Irak nicht. »In den Heimatländern läuft vieles staatlich. Wenn etwas nicht mehr bezahlt wird, gibt es eben auch keine Leistung mehr«, erklärt Samimi. In Deutschland werden schnell Mahngebühren fällig, und Inkassofirmen stehen vor der Tür.

Ganz banale Dinge klären

Aber auch ganz banale Dinge müssen in den Workshops geklärt werden. So bildet sich im Iran kein Schimmel in der Wohnung: Die trockene Luft verhindere, dass Schimmel entsteht. In Deutschland gebe es dagegen verschiedenste Möglichkeiten der Schimmelbildung. »Geflüchtete müssen Schimmel erkennen können und wissen, dass das gesundheitsschädlich ist.«

Ein Forschungsprojekt der Uni Siegen liefert der Verbraucherzentrale Hintergründe über die Herkunftsländer. »Das ist ein guter Informationsaustausch. Damit können wir unsere Workshops gezielter auf die verschieden Gruppen ausrichten«, so Samimi.

Das vom Land NRW geförderte Programm ist bis Ende des Jahres befristet. Sogol Samimi geht allerdings davon aus, dass auch weiterhin Workshops angeboten werden. »Eine solche Begrenzung ist erst einmal Standard. Wir haben aber so viele Anfragen, das wir noch weit bis ins nächste Jahr beschäftigt sein werden.«

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