Sa., 18.05.2019

Planer verschrecken Bezirkspolitiker und erzürnen Naturschutzverbände Platz für 11.000 Neu-Dornberger

Zwölf Erweiterungsflächen schlagen die Planer in Babenhausen/Dornberg vor.

Zwölf Erweiterungsflächen schlagen die Planer in Babenhausen/Dornberg vor. Foto: Karte: Cityförster, Urbanegestalt, SHP Ingenieure

Von Michael Schläger

Bielefeld (WB). Knapp 20.000 Einwohner hat der Stadtbezirk Dornberg heute. Geht es nach den Planern der Büros »Cityförster«, »Urbanegestalt« und »SHP Ingenieure« könnten es bald 30.000 sein. Sie haben jetzt Pläne für ein neues Quartier vorgelegt. Bielefelds Naturschutzverbände sind entsetzt.

So hatten sich das die Politiker der Bezirksvertretung Dornberg wohl nicht vorgestellt. Im nichtöffentlichen Teil ihrer jüngsten Sitzung am 9. Mai stellten die Planer ihren aktuellen Sachstand für das Ortseilentwicklungskonzept Banhausen/Dornberg vor.

Die Zahlen sind gewaltig: Eine Fläche von 85 Hektar soll neu bebaut werden, wovon 11,5 Hektar auf Gewerbegebiete entfielen. 4811 Wohneinheiten könnten entstehen, Platz für bis zu 11.000 Menschen. Die Probleme der wachsenden Großstadt Bielefeld wären auf einen Schlag gelöst. Schließlich spricht Planungsdezernent Gregor Moss immer von 5000 fehlenden Wohnungen in der Stadt.

»Reden in Nebelwände«

Eigentlich hatten sich die Politiker das Ganze aber eine Nummer kleiner, überschaubarer gedacht. Aus der Sitzung hinter verschlossenen Türen drang dann doch das ein oder andere zu den Naturschutzverbänden. Dort kann man kaum fassen, was sich die Planer ausgedacht haben – soweit man denn die Details kennt.

»Hier geht es doch nicht um irgendein Bauerwartungsland, das darauf wartet, verbraten zu werden«, ist Claudia Quirini vom Naturwissenschaftlichen Verein empört, verweist auf die Artenvielfalt im Johannisbachtal inmitten des Zukunftsquartiers. Und Prof. Dr. Tilman Rhode-Jüchtern, Vorsitzender von Pro Grün, beklagt: »Wir reden ständig in Nebelwände hinein.« Nur zum Schein seien offenbar Naturschutzverbände und Bürger in den Planungsprozess der Ortsteilentwicklung einbezogen worden. »Das hat nichts mit Transparenz zu tun«, sagt Adalbert Niemeyer-Lüllwitz vom BUND.

»Mit dem Ortsteilentwicklungskonzept Babenhausen bietet sich die einmalige Chance, einen Ort zu schaffen, der erstmals den Rand der Kernstadt, die Kulturlandschaft und die Ortschaften stadträumlich und mobilitätstechnisch nachhaltig verbindet«, sind dagegen die Planer begeistert. Sie wollen die Schloßhofstraße ins neue Stadtquartier verlängern. Die Stadtbahnlinie 4, deren Verlängerung bis zur Dürerstraße bereits beschlossen ist, sollte nach ihren Vorstellungen bis nach Babenhausen-Süd führen und mit der Linie 3 verbunden werden.

Siedlungsinseln

In ihrer Präsentation, die dieser Zeitung vorliegt, sprechen sie von »Siedlungsinseln als Perlenkette« entlang der Babenhauser Straße. Diese Inseln könnten an ihren Rändern erweitert werden. Das größte Plangebiet aber wäre eine 33 Hektar große Fläche zwischen Röteweg und Am Poggenbrink.

Die Kernstadt könne zur Landschaft hin abgeschlossen werden, rund um den Johannisbach eine »identitätsstiftende grüne Mitte« entwickelt werden. Umschlossen wäre sie von »Geschosswohnungsbauten, gestapelten Reihenhäusern, Generationenwohnen«, Gebäuden, in denen Wohnen und Arbeiten kombiniert werden könnten, Kleinstwohnungen und studentischem Wohnen. »Ein landschaftliches Fuß- und Radwegenetz« solle die »grüne Mitte« durchdringen.

Im Rathaus gibt es durchaus Befürworter eines neuen Stadtquartiers nordwestlich der Uni. »Es muss aber alles zueinander passen«, sagt Ralf Nettelstroth (CDU) und tritt ein wenig auf die Bremse. Seine Partei hatte bereits 2015 die Ausweisung von Baugebieten in diesem Areal gefordert. Auch die Liberalen können sich das vorstellen.

Abwartende Politiker

Jens Julkowski-Kepler, Fraktionschef der Grünen, kommen die Planungsüberlegungen zu früh. »Wir arbeiten zurzeit am Konzept für ein kommunales Baulandmanagement«, sagt er. Bei dem würde die Stadt als Grundstücks-Zwischenhändler auftreten. Erst wenn das möglichst vor der Sommerpause verabschiedet sei, könne man über Entwicklungsareale sprechen, »immer in Abstimmung mit den Bürgern«, wie er betont.

Ähnlich sieht es auch SPD-Fraktionschef Georg Fortmeier, selbst Dornberger. Er spricht von »ersten Überlegungen«, findet es unglücklich, dass diese zu diesem Zeitpunkt öffentlich geworden seien.

Erste Anregungen zu einem neuen Uni-Viertel gab es bereits vor drei Jahren in Workshops zur Wissenschaftsstadt Bielefeld. Schon das war den Dornbergern nicht geheuer. Auch deshalb brachten sie ihr eigenes Ortsteilentwicklungskonzept auf den Weg, eigentlich mit dem Ziel einer engen Bürgerbeteiligung. Anwohner Berthold Griese, der in der Initiative »Bielefeld natürlich« mitarbeitet« aber ist enttäuscht: »Von einem ehrlichen Bürgerdialog kann bei solchen Plänen nicht die Rede sein.«

Kommentar von Michael Schläger

Die Bevölkerung Bielefelds ist in den vergangenen Jahren um rund 20.000 auf 340.000 Menschen angewachsen. Das entspricht einer Kleinstadt wie Enger. Ein solcher Zuwachs kann auf die Dauer nicht durch das Füllen von Baulücken im Bestand weggesteckt werden. Neue Baugebiete müssen her. Das jetzige Paprikabündnis und die frühere Ampelkoalition im Rathaus müssen sich vorwerfen lassen, hierfür keine langfristige Strategie entwickelt zu haben.

In ihre »Regierungszeit« fällt der Bevölkerungszuwachs. Deshalb kommen Überlegungen wie die, nordwestlich der Uni ein neues Quartier mit 4800 Wohnungen zu schaffen, mit einer solchen Wucht daher, schocken Anwohner und Naturschützer. Ohne weiteren Flächenverbrauch wird es wohl nicht gehen. Aber bitte in einem abgestimmten Prozess und zusammen mit Bürgern und Verbänden. Sonst droht Blockade durch Proteste und Klagen. Das hilft niemandem.

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