Di., 21.05.2019

Dachbegrünung: Armin Halfar realisiert Pläne von Insect Respect auf seiner Firma Ein Paradies für heimische Insekten

Schöner Wohnen für Insekten: Die Mischung der Pflanzen auf dem Dach macht ebenso wie altes Totholz und die Bruchsteine den Unterschied. Einen ganzen Tag packten Mitarbeiter rund um Firmenchef Armin Halfar an und pflanzten. Allein 40 verschiedene Pflanzenarten, Kräuter und Stauden wurden gesetzt.

Schöner Wohnen für Insekten: Die Mischung der Pflanzen auf dem Dach macht ebenso wie altes Totholz und die Bruchsteine den Unterschied. Einen ganzen Tag packten Mitarbeiter rund um Firmenchef Armin Halfar an und pflanzten. Allein 40 verschiedene Pflanzenarten, Kräuter und Stauden wurden gesetzt. Foto: Bernhard Pierel

Von Michael Diekmann

Bielefeld (WB). Mit Taschen kennen sie sich bei Halfar aus. Mit Insekten auch. Auf dem Flachdach seiner Taschenproduktion treten Unternehmer Armin Halfar, seine Mitarbeiter und Dr. Hans-Dietrich Reckhaus mit seiner Initiative »Insect Respect« jetzt den Beweis an, wie der Mensch mit Begrünung dringend erforderliche Lebensräume für Insekten schafft.

»Insekten leisten Großes für den Menschen«, sagt Armin Halfar. Nicht nur Bienen, auch Mücken, Fliegen und viele weitere Insekten tragen zur Bestäubung bei. Der größte Feind der Insekten ist die Zivilisation, insbesondere Flächenversiegelung und fortschreitende Monokultur in der Landwirtschaft.

Armin Halfar und sein Team stehen in dem mittelständischen Unternehmen in Oldentrup schon seit langem für den Vorsprung, den man durch konsequente Nachhaltigkeit erreicht und dabei einen existenziell wichtigen Beitrag für die Erhaltung der Schöpfung leistet. Am Wochenende war dieser Beitrag verknüpft mit einer großen Gestaltungsaktion auf dem Firmendach: Halfar baut insektenfreundlichen Lebensraum.

»Einen Beitrag für den Lebensraum der Insekten kann jeder mit einfachen Mitteln leisten«, erklärt Biologe Dr. Philipp Unterweger. Er ist der erste Wissenschaftler, der seine Doktorarbeit der Aufgabenstellung gewidmet hat, wie der Mensch diesen Lebensraum für Insekten schafft.

Unterweger begleitet die Aktion auf dem Halfar-Dach. Und Unterweger ist wissenschaftlicher Begleiter von Unternehmer Dr. Hans-Dietrich Reckhaus. Der Sennestädter ist der Initiator von Insect Respect. Das vielfach ausgezeichnete Gütezeichen garantiert nach eigenen Angaben eine Kompensation für den Insektenverlust, der durch die Anwendung von Insektenbekämpfungsprodukten im Innenraum entsteht.

Begeisterte Mitarbeiter

Auf den Flächen von Insect Respect, erklärt Reckhaus, finden die sechsbeinigen Insekten Nahrungs-, Versteck- und Überwinterungsmöglichkeiten. Reckhaus finanziert Konzepte und Pflanzen. Was der Sennestädter allerdings benötigt, sind von der Nachhaltigkeit überzeugte Zeitgenossen wie Unternehmer Armin Halfar, der nicht nur Geld investiert und Flächen bereit stellt, sondern längst auch seine Mitarbeiter von der Idee des Insektenprojekts überzeugt hat. Für die Teilnahme an der Pflanz- und Gestaltungsaktion jetzt, freut sich Halfar, meldeten sich deutlich mehr Beschäftigte als man einsetzen konnte. Halfar: »Aber wir sind ja noch nicht fertig, sondern haben die nächsten Projekte längst in Vorbereitung.«

Engagiert: Insect Respect-Initiator Dr. Hans-Dietrich Reckhaus, Schüler Laurenz (12), Anke Stratemann (Buchhaltung), Gabriele Kieselbach (Einkaufsleitung), Armin Halfar und Biologe Dr. Philipp Unterweger bei der Planung der nächsten Arbeitsschritte. Foto: Bernhard Pierel

Samstag sind die Mitarbeiter ihrer Firma an der Ludwig-Erhard-Allee aufs Dach gestiegen. Nachdem es bereits beim Blick aus der Musterschau ein Flachdach mit den klassischen Sukkulenten auf einem Dach gegeben hatte, entsteht jetzt auf 480 Quadratmetern eines anderen Dachteils ein rundum insektenfreundlicher Lebensraum.

Wichtig ist für den Biologen, dass die Insekten nicht nur Nahrung finden, sondern auch Verstecke, Wasser und Platz für ihre Nachkommen und für den Winter. Dabei spart Unterweger nicht mit einleuchtenden Beispielen. So wie dem Schmetterlingsstrauch, der während der Blüte von Faltern umschwärmt wird. Unterweger: »Das ist quasi wie eine Tankstelle, aber kein Hotel und keine Geburtsklinik.«

Auf Halfars Dach hat Unterweger ein regelrechtes Insektenparadies geplant, wenn auch drei Etagen über dem Erdboden und im Alltag für den Menschen nicht erreichbar. Das vorhandene Flachdach ist extra mit Kies und speziellem Granulat erhöht worden auf etwa 16 Zentimeter Höhe. Allerdings sind auch Anhäufungen da, gibt es an anderer Stelle eine kleine Wasserfläche im Kies. Den wesentlichen Unterschied zu konventionell begrünten Dächern macht laut Unterweger aber die regionale Beschaffenheit des Materials und der Pflanzen.

Verschiedene Holzarten

So schafft Tristan (14) einen ganzen Zweitonner-Anhänger mit Restholzstämmen aufs Dach. Es sind, sagt Halfar, neun verschiedene Holzarten, vom Obstbaum bis zur Weide, alles aus dem Waldstück eines Mitarbeiters. Dazu hat man mehr als eine Tonne Bruchsteine besorgt. Jetzt sind die Mitarbeiter auf dem Dach dabei, die Steine exakt nach dem eingemessenen Plan des Biologen zu Steinhaufen zu stapeln, Zwischenräume mit feinem Granulat zu verfüllen. In den Höhlen werden Insekten überwintern, finden sie Zuschlupf. In den vermodernden Holzstapeln finden sie ebenfalls vertrautes Lebensumfeld und Zellulose zum Bauen von Nestern.

Auf dem Holzweg: Vermodernde Stammreste geben Insekten Lebensraum, aber auch Zellulosematerial für den Nestbau. Foto: Bernhard Pierel

Dazu hat Unterweger jede Menge heimische Pflanzen mitgebracht. Etwa 80 Pflanzen kommen in Gruppen auf die Fläche. Kräuter wie Schafgarbe oder Storchschnabel und Katzenminze sind den Insekten vertraut. Dazu kommen Kleinsträucher wie der Ginster. Etwa 40 Prozent der verbleibenden Fläche möchte Armin Halfar später mit einer Wiesenblumenmischung einsäen.

Wichtig ist, so Biologe Unterweger, dass es sich um gezielt heimische Saat handelt. Unterweger: »Der Großteil des Angebots stammt leider aus entfernten Regionen Deutschlands, manchmal sogar aus Übersee.« Selbst die mancherorts so gelobte Mössinger Mischung, von Kommunen gern an den Straßenrändern gesät, sei untypisch für Westfalen. Unterweger, gebürtiger Schwabe, weiß wovon er spricht: »Da sind Saaten drin, die kommen in Mössingen nicht vor. Der Name täuscht eben. Man sollte sich von Fachleuten beraten lassen.«

Heimische Pflanzen

Einen ganzen Samstag haben Chef und Mitarbeiter auf dem Dach gearbeitet. Eigens dafür hatte Halfar den Teil des Gebäudes zur Sicherheit eingerüstet. Künftig möchte der engagierte Mittelständler über einen speziell zu schaffenden Zugang auch mit Gästen einen Blick auf das Dach werfen und für Nachahmer werben. Halfar: »So ein Insektendach ist nicht teurer als ein konventionelles Dach.

Experten sagen sogar, dass die durch Pflanzen geschützte Dachhaut doppelt so lange hält wie normal. Und der Gewinn für die Natur ist doch riesig.« Der Mittelständler ist sogar überzeugt, dass nachhaltiges Engagement für die Umwelt in nicht allzu ferner Zukunft entscheidendes Marketinginstrument ist. Der Faktor steigt fast automatisch, weil allein in Deutschland täglich Fläche von 100 Fußballfeldern versiegelt wird. Halfar: »Höchste Zeit, entschlossen gegenzusteuern.«

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