Di., 21.05.2019

Bielefeld gilt in Sachen Blindgänger als »stark belastet« – Feuerwehramt erteilt Rat Alte Kriegsbomben werden immer gefährlicher

Britische Lancaster-Bomber bei einem Luftangriff im Zweiten Weltkrieg. Die Flugzeuge waren auch bei zahlreichen Angriffen auf den Viadukt eingesetzt.

Britische Lancaster-Bomber bei einem Luftangriff im Zweiten Weltkrieg. Die Flugzeuge waren auch bei zahlreichen Angriffen auf den Viadukt eingesetzt. Foto: Stadtarchiv Bielefeld

Von Sabine Schulze

Bielefeld (WB). Innerhalb von vier Wochen sind im Februar und März in Bielefeld vier Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg entschärft worden. Jahrzehntelang lagen die Blindgänger in der Erde, teilweise in dicht besiedeltem Gebiet. Zu glauben, dass die Altlasten 74 Jahre nach Kriegsende harmlos seien, ist ein fataler Irrtum: »Je älter sie werden, desto unberechenbarer und gefährlicher werden sie«, sagt Jesko Löhr von der Berufsfeuerwehr Bielefeld.

Löhr leitet die Abteilung »Allgemeine Verwaltungsaufgaben und Bevölkerungsschutz« in der Feuerhauptwache am Stadtholz. Er und seine Kollegen – zu denen Rainer Sander und Heiko Weber gehören –, sind die Fachleute, die konsultiert werden, wenn es in der Stadt irgendwo »in die Erde« geht: Sie überprüfen, ob womöglich eine so genannte Kampfmittelbelastung vorliegt.

Jederzeit Überraschungen

Wird beim Bauamt ein Bauantrag gestellt, ergeht in aller Regel die Auflage nachzuweisen, dass das Baugrundstück »geeignet« ist, also keine Blindgänger im Boden liegen. Der dringende Rat der Spezialisten: Auch bei kleinen Bauvorhaben, für die nicht einmal eine Baugenehmigung nötig ist, sollte man sich unbedingt absichern, »zumal dafür keine Kosten anfallen«, wie Weber betont.

Denn egal, ob ein Schuppen für die Fahrräder, ein Karpfenteich oder eine Garage errichtet werden sollen: Auch dort, wo manch einer schon jahrzehntelang wohnt, können noch explosive Überraschungen im Boden ruhen. Das beweist der jüngste Bombenfund im Kamphofviertel, nur wenige Meter von zwei Wohnhäusern entfernt.

Luftbild der britischen Airforce vom Angriff auf den Viadukt im Jahr 1944. Die Bombe traf nicht, sondern explodierte daneben.

Bielefeld gilt in Sachen Weltkriegs-Luftangriffe als stark belastete Fläche. Die Bezirksregierung Arnsberg, zuständig für die Kampfmittelräumung, hat im November 2016 die Gefahrenzone ausgeweitet von 90 auf 260 Quadratkilometer: »Zumindest die gesamte Innenstadt ist im Zweiten Weltkrieg stark bombardiert worden, entlang der Bahngleise und am Viadukt besonders«, sagt Löhr. Einen gesonderten Status hat Bielefeld auch, weil die Stadt an der Hauptlinie zwischen Ruhrgebiet und Berlin liege und es hier Kriegsindustrie gab, ergänzt Weber. Sicher darf sich deshalb auch niemand fühlen, der etwa in Brackwede oder Sieker lebt. »Die Bomben wurden zudem aus großer Höhe abgeworfen, einige Sekunden zu früh oder zu spät konnte bedeuten, dass sie hunderte Meter neben ihrem eigentliche Ziel aufschlugen«, sagt Löhr.

Fliegerbomben sind nicht die einzige Gefahr, die noch im Boden lauert: Immer wieder finden sich auch Handgranaten, Munition oder alte Waffen. Es gab Schützengräben und Flakstellungen, und in Bombenkrater wurde nach dem Krieg manch Brisantes gekippt, bevor sie zugeschüttet wurden. Dass die Altlasten noch Sprengkraft haben, hat sich im Juli 2018 erwiesen, als eine Granate bei ihrem Abtransport im Fahrzeug der Bezirksregierung explodierte. »Wir arbeiten mit Objekten, die gefährlich sind«, sagt Weber. Löhr erinnert an die Bombe, die in Brake gehoben wurde: »Sie hatte nicht einen Kratzer am Lack, weil sie in weiche Erde fiel.«

Kosten kein Problem

Warum der Blindgänger nicht explodierte, ist unklar. Es gab chemische oder mechanische Zünder, erläutert Weber. Wenn ein mechanischer Zünder nicht funktionierte, muss sich irgendetwas verklemmt haben. Das aber kann sich rasch wieder lösen, wenn die Bombe erschüttert oder unsachgemäß bewegt wird. »Jedes Jahr, in dem ein Blindgänger in der Erde liegt, kann zu Schäden und dann zur Explosion führen«, warnt Löhr. Einmal im Jahr geht irgendwo in Deutschland eine Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg in die Luft – einfach so.

»Deswegen unser Appell an jeden, der auf seinem Grundstück baut: Zieht die Berufsfeuerwehr zu Rate«, sagt Rainer Sander. Mit großem Verzug der Baumaßnahme muss niemand mehr rechnen: Die Abteilung Bevölkerungsschutz ist mittlerweile so gut ausgestattet, dass eine Antwort nach wenigen Tagen ergeht.

Auch um die Kosten muss sich niemand sorgen: Sondierung, Räumung und selbst eine Evakuierung muss der Grundstückseigentümer in Bielefeld nicht tragen. »Bezahlt werden müsste zum Beispiel nur, wenn eine Kellerdecke durchbohrt werden muss. Aber das sind wirklich Einzelfälle«, stellt Heiko Weber klar.

Zahl der Anträge stark gestiegen

Im November 2016 hat die Bezirksregierung in Arnsberg, wo der auch für Bielefeld zuständige Kampfmittelbeseitigungsdienst sitzt, die als belastet geltende Fläche um Bielefeld deutlich ausgeweitet. Wurden bis dato jährlich etwa 500 Anträge auf Überprüfung einer Kampfmittelbelastung gestellt, stieg die Zahl danach stark an. 2016 waren es 850 Anträge, 2017 dann 1800 und 2018 sogar 2500. »Neben der Erweiterung der Fläche ist eine Ursache natürlich, dass wir eine rege Bautätigkeit verzeichnen und die Erde aufgerissen wird«, erklärt Jesko Löhr von der Berufsfeuerwehr Bielefeld. Auch Kanalarbeiten spielen eine Rolle. In der Walther-Rathenau-Straße etwa gab es im Februar bei Bauarbeiten gleich drei Verdachtsfälle.

Dass zu Jahresanfang in Bielefeld gleich vier alte Bomben entschärft wurden, im vergangenen Jahr hingegen kein einziger Blindgänger, ist für die Spezialisten reiner Zufall. Immerhin, meint Heiko Weber, würden die Bürger durch die Funde sensibilisiert und das Thema ernster nehmen.

In ganz NRW gab es 2018 34.046 präventive Maßnahmen, also Luftbildauswertungen, Ortstermine und Sondierungen. 291-mal wurde »Abwurfmunition« mit mehr als 50 Kilo gefunden, davon nur fünf Bomben im Regierungsbezirk Detmold (aber 64 im Regierungsbezirk Arnsberg und 85 im Regierungsbezirk Münster). 2520-mal wurde kleinere Abwurfmunition, im Gros Stabbrandbomben, geborgen, davon 81 im Regierungsbezirk Detmold. Hinzu kamen in der Region 46 Funde von Artillerie- und Handgranaten sowie Gewehrmunition.Wer Kampfmittel besitzt oder entdeckt, ist gesetzlich verpflichtet, dies der Ordnungsbehörde oder der Polizei zu melden. Das Suchen, Sammeln und Bearbeiten kostet Bußgeld.

 

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