Di., 21.05.2019

Beeren- und Spargelhöfe der Region schätzen die Zuverlässigkeit der »jungen Alten« »Rentner sind unsere liebsten Leute«

Isst gerne Erdbeeren und Spargel – aber zum Saisonbeginn lieber als gegen Ende: der Queller Saisonarbeiter Dieter Flassbeck (84), hier in seiner Verkaufsbude des Spargelhofes Winkelmann vor dem Combi-Markt an der Carl-Severing-Straße.

Isst gerne Erdbeeren und Spargel – aber zum Saisonbeginn lieber als gegen Ende: der Queller Saisonarbeiter Dieter Flassbeck (84), hier in seiner Verkaufsbude des Spargelhofes Winkelmann vor dem Combi-Markt an der Carl-Severing-Straße. Foto: Markus Poch

Von Markus Poch

Bielefeld-Quelle (WB). Wer zu Kriegszeiten geboren wurde oder sogar noch davor, der blickt auf ein langes Leben zurück, muss aber noch lange nicht zum alten Eisen gehören. Immer mehr Senioren fühlen sich fit genug, etwas zu bewegen, sich ins gesellschaftliche Miteinander einzubringen. Da sind zum Beispiel hochbetagte Saisonarbeiter wie der Queller Dieter Flassbeck (84).

Seit mehr als zehn Jahren schon verkauft er jeden Sommer zentnerweise Erdbeeren und neuerdings auch Spargel aus einer Bude an der Carl-Severing-Straße. Der gelernte Hotelier, der bis 1989 im Bielefelder Stadtzentrum das renommierte Hotel-Restaurant Ententeich, Gehrenberg 39, betrieben hatte, fühlte sich im Alter nicht mehr ausgelastet. Nach dem Tod seiner Frau Ruth vor elf Jahren, drohte ihm die Decke erst recht auf den Kopf zu fallen. Dieter Flassbeck wollte »endlich wieder etwas tun und dabei vor allem unter Leute kommen.«

Er heuerte an als Saisonarbeiter beim Ummelner Erdbeerhof Aschentrup und blühte bei seiner neuen Tätigkeit wieder auf: Die tägliche Fünf-Stunden-Schicht, egal ob vormittags oder nachmittags, war für ihn, der aus dem Hotel-Alltag noch den 16-Stunden-Tag kennt, genau das richtige: den Stand aufschließen, die Klappe öffnen, die Warenmenge kontrollieren, die Produkte dekorieren, die Kisten stapeln, die Schürze anlegen und los. Den Kontakt zu anderen Menschen liebt er über alles, kennt ihn über den früheren Hotelbetrieb seines Vaters Erwin von klein auf.

»Natürlich geht es ums Verkaufen«, sagt der Rentner. »Aber mit dem Kunden zu reden, ist ganz wichtig. Reden, reden, reden. Man sollte und muss über alles reden.« Über den freundlichen Schnack zwischen Erdbeerschachteln und Kleingeld ist er vielen Quellern über die Jahre ans Herz gewachsen. Man kennt sich, scherzt und lacht miteinander – und sieht sich gerne wieder.

Verantwortungsbewusstsein und Zuverlässigkeit

»Wer so lange selbstständig war wie ich, der sieht sich auch nicht nur als Verkäufer«, sagt Flassbeck. »Der fühlt sich verantwortlich für Ware und Kasse, der ordert rechtzeitig nach, bevor die Bestände sich dem Ende neigen.« Das hat er im Auftrag des Hofes Aschentrup schon so empfunden, und das empfindet er genau so bei seinem neuen Arbeitgeber, dem Rahdener Spargelhof Winkelmann, für den er seit Anfang April 2019 in der gelb-blauen Bude vor dem Combi-Markt steht.

Mit Eigenschaften wie Verantwortungsbewusstsein und Zuverlässigkeit stehen Saisonarbeiter bei den regionalen Beeren- und Spargelhöfen hoch im Kurs. »Rentner sind an den Verkaufsständen unsere liebsten Leute«, betont Markus Winkelmann, Junior-Chef des gleichnamigen Spargelhofes. »Die Alten haben ein ganz anderes Pflichtbewusstsein und sind sehr zuverlässig.«

Deshalb gebe es bei ihm auch keine Altersbeschränkung. Die kurzfristige Beschäftigung, also über drei Monate oder 70 Tage, sei vor allem bei Vollrentnern sehr beliebt, weil der Stundenlohn von derzeit 9,50 Euro fast ohne Abzüge auf dem Konto lande. Der Hof Winkelmann beschäftigt derzeit knapp 200 Saisonarbeiter. 20 Prozent davon sind Rentner wie Dieter Flassbeck.

»Auf die Alten ist oft mehr Verlass als auf junge Leute«, findet auch Miriam Aschentrup, Chefin des Ummelner Erdbeerhofes. Sie und ihr Mann beschäftigen rund 160 Saisonarbeiter auf dem Feld und in Buden, darunter mehrere über 80-Jährige. »Voraussetzung ist natürlich, dass die Rentner ihre Aufgabe hinbekommen und auch in unserem Team harmonieren«, sagt sie. »Irgendwann muss man sich im Alter aber eingestehen, dass es nicht mehr geht. Wir sind hier nicht bei der Arbeiterwohlfahrt.«

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