Di., 28.05.2019

In Bielefeld steht ein Mann (28) vor Gericht, der eine Frau (34) angezündet haben soll Prozess nach Brandanschlag: »Er hat mir alles genommen«

Brandnarben am ganzen Körper: Jean Alexis Beverly (34) ist einverstanden, dass ihr Name genannt und ihr Foto gezeigt wird.

Brandnarben am ganzen Körper: Jean Alexis Beverly (34) ist einverstanden, dass ihr Name genannt und ihr Foto gezeigt wird.

Von Jens Heinze

Bielefeld (WB). Am Abend des 16. Juli 2018 stand in einer Wohnung eines Mehrfamilienhauses an der Bleichstraße in der Bielefelder Innenstadt die dreifache Mutter Jean Alexis Beverly (34) in Flammen. Seit Montag wird vor dem Landgericht Bielefeld dem Mann der Prozess gemacht , der die Frau aus Eifersucht mit Benzin überschüttet, angezündet und lebensgefährlich verletzt haben soll.

Weinend, mit stockender Stimme erzählt Jean Alexis Beverly den vier Richtern der 20. Großen Strafkammer, was sie vom Tattag noch in Erinnerung hat. »Er hat mir alles genommen. Ich kann nicht schlafen. Sein Gesicht verfolgt mich im Traum – der leere Ausdruck in seinen Augen, als er ein Feuerzeug nach mir geworfen hat«, sagt die farbige Bielefelderin in Richtung des Angeklagten Silvester George K. (28). »Ich konnte nicht laufen, ich konnte nicht sprechen. Ich bin fast gestorben. Ich habe keine Brüste mehr und kann nicht richtig sehen«, berichtet die Frau mit US-amerikanischen Wurzeln von den Brandfolgen am ganzen Körper. »Ich bin von diesen Narben ein Leben lang gezeichnet.«

Angeklagter spricht von Selbstmordversuch

Abgewandt von der 34-Jährigen, mit ausgestreckten Beinen aus seinem Stuhl halb rausgerutscht und den Kopf auf den rechten Arm gestützt, verfolgt der Angeklagte scheinbar gelangweilt die Zeugenaussage. Der wegen Drogen- und Diebstahlsdelikten vorbestrafte 28-Jährige, eigenen Angaben zufolge von Beruf Discjockey und selbst dreifacher Vater, erzählt eine ganz andere Version vom Geschehen. Silvester George K., kenianischer Staatsbürger mit letztem Wohnsitz Bielefeld, spricht von einem Selbstmordversuch der 34-Jährigen. Weil der Schwarzafrikaner nach ein paar Wochen eine sexuelle Beziehung zu Jean Alexis Beverly im Sommer vergangenen Jahres beendet und die zeitweise obdachlose Frau aus seiner Erdgeschosswohnung geworfen hatte, soll die Frau sich nach einer Drogenparty im Wohnzimmer mit hochoktanhaltigem Benzin für die Modellautos seines Sohnes übergossen haben. »Wenn mich keiner will, kann ich auch sterben!«, soll die halb bekleidete Bielefelderin gerufen haben, ins Schlafzimmer gelaufen sein und sich mit einem Feuerzeug angezündet haben.

In diesem Haus in der Bielefelder Innenstadt stand die Mutter am 16. Juli 2018 in Flammen. Foto: Panhorst

Der Kenianer, der seit dem Brand in Haft sitzt, erzählt dem Gericht, dass er die Mutter von zwei Töchtern und einem Sohn in letzter Sekunde vom Selbstmordversuch abhalten wollte. Als das misslungen sei, will Silvester George K. die Farbige gerettet haben. Obwohl die Flammen von der Frau auf seine Wohnung übergegriffen hätten, habe er eine Decke über Jean Alexis Beverly geworfen, die Flammen größtenteils erstickt, die schreiende Frau ins Badezimmer geschleppt, dort abgeduscht, ins Freie gehievt und an Ersthelfer vor dem Haus übergeben. Dann sei er selbst vor dem Feuer geflohen, habe den Kopf des auf dem Rasen liegenden Opfers auf seinen Schoß gebettet und auf Rettungsdienst und Polizei gewartet. »Warum sollte ich denn jemanden anzünden? Ich hatte keinen Grund dafür. Ich kann nicht gestehen, was ich nicht gemacht habe«, sagt der Mann. Jean Alexis Beverly sei alkohol- und drogensüchtig gewesen, habe ihre Miete nicht mehr gezahlt, um Rauschgiftgeschäfte zu finanzieren, erzählt der Kenianer vor Gericht.

Der Angeklagte Silvester George K. (28). Foto: Starke

Eifersucht als Motiv

»Er weiß, was passiert ist. Das habe ich mir nicht selbst angetan. Dafür lebe ich viel zu gerne«, meint die dreifache Mutter unmittelbar vor ihrer Aussage im Landgericht. Nach den Angaben von Jean Alexis Beverly sei es am Tatabend erst zum heftigen Streit mit dem Angeklagten gekommen. Der Staatsanwaltschaft zufolge soll der 28-Jährige eifersüchtig gewesen sein, weil die Frau mit einem Mann per WhatsApp-Messenger chattete.

Als sie aus dem Bad gekommen sei, habe Silvester George K. sie fest umklammert, in die Küche gezogen und mit Flüssigkeit aus einem Kanister überschüttet, schildert die ehemalige Kellnerin die Tat. »Erst habe ich gedacht, es sei Wasser. Dann brannten meine Augen, und ich habe das Benzin geschmeckt. Es kam irgendetwas geflogen, es war aus Feuer. Und ich stand in Flammen«, sagt die Bielefelderin. Vermutlich habe der 28-Jährige sein brennendes Zippo-Feuerzeug auf sie geworfen.

Vor dem Landgericht steht Jean Alexis Beverly dazu, übermäßig Alkohol getrunken, Drogen genommen und wegen Mietschulden ihre Wohnung verloren zu haben. Ihre drei Kinder – das erste bekam die Bielefelderin im Alter von 19 Jahren, die anderen beiden mit 25 und 26 – leben jetzt bei den Großeltern väterlicherseits, sagt die Frau.

Für den Prozess sind bislang neun Verhandlungstage angesetzt. Das Urteil soll am 3. Juli gesprochen werden.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Google-Anzeigen

© WESTFALEN-BLATT
Vereinigte Zeitungsverlage GmbH

Alle Inhalte dieses Internetangebotes, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken, sind urheberrechtlich geschützt. Verwendung nur gemäß der Nutzungsbedingungen.

Mehr zum Thema

Anzeige


https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6646360?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198387%2F2513179%2F