Sa., 08.06.2019

Firma widerspricht Vorwürfen von Digitalcourage Gendaten als Geschäft? Darum bekommt Ancestry.com den Big-Brother-Award

Symbolbild.

Symbolbild. Foto: dpa

Bielefeld (WB/jmg). Aus Sicht des Vereins Digitalcourage ist nicht klar, wo die Daten am Ende landen. Dafür gibt’s den Big-Brother-Award für die Firma Ancestry.com.

In der Laudatio bei der Preisverleihung am Samstag im Bielefelder Stadttheater heißt es, dass die US-Firma mit seiner Niederlassung in München das Interesse an Familienforschung dazu ausnutze, Menschen zur Abgabe von Speichelproben zu veranlassen.

»Das Angebot sei, so heißt es auf der Internetseite, datenschutzkonform«, so die Begründung der Jury. Eine Weitergabe von Daten an Dritte erfolge nicht – außer, soweit »gesetzlich erforderlich« oder »Sie geben uns Ihre ausdrückliche Zustimmung«. Der Haken liege im Kleingedruckten, im »Gestrüpp von Bestimmungen« verborgen.

»Geschäft mit Gendaten«

Aus Sicht der Jury erfolge mit dem Einsenden des Speichels die Zustimmung zu den Datenschutzbestimmungen, wonach Ancestry selbst mit den Daten unbeschränkt über Merkmale, persönliche Gesundheit und persönliches Wohlbefinden Forschung durchführen könne. Zudem könnten die Daten auch an weitere Partner abgegeben werden – zum Beispiel die Pharmaindustrie. »Das Geschäftsmodell dieser Anbieter ist nicht die Ahnenforschung, sondern es geht um das ganz große Geld mit den Gendaten«, heißt es in der Laudatio.

»Welche weiteren Begehrlichkeiten die Daten der Firma Ancestry wecken, ist 2018 aus den USA bekannt geworden. Menschen, die dort ihre DNA analysieren ließen, gerieten mitsamt ihren Familien ins Visier der Polizei, etwa weil sie mit dem so genannten ›Golden State-Killer‹ auch nur entfernt verwandt sind«, sagte Laudator Thilo Weichert vom Netzwerk Datenschutzexpertise. »Um den Täter zu ermitteln, wurde die gesamte Verwandtschaft von den Ermittlern ausgeforscht. Kein Wort bei Ancestry über die potenzielle Strafverfolgung von biologischen Verwandten.«

Das sagt Ancestry.com

»Entgegen der Behauptung der Big Brother Jury verkauft Ancestry keine genetischen Daten an Versicherer, Arbeitgeber oder Drittvermarkter. Die Aussage, dass Ancestry DNA-Daten seiner Kunden an die Pharmaindustrie verkauft, ist falsch«, das die Münchener Niederlassung des Unternehmens auf Anfrage mit. Allerdings unterstütze Ancestry geprüfte Institute mit der Bereitstellung von anonymisiertem Datenmaterial. Bei Interesse könnten sich die Kunden freiwillig und ausdrücklich für die Teilnahme an der wissenschaftlichen Forschung entscheiden und ihre Zustimmung jederzeit widerrufen.

Ancestry kooperiert eigenen Angaben zufolge nicht freiwillig mit Strafverfolgungsbehörden und gebe keine personenbezogenen Daten von Kunden an die Strafverfolgungsbehörden weiter. »Es sei denn, dies ist durch ein gültiges Gerichtsverfahren wie einen Gerichtsbeschluss vorgeschrieben.«

 

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