Do., 13.06.2019

Gericht kann das Geschehen nicht aufklären – Staatsanwaltschaft hatte 13 Jahre Haft gefordert Landgericht spricht Ex-Freund des Brandopfers frei

Jean Alexis Beverly (34) sagt, sie sei für den Rest ihres Lebens gezeichnet.

Jean Alexis Beverly (34) sagt, sie sei für den Rest ihres Lebens gezeichnet. Foto: Jens Heinze

Von Jens Heinze

Bielefeld (WB). Im Prozess um den mutmaßlichen Brandanschlag auf die dreifache Mutter Jean Alexis Beverly (34) ist der Angeklagte am Mittwoch vom Landgericht Bielefeld freigesprochen worden. »Wir konnten das Geschehen letztlich nicht aufklären«, begründete Vorsitzender Richter Carsten Glashörster die Entscheidung der 20. Großen Strafkammer.

Bei dem 14-tägigen Prozess ging es um eine Straftat, die weit über den Tatort Bielefeld hinaus Aufsehen erregte und die Menschen entsetzte. Am Abend des 16. Juli 2018 stand die dreifache Mutter Jean Alexis Beverly in einer Erdgeschosswohnung eines Mehrfamilienhauses an der Bleichstraße im Osten der Bielefelder Innenstadt in Flammen.

Die gebürtige US-Amerikanerin hatte hoch oktanhaltiges Benzin für Modellfahrzeuge abbekommen, 90 Prozent ihrer Haut verbrannte. Monatelang kämpften Ärzte in einer Spezialklinik für Brandopfer in Bochum um das Leben der Bielefelderin. Die 34-Jährige kehrte erst vor wenigen Wochen wieder in ihre Heimatstadt zurück.

Noch am Tatabend und während der Löscharbeiten der Feuerwehr nahmen zwei Polizisten Silvester George K. fest. Grund waren widersprüchliche Angaben des Opfers, das den 28-Jährigen erst beschuldigte und dann wieder in Schutz nahm.

Angeklagter löschte das Opfer selber ab

Der wegen Drogendelikten vorbestrafte gebürtige Kenianer hatte eine Beziehung mit der dreifachen Mutter. In seiner Wohnung an der Bielefelder Bleichstraße soll der 28-Jährige die Frau aus Eifersucht mit dem Spezialtreibstoff für die Modellautos seines Sohnes überschüttet und angezündet haben. Anlass soll eine Nachricht gewesen sein, die Jean Alexis Beverly an ihrem Mobiltelefon einem anderen Mann schrieb. So steht es zumindest in der Anklage der Staatsanwaltschaft.

Bereits bei der Festnahme vor seiner brennenden Wohnung hatte der Kenianer vehement abgestritten , die dreifache Mutter mit Benzin übergossen und angesteckt zu haben. Vor Gericht sagte der 28-Jährige, Jean Alexis Beverly habe sich das alles selbst angetan, weil sie sich ungeliebt und verlassen fühlte.

Zudem, und das ist unstrittig, löschte Silvester George K. die brennende Frau mit einer Decke und hievte die 34-Jährige durchs Küchenfenster ins Freie, wo Ersthelfer die Frau in Empfang nahmen.

Opfer kann sich selbst an die Tat kaum erinnern

Die Frage, ob sich am Abend des 16. Juli 2018 eine lebensmüde Mutter selbst verbrennen wollte oder ein Brandanschlag auf sie stattfand, konnte das Landgericht Bielefeld auch nach sieben Prozesstagen nicht beantworten. Die lebensgefährlich verletzte Jean Alexis Beverly selbst hatte, als sie im Krankenhaus wieder zu sich kam, zunächst keine Erinnerungen mehr an den Brand. Erst in Gesprächen mit ihrer Schwester will sie erfahren haben, was passiert sein soll. »Die Angaben des Opfers sind nicht geeignet, die Einlassungen des Angeklagten zu widerlegen«, sagte der Vorsitzende Richter Carsten Glashörster in der mündlichen Urteilsbegründung.

Der einzige Zeuge, der sich beim Brandausbruch mit in der Wohnung von Silvester George K. aufgehalten hatte, konnte nichts zur Aufklärung beitragen. Dieser 27-Jährige, ein Landsmann des Angeklagten, befand sich im Badezimmer, als die 34-Jährige Feuer fing. Später präsentierte der Mann mehrere Versionen dessen, was angeblich in der Wohnung passiert sein soll.

Und was bleibt nach sieben Prozesstagen übrig? Jean Alexis Beverly wird für den Rest ihres Lebens vom Brand gezeichnet sein. 90 Prozent ihrer Haut sind verbrannt, sie kann nicht richtig gehen und sehen und hat Schlafstörungen. Offen bleibt vorerst, ob die Staatsanwaltschaft gegen das Urteil Rechtsmittel einlegt. Staatsanwalt Lothar Hirschberg war in seinem Plädoyer von der Schuld des Angeklagten überzeugt und hatte 13 Jahre Haft gefordert.

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