Fr., 14.06.2019

Supermärkte bieten Dosenservice zur Müllvermeidung an – Verbraucher reagieren zaghaft 100 Gramm Salami ohne Plastik

Bei Böers an der Theke: Verkäuferin Beatric Possoch überreicht Kundin Gabriele Scholpp ihren Aufschnitt in der Dose.

Bei Böers an der Theke: Verkäuferin Beatric Possoch überreicht Kundin Gabriele Scholpp ihren Aufschnitt in der Dose. Foto: Markus Poch

Von Markus Poch

Bielefeld (WB). Spätestens seit der Diskussion um kilometerlange Müllteppiche auf den Weltmeeren und um Mikroplastik in Mensch und Tier haben viele Verbraucher begriffen, dass die Müllvermeidung eines der großen globalen Themen der Zukunft ist. Trotzdem macht längst nicht jeder mit. Ein Angebot der heimischen Supermärkte zur Müllvermeidung an der Frischetheke läuft sehr schleppend an.

Wer regelmäßig Aufschnitt und Käse kauft, der kennt das Phänomen: An der Frischetheke wird für gewöhnlich alles extra verpackt. Die Lebensmittel-Hygieneverordnung und die Tierische Lebensmittel-Überwachungsverordnung schreiben das bislang vor. Ob Koteletts, Hühnerbeine, Wurst, Schinken oder Käse – jeder Artikel landet zunächst in einer separaten Plastikfolie oder einem -beutel. Anschließend treffen sich viele Produkte in einer zusätzlichen Sammeltüte aus Plastik oder Papier wieder, auf der dann auch das Preisschild klebt.

Mancher Verbraucher sieht das nicht ein. Er will schon lange seine eigenen Tupperdosen im Supermarkt mit Frischeprodukten befüllen lassen, um den Verpackungswahnsinn zumindest im Kleinen nicht mitzumachen. Doch lange Zeit spielten die Läden eben wegen der Hygieneverordnungen nicht mit. Das ändert sich gerade: Spätestens seit dem Jahreswechsel 2018/2019 bieten immer mehr Frischetheken den Tupperdosen-Service an. Laut Philip Heldt, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Verbraucherzentrale NRW in Düsseldorf, ist daran allein der »massive Druck von außen« schuld.

»Die Nachfrage ist lange nicht so hoch, wie wir es erwartet hätten«

Und so funktioniert’s: Der Kunde stellt seine mitgebrachte, saubere Dose geöffnet auf ein Tablett, das ihm die Fachverkäuferin über den Tresen reicht. Den Deckel behält er zurück. Die Verkäuferin nimmt das Tablett wieder an sich, ermittelt das Gewicht der Dose, befüllt sie mit dem gewünschten Produkt und reicht das Tablett mit der Dose zurück über den Tresen. Der Kunde verschließt das Gefäß und befestigt das ihm überreichte Preisschild daran. Will er mehrere Produkte kaufen, braucht er aus hygienischen Gründen mehrere Dosen. Die Verkäuferin vermeidet jeweils den direkten Kontakt damit, so dass eventuelle Keime nicht hinter die Theke geraten können. Die Tabletts werden regelmäßig desinfiziert.

Auf diese Weise könnten allein in Bielefeld täglich tausende kleiner Plastikfolien oder -tüten eingespart werden. Doch der in diesem Bereich umweltbewusste Kunde ist in den heimischen Supermärkten tatsächlich noch die große Ausnahme. »Die Nachfrage ist lange nicht so hoch, wie wir es erwartet hätten«, sagt zum Beispiel Christian Böers, Chef des Edeka-Marktes in Quelle, der den Ansatz, Verpackungsmüll zu vermeiden, »prinzipiell super« findet.

Seine zwölf Verkäufer, die an der Frischetheke arbeiten, nehmen ihre Kundschaft in dieser Hinsicht als »sehr zögerlich« war, obwohl das neue Angebot mit Thekenaufsteller und Bodenaufkleber beworben wird. »Nur 10 bis 15 Leute pro Woche bringen ihre Dosen mit«, schätzt Böers-Fachverkäuferin Beatric Possoch. »Aber die finden den Service richtig klasse. Und wir stehen damit ja auch noch am Anfang.«

»Davon befüllen wir ungefähr 200 im Monat.«

Auf rund 30 Tupperdosen-Kunden pro Monat kommt der Real-Markt an der Gütersloher Straße. »Die Resonanz auf unser Angebot ist ausbaufähig, eine Materialeinsparung noch nicht wirklich messbar«, resümiert Marktleiter Andre Bömer. Wesentlich besser werde bei ihm ein wieder verwendbares Netz für Obst und Gemüse nachgefragt. »Davon befüllen wir ungefähr 200 im Monat.«

Von einem Trend zur Müllvermeidung, gar einer »deutlichen Tendenz« in Richtung der Tupperdose spricht Rainer Quermann, Chef des gleichnamigen Rewe-Centers an der Babenhauser Straße. Doch auch er zählt nur 10 bis 15 Kunden pro Woche, die mit Dosen zu ihm kommen. Trotzdem denkt er darüber nach, eigene (Pfand)-dosen in Umlauf zu bringen, um ein Zeichen zu setzen. Quermann wünscht sich in dieser Frage mehr Rechtssicherheit vom Gesetzgeber. Er prangert die schwammigen Formulierungen der Hygieneverordnungen an: »Sobald ich die Dose eines Kunden in die Hand nehme, mache ich mich schon strafbar. Das kann nicht sein. Dagegen stelle ich mich. Ohne Müllvermeidung können wir die Welt nicht retten.«

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