Do., 20.06.2019

Landgericht Bielefeld verhandelt gegen vier Angeklagte aus Polen Fast eine Million Euro Schaden: Autodiebe überlisten Technik

Beim Keyless Go wird der Autoschlüssel zum Minisender, mit dem sich das Fahrzeug entriegeln und starten lässt.

Beim Keyless Go wird der Autoschlüssel zum Minisender, mit dem sich das Fahrzeug entriegeln und starten lässt. Foto: dpa

Von Jens Heinze

Bielefeld (WB). Mitsubishi, Nissan, Toyota, Jeep, Ford und Mercedes – weder bei den Automarken noch bei den Pkw-Modellen war eine Bande von Autodieben besonders wählerisch.

Beachtlich hingegen war der angerichtete Schaden: Innerhalb von nur vier Monaten verschwanden in Ostwestfalen-Lippe und den angrenzenden Regionen 29 Fahrzeuge im Wert von fast einer Million Euro. Für die Autodiebstähle müssen sich seit Mittwoch vier Männer aus Polen im Alter von 30 bis 39 Jahren in einem bis Ende August angesetzten Prozess vor dem Landgericht Bielefeld verantworten.

Nachts mit Funkwellen-Verlängerer Minisender ausgelesen

Die in Untersuchungshaft sitzenden Angeklagten sollen zu einer von Polen aus agierenden Bande gehören, die mit einer ganz besonderen Masche auf Beutezug ging: Die Täter suchten sich jedes Mal moderne Autos aus, die bereits mit dem sogenannten Keyless-Go-System zum schlüssellosen Öffnen und Starten per Funkwellentechnik ausgerüstet waren.

Die Autodiebstähle liefen der Anklage von Staatsanwältin Marlin Tauch zufolge so ab: Nachts, während die Pkw-Besitzer schliefen, schlich sich ein Täter mit einem Funkwellen-Verlängerer vors Haus und las den Minisender des Originalschlüssels aus. Am zu stehlenden Auto wartete ein Komplize mit einem Funkwellen-Empfänger. Kam das Signal an, ließ sich das Fahrzeug vom Kriminellen öffnen und starten.

Tatorte in den Kreisen Gütersloh, Herford, Lippe und Paderborn

Die Autodiebe brachten ihre Beutestücke zu einsamen Parkplätzen wie am Möhnesee. Dort erhielten die gestohlenen Autos neue Kennzeichen unter anderem aus den Niederlanden, wurden nach Polen gefahren und an unbekannt gebliebene Hintermänner übergeben. Tatorte in OWL waren Gütersloh, Verl, Rheda-Wiedenbrück und Schloß Holte-Stukenbrock sowie Rödinghausen im Kreis Herford, Büren im Kreis Paderborn und Augustdorf sowie Leopoldshöhe in Lippe. In der Zeit vom 18. August bis zum 19. Dezember vergangenen Jahres wurden Autos im Wert von mehr als 946.000 Euro entwendet.

Kripo fiel die Häufung von Autodiebstählen auf

Aufgeklärt wurden die Taten schließlich von Ermittlern der Gütersloher Kripo. Denen war die plötzliche Häufung von Autodiebstählen aufgefallen. Über die Auswertung von Mobiltelefon-Funkzellen stießen die Polizisten auf die polnischen Handynummern der Täter. Kurz vor Weihnachten 2018 endeten die Beutezüge abrupt: Nach dem Diebstahl eines Toyota Lexus im Sauerland folgten die Ermittler den Kriminellen. In Hessen – unweit von Marburg – griff ein Bielefelder Spezialeinsatzkommando zu.

Dieser massenhafte Autodiebstahl ist für den Bielefelder ADAC-Sprecher Ralf Collatz keine Überraschung: »Autos und Motorräder mit dem Komfortschließsystem ›Keyless‹ sind meist deutlich leichter zu stehlen als Fahrzeuge mit normalem Funkschlüssel. Das zeigt eine Untersuchung des ADAC an mehr als 250 Modellen.« Collatz sieht die Kfz-Hersteller in der Pflicht. Der ADAC fordere, die gesamte Fahrzeugelektronik systematisch so abzusichern, wie dies in anderen IT-Bereichen längst Standard sei.

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