IHK Ostwestfalen hofft bei nachlassender Quantität auf mehr Qualität
Gründer werden weniger

Bielefeld (WB). Wilhelm Klat ist ein Positivbeispiel. Der 35-jährige Bielefelder arbeitet gerade an seiner nächsten Firmengründung. Insgesamt aber sinkt die Zahl der Gewerbeanmeldungen bundesweit und in OWL seit Jahren. Die IHK Ostwestfalen registrierte 2018 erstmals seit 2012 wieder weniger als 10.000 Neugründungen.

Freitag, 21.06.2019, 06:33 Uhr aktualisiert: 26.06.2019, 14:06 Uhr
Wilhelm Klat zeigt seine mit Hilfe einer Kamera »sehenden« Geräte. Die mit künstlicher Intelligenz ausgestatteten »Aizubis« sollen durch den Einsatz bei der Arbeit trainiert und so mit wachsendem Erfahrungsschatz von Azubis zu Experten werden. Foto: Oliver Horst
Wilhelm Klat zeigt seine mit Hilfe einer Kamera »sehenden« Geräte. Die mit künstlicher Intelligenz ausgestatteten »Aizubis« sollen durch den Einsatz bei der Arbeit trainiert und so mit wachsendem Erfahrungsschatz von Azubis zu Experten werden. Foto: Oliver Horst

Thomas Niehoff, der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK), führt den Trend rückläufiger Firmengründungen vor allem auf die gute Arbeitsmarktlage zurück. Das sichere Angestelltenverhältnis werde oft dem Wagnis der Selbstständigkeit vorgezogen. Wenn gegründet wird, dann immer öfter im Nebenjob. Und vor allem immer seltener aus der Arbeitslosigkeit heraus.

Zahl der Mitgliedsfirmen der IHK steigt

9885 Firmengründungen in den Bereichen Industrie, Handel und Dienstleistungen in Ostwestfalen ohne Lippe registrierte die IHK im vergangenen Jahr. 2017 waren es noch 10.161 Gründungen, im Rekordjahr 2010 – nach der Finanz- und Wirtschaftskrise – zählte die IHK sogar mehr als 12.500 Gewerbeanmeldungen. Die IHK-Branchen stehen für etwa 70 Prozent der gesamten Firmengründungen in der Region – hinzu kommen das Handwerk und die freien Berufe von Arzt über Hebamme bis Steuerberater.

Trotz der Negativtendenz beim Gründungsgeschehen steigt die Zahl der Mitgliedsfirmen der IHK stetig – von knapp 101.000 vor zehn Jahren auf inzwischen fast 113.000. Denn auch dank der guten konjunkturellen Lage gab es 2018 »nur« 7549 Gewerbeabmeldungen.

Niehoff sieht die fehlende Gründungsdynamik dennoch mit Sorge. »Eine lebendige Gründerszene ist auch eine treibende Kraft für die Weiterentwicklung eines Wirtschaftsstandortes.« Dabei sei Quantität natürlich nicht alles, sondern gehe es vor allem um Qualität und Nachhaltigkeit der Gründungen. Nach Analysen der Förderbank KfW gäben 30 Prozent der Existenzgründer in den ersten 36 Monaten auf.

Viele Gründungen im Bereich Onlinehandel

2018 registrierte die IHK das zweite Jahr in Folge mehr Gewerbeanmeldungen im Nebenerwerb. 5057 Gründungen entfielen hierauf – ein Prozent weniger als 2017. Bei den Haupterwerbsgründungen fiel das Minus mit 4,4 Prozent auf 4828 deutlich größer aus. »Die Digitalisierung macht die Selbstständigkeit im Nebenerwerb oft noch leichter«, sagt Niehoff. Er hoffe, dass daraus viele in den Haupterwerb wechseln.

Dominiert wird das Gründungsgeschehen von Dienstleistungen – sowohl für Privathaushalte als auch für Unternehmen. Fast zwei Drittel der neuen Firmen arbeiten in diesem Bereich. 27 Prozent der Gründungen entfallen auf den Handel. Hier ist der Einzelhandel spitze mit 2071 Gründungen – fast zwei Drittel davon im Nebenerwerb. »Das lässt vermuten, dass es überwiegend Gründungen im Bereich Onlinehandel sind«, sagt IHK-Vize Harald Grefe. Nur gut jede elfte Gründung ist im produzierenden Gewerbe angesiedelt.

35 Prozent der Neugründungen erfolgten 2018 durch Frauen, 65 Prozent durch Männer. Erstmals sei in allen Kreisen und in Bielefeld auf 100 Erwerbsfähige weniger als ein Gründer gekommen – im Schnitt 0,93. Der Kreis Höxter hinkt mit einer Quote von 0,73 hinterher. Die Branche mit dem stärksten Zuwachs war der Bereich Verkehr und Logistik. Deutlich rückläufig waren Gründungen im Bereich des Handelsvertretergewerbes, aber auch der Werbewirtschaft. Auch hier zeigten sich Auswirkungen der Digitalisierung, sagt Niehoff. Er lobt derweil die aufstrebende Start-up-Szene in OWL. »Allein deren öffentliche Präsenz setzt Impulse für das Gründen allgemein.«

Künstliche Intelligenz

Und dann ist da ja noch Seriengründer Wilhelm Klat. Er sucht sich nach Jahren der Forschung an den Unis Paderborn und Bielefeld immer wieder neue Herausforderungen, um daraus Geschäftsideen zu entwickeln. Ein Projekt zur Kommunikation von Maschinen mit Menschen verkaufe er gerade an eine US-Firma. Künstliche Intelligenz steht auch bei seinem neuesten Vorhaben im Fokus.

Mit Geräten, die dank eingebauter Kameras »sehen« können, will Klat künstliche Intelligenz in immer mehr Firmen Einzug halten lassen. Der Gründer nennt seine Geräte »Aizubis«. »Sie können wie Azubis lernen, wenn sie beim Arbeiten angeleitet werden«, sagt Klat. Werden die »Aizubis« ausreichend trainiert, könnten sie zu Experten werden, die wiederum menschlichen Kollegen helfen. Als Beispiele nennt Klat die Erkennung von Störstoffen in der Müllverbrennungsanlage. Bei einem großen Autozulieferer in OWL ist der »Aizubi« gerade für die Qualitätskontrolle im Piloteinsatz. Bis Jahresende will Klat seine Firma anmelden und dann auch Gewinne schreiben. Bis dahin hilft ihm auch ein mit Unterstützung des IHK-Gründungsservice erhaltenes Gründerstipendium des Landes.

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