So., 23.06.2019

Schauspieler Dietmar Bär und Svenja Jung sowie Autor Volker Kutscher sind in Bielefeld zu Gast »Wege durch das Land« macht Station in der Oetkerhalle

Von Burgit Hörttrich

Bielefeld (WB). Die Rudolf-Oetker-Halle selbst inspirierte zum Programm: Die Lesungs- und Musik-Reihe »Wege durch das Land« machte Station in dem 1930 eröffneten Bauwerk und die 1920er und 1930er Jahren waren es, die durch die Auswahl sowohl der Kompositionen wie durch die Lesungen im ausverkauften Saal ein wenig lebendig wurden.

Nicht umsonst lautet das »Wege«-Motto 2019 »Aufbruch«. Helene Grass, künstlerische Leiterin von »Wege durch das Land«, kokettierte ein wenig mit der hohen Besucherzahl von weit über 1000, indem sie sagte, die Auftritte der Reihe fänden sonst immer in Scheunen oder auf Deelen von Bauernhöfen statt – »vor höchstens 500 Zuhörern«.

Ob das Bielefelder Publikum nun wegen der Musik, wegen der Leseproben oder wegen der Vortragenden gekommen waren – das blieb offen. Am Ende aber herrschte schiere Begeisterung und es gab zum Teil stehende Ovationen.

Den Anfang machte Autor Volker Kutscher (57), der mit seinen Krimis, angesiedelt im Berlin der 1930er Jahre, um seinen Kommissar Gereon Rath einen Erfolg nach dem anderen feiert. Kutscher las aus seinem 2018 erschienenen, neuesten Roman »Marlow«. Er hatte Szenen ausgewählt, die die Stimmung in Berlin zu jener Zeit widerspiegeln, die einen Oberkommissar zeigen, der sich, so Kutscher, »durchwurschtelt, nachdem seine Karriere einen Knick bekommen hat«. Die Bielefelder Philharmoniker unter Leitung von Alexander Kalajdzic spielten Benjamin Brittens Violinkonzert op. 15, Solistin war Arabella Steinbacher, die bereits mit den renommiertesten Orchestern der Welt konzertiert hat. Die junge Violinistin und die Philharmoniker machen die Zeitenwende hörbar.

Gemeinsam im »Tatort«

Der Komponist schrieb das Werk, nachdem er aus Großbritannien ausgereist war. In den USA wurde er zunächst als »gefährlicher Ausländer« interniert, ehe er die Premiere 1940 in New York erleben konnte. Britten hielt das Violinkonzert für sein bestes Stück: »Es ist ziemlich ernst, fürchte ich – aber es gibt durchaus einige Melodien.«

Der Abend erlebte dann seinen Höhepunkt im zweiten Teil nach der einstündigen Pause, die bei »Wege durch das Land« gesetzt ist: Dietmar Bär, der »Freddy« aus dem Kölner »Tatort« , und Schauspielerin Svenja Jung, die mit Bär in der »Tatort«-Folge »Kaputt« vor der Kamera stand.

Sie lasen, nein, viel mehr erweckten sie vor allem zwei Figuren aus Vicky Baums Roman »Menschen im Hotel« von Vicky Baum (1929) zum Leben: Fräulein Flamme, genannt Flämmchen, die sich rein beruflich (»Wegen Geld, warum sonst?«) von distinguierten Herren als deren vermeintliche Sekretärin für längere Auslandsreisen engagieren lässt, und Kringelein, ein Mann aus der Provinz, der nicht mehr lange zu leben hat, diese Zeit aber mit allen Mitteln genießen will.

Lesung und Musik malen kongenial ein Zeitgemälde – das Publikum lauscht fast atemlos. Die Bielefelder Philharmoniker spielen Kurt Weills »Kleine Dreigroschenmusik« mit Mackie Messers Moritat oder der Ballade vom angenehmen Leben: Foxtrott, Charleston, Tango klingen dabei an. Zudem erklingt »Speak Low« aus Weills Musical »One Touch of Venus« von 1943.

»Wege durch das Land« am 29. Juni wieder in Bielefeld

Vicky Baum, die sich selbst eine »erstklassige Schriftstellerin zweiter Güte« nannte, hat, so erläuterte Helene Grass in ihrer Einführung, den ersten sogenannten Gruppenroman geschrieben – ein Roman, in dem nicht ein Schicksal im Mittelpunkt steht, sondern der Momentaufnahmen aus dem Leben höchst unterschiedlicher Menschen zeigt. Dietmar Bär machte Kringeleins Ängste, aber auch seine Lust auf Abenteur etwa mit der Fahrt über die Avus bei sagenhaften 118 Stundenkilometern, greifbar. Svenja Jung zeichnete die Lebensgier von Flämmchen nach, die der von Kringelein nicht unähnlich ist. Die Philharmoniker und nicht zuletzt der Generalmusikdirektor selbst hatten ihre helle Freude an der Weill’schen Musik.

Bereits am Samstag, 29. Juni, führen die »Wege durch das Land« wieder nach Bielefeld: Um 19 Uhr in der Kunsthalle hält der spanische Architekt Enrique Sobejano (simultan übersetzt) die »Rede an die Architektur«, Schauspieler Heikko Deutschmann liest aus T.C. Boyles Roman »Die Frauen«, der das Leben des US-Architekten Frank Lloyd Wright schildert, die Musik steuert Singer-Songwriter Bernd Begemann bei. Der 29. Juni ist bundesweit der »Tag der Architektur«.

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