Stadt Bielefeld lässt Anwohner und Politiker auf Gegenmaßnahmen warten
Treppenplatz: Ärger um Trinkerszene geht weiter

Bielefeld (WB). Abends schön auf Balkon, Terrasse oder auch nur am geöffneten Fenster zu sitzen, um einen heißen Sommertag entspannt ausklingen zu lassen – das funktioniert nicht am Brackweder Treppen- und Kirchplatz. Seit Jahren terrorisieren pöbelnde Trinker die mindestens 500 Anwohner. Das Ordnungsamt weiß davon, bekommt die Lage aber nicht in den Griff.

Samstag, 29.06.2019, 16:00 Uhr aktualisiert: 29.06.2019, 17:57 Uhr
Sieht hell und freundlich aus, macht Bürgern aber immer mehr Angst: der Brackweder Treppenplatz vor der Bartholomäuskirche. Die örtliche Trinkerszene, die sich dort fast täglich aufhält, nimmt keine Rücksicht auf die Ruhezeiten der Anwohner. Foto: Peter Bollig
Sieht hell und freundlich aus, macht Bürgern aber immer mehr Angst: der Brackweder Treppenplatz vor der Bartholomäuskirche. Die örtliche Trinkerszene, die sich dort fast täglich aufhält, nimmt keine Rücksicht auf die Ruhezeiten der Anwohner. Foto: Peter Bollig

Von einem Zehn-Punkte-Katalog, den Brackwedes Bezirksvertreter am 19. März einstimmig zur Linderung des Problems beschlossen hatten, ist bis heute kein einziger Punkt umgesetzt worden. Dabei geht es auch um Maßnahmen, die sich schnell und günstig regeln ließen – wie den Abriss zweier kleiner Mauern, die Installation von Strahlern oder das nächtliche Verschließen eines Durchgangs. Die geplagten Anwohner – 150 haben sich seit 2016 schriftlich beschwert – sehen keinerlei Verbesserung.

Fraktionsübergreifend sind Brackwedes Politiker jetzt mit ihrem Latein am Ende. Seit 2015 schon, seit die Diskussion um fliegende Bierflaschen, um Handgreiflichkeiten, Beschimpfungen, Müllberge und bepinkelte Kellereingänge öffentlich ist, haben sie der Fachverwaltung immer wieder ein dringendes Einschreiten nahe gelegt, zuletzt im März. Getan hat sich faktisch nichts.

Warten aufs Alkoholverbot

Es steht jedoch fest, dass gelegentliche, auch stärkere Kontrollen durch das Ordnungsamt oder Streifenpolizisten keine Lösung sind. Die Säufer verschwinden bei deren Eintreffen und kehren zurück, sobald die Patroullie abgerückt ist. Anwohner wie Jochen Wäscher, der sein Leid jetzt in der Sitzung der Bezirksvertretung klagte, verstehen die Welt nicht mehr. Bis zu dreimal pro Tag müsse er die Polizei rufen, sagt er. Die käme dann mit drei, vier oder fünf Streifenwagen, könne aber aus dem genannten Grund nichts ausrichten. An die Kosten, die das jedes Mal auslöst, wolle er gar nicht denken.

Gleichzeitig hält Polizeipräsidentin Katharina Giere die Geschehnisse auf dem Treppenplatz für unauffällig. Auch Dezernatsleiterin Anja Ritschel (Grüne) macht sich um die Situation der geplagten Menschen vom Treppenplatz keine Sorgen. Solche Verhältnisse müsse man als Bewohner einer Großstadt schlicht hinnehmen, hat sie mal gesagt.

Extra sauer sind Brackwedes Bezirksvertreter seit sie erfahren haben, dass die Fachverwaltung jüngst noch nicht einmal mit erzürnten Anwohnern und Ladenbetreibern gesprochen hat. Zudem bleibt ihnen unklar, warum nicht endlich das für den Treppenplatz einstimmig beschlossene Alkoholverbot angeordnet wird – selbst wenn der Stadt Klagen drohen sollten und sie es nach drei Monaten zurücknehmen muss.

»Dann hätten die Anwohner wenigstens in diesem Sommer noch ihre Ruhe«, argumentiert Vincenzo Copertino (CDU), der selbst am Treppenplatz wohnt. »Das Alkoholverbot muss kommen«, fordert er erneut. »Und Frau Ritschel sollte endlich mal ihren Job machen oder aber ihr Amt niederlegen, wenn es sie überfordert.« CDU-Fraktionschef Carsten Krumhöfner bezeichnete das Verhalten der Ordnungsbehörde als »desaströs und nicht hinnehmbar«.

Gespannt erwarten die Politiker jetzt nicht nur die Umsetzung ihres Zehn-Punkte-Kataloges bis September, sondern auch eine Begehung des Brackweder Zentrums am 3. Juli: Zum Thema »Angstraumbekämpfung« will sich Sozialdezernent Ingo Nürnberger mit Vertretern aus Bezirksamt, Bauamt, Amt für Verkehr, Polizei, Umweltbetrieb und den Parteien vor Ort umsehen. Seitdem der Bahnhofstunnel zu Sanierungszwecken zugenagelt wurde, ist der Treppenplatz Brackwedes Angstraum Nummer eins.

Ein Kommentar von Markus Poch

Die Bielefelder Ordnungsbehörde stellt sich in diesem Fall selbst ein Armutszeugnis aus. Warum hilft hier niemand den armen, zum großen Teil alten Menschen in der Brackweder Ortsmitte, die seit Jahren von Säufern belästigt werden? Sollen sie sich so lange provozieren lassen, bis sie irgendwann der Selbstjustiz verfallen? Warum nimmt niemand die vielen Anregungen der von Anfang an um eine schnelle Lösung bemühten Bezirksvertreter ernst?

Jedem Außenstehenden drängt sich die Befürchtung auf, dass an den entscheidenden Positionen des Dezernats die falschen Leute sitzen. So ignorant darf eine so genannte »Fachverwaltung« nicht mit den Menschen umspringen, für die sie eigentlich da ist. Man bedenke: Es geht hier nicht um zwei oder drei renitente Nörgler, sondern um hunderte Männer, Frauen und Kinder, die sich dort unwohl fühlen.

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