Fr., 12.07.2019

Fachhochschule Bielefeld: Wochenend-Werkschau der Gestalter Mit wachem Blick

Von Sabine Schulze

Bielefeld (WB). Patria o muerte, Vaterland oder Tod hat der junge Mann sich auf die Brust tätowieren lassen. Noch ist das zu lesen. Aber die Worte sollen verschwinden – wie auch der Totenkopf, den er ebenfalls auf die Haut hatte sticheln lassen, mittlerweile übertätowiert und damit fast unkenntlich ist. Denn der junge Mann hat der Neonazis-Szene, zu der er sich auch durch Körperbilder bekannt hatte, den Rücken gekehrt.

»Haut, Stein« ist der Titel der Bachelorarbeit von Jakob Gansl­meier. Er hat sich mit Aussteigern der rechtsextremistischen Szene getroffen und fotografisch dokumentiert, wie sie ihre tätowierten Bekenntnisse entfernen lassen. Dazu hat er öffentliche Orte in Städten und im ländlichen Raum aufgesucht, in denen nach wie vor NS-Symbole zu finden sind. Wie umgehen mit diesen Abbildern einer faschistischen Ideologie? Wie bekommt man sie aus dem Kopf? Fragen, die er sich gestellt hat.

Ganslmeiers Arbeit ist eine von 35 Bachelor- und sieben Masterarbeiten, die ab diesem Freitag in der traditionellen »Werkschau« des Fachbereichs für Gestaltung der Fachhochschule gezeigt werden. Wie stets gibt es einen hilfreichen Ausstellungskatalog, den Kaan Kanbur, Tilman Kunkel und Susann Iseringhausen klug und übersichtlich nach dem Motto »Form folgt Inhalt« gestaltet haben und dessen Gebrauch in Fußnoten erklärt wird. Er stellt die Absolventen in Bild und Text vor.

Mit der Stadtgestalt im Wandel hat sich etwa Anke Warlies in ihrem Buchprojekt befasst und den Blick auf das Bielefeld der vergangenen gut 30 Jahre gerichtet. Dabei hat sie versucht, den Charakter Bielefelds zu erfassen und die Pole Natur und Architektur zu verdeutlichen.

»Das was bleibt«

Ebenfalls einen Bielefeld-Bezug hat die Bachelorarbeit »Das was bleibt« von Ronja Tomke Otto. Sie hat zwölf Bielefelder Orte fotografiert, die idyllisch wirken: Lichte Bäume, blauer Himmel, mal eine Parkbank, mal im Hintergrund schemenhafte Häuser. Diese beschaulichen Orte sind aber auch Angsträume. Denn hier, im Nordpark, im Waldstückchen in Großdornberg oder auch am Gleisdreieck hat es sexuelle Übergriffe gegeben. »Ich wollte mit künstlerischen Mitteln zeigen, dass es überall passieren kann und dass jeder Opfer eines sexuellen Übergriffs werden kann«, sagt Otto, die selbst in einer Silvesternacht auf dem Boulevard in Bedrängnis geriet.

Ein modernes Corporate Design – bis hin zur App – hat Sina Stuke für die Basketballgemeinschaft Herford entwickelt. Sportvereine, meint sie, haben es ohnehin nicht leicht, Mitglieder und Ehrenamtliche zu gewinnen, bei Basketball ist das Interesse noch geringer. Ein frischer Auftritt soll da die Attraktivität steigern.

Hawaii-Motive

Den Bogen von Überwachung und Hacking bis zu ihrem Sehnsuchtsort Hawaii schlägt Romana Haake mit ihrer Modekollektion »Coding paradise«, tatsächlich geschrieben c0d1n6 p4r4d153. Da ist ein nüchterner Neoprenanzug, wie ihn Taucher und Surfer tragen, in ein buntes Kleidungsstück mit All-over-Print mit Hawaii-Motiven (selbst fotografiert) zu transformieren. »Sehnsucht trifft auf Realität, Ursprünglichkeit auf Technologie.«

Die Werkschau wird an diesem Freitag um 18 Uhr in der Lampingstraße eröffnet und ist bis Mitternacht zu sehen. Samstag ist die FH von 11 bis 18 Uhr, Sonntag von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Der Dank von Dekan Prof. Roman Bezjak geht ausdrücklich an die Hausmeister, die Seminarräume leer geräumt und damit die Verwandlung in eine Galerie ermöglicht haben.

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