Sa., 13.07.2019

Folge 27 der Uni-Serie: Prof. Lore Benz vertritt an der Universität die Klassische Philologie »Das geistige Fundament Europas«

Foto: Bernhard Pierel

Von Sabine Schulze

Bielefeld (WB). Zuerst, gesteht Prof. Dr. Lore Benz zu, habe auch sie gedacht, dass Latein und Griechisch Sprachvermittler seien. Im Laufe des Studiums aber merkte sie, dass die Beschäftigung mit diesen Sprachen viel mehr leistet. Alter Kram, den niemand mehr spricht? Bestimmt nicht, sagt die Professorin für Klassische Philologie. Sie seien vielmehr das geistiges Fundament Europas.

Seit 18 Jahren lehrt und forscht Lore Benz, 1962 geboren, mittlerweile an der Universität Bielefeld. Geboren wurde sie in Mainz – eher zufällig, weil die Eltern dort studiert hatten –, aufgewachsen ist sie in verschiedenen Städten Deutschlands, bevor sie in Ratzeburg das Abitur ablegte. Zum Studium ging es dann gen Süden, nach Freiburg. »Das erste Staatsexamen habe ich in Latein, Griechisch und Englisch gemacht«, erzählt sie. Danach schloss sich ein Magisterstudium in Archäologie, Geschichte und Deutsch an. »Das habe ich aber nicht abgeschlossen, weil ich schon an meiner Promotion gearbeitet habe.« Die hat Lore Benz in der Latinistik abgelegt, die Habilitation in der Klassischen Philologie.

Ein Schlüsselerlebnis, erzählt die Philologin, habe sie zu ihrem Fach gebracht. Die Familie hatte ein Jahr in Kanada gelebt, zurück nach Deutschland, hatte sich der Vater in den Kopf gesetzt, solle es mit dem Schiff von New York nach Bremerhaven gehen. »Wir waren auf der Höhe von Grönland, als ich sechs wurde. Als Geschenk habe ich von meinen Eltern Gustav Schwabs Sagen des klassischen Altertums bekommen.« Lesen konnte sie damals natürlich noch nicht. Aber sie machte sich ans Werk. »Denn zum einen lagen alle Passagiere mit einem Virus flach – wir auch –, zum anderen stürmte es dermaßen, dass die Überfahrt zehn Tage dauerte.« Viel Zeit, um sich buchstabenweise in die antike Sagenwelt zu vertiefen.

Kenntnisse des Lateinischen schulen das analytische Denken

Später dann, wiederum wegen des Berufes des Vaters, reiste die Familie viel nach Italien und Griechenland. »Die Stätten der klassischen Antike waren damals noch nicht abgesperrt, und ich bin als Kind auf der Akropolis und den Ruinen von Delphi herumgetobt.« Damit war früh der Grundstein gelegt für die Leidenschaft für die Antike.

Die habe auch uns Heutigen noch viel zu sagen, ist Lore Benz überzeugt: »Die alten Texte vermitteln geistige, kulturelle, religiöse, politische und philosophische Inhalte – besonders im Kontext von Europa – und auch die Kompetenz der Selbstreflexion.«

Dass Kenntnisse des Lateinischen das analytische Denken schulen und grundsätzlich helfen, ein Verständnis für Grammatik zu entwickeln und damit auch das Erlernen von Fremdsprachen erleichtern, ist fast schon eine Binsenweisheit. Die antiken Autoren hätten aber durchaus auch zu heutigen Themen manches beizutragen, sagt Lore Benz. »Auch sie haben schon über die richtige Erziehung – autoritär oder liberal? – oder über den Wert von Bildung und Ausbildung Diskurse geführt.«

»Die Römer haben aber geschafft«

So wie wir heute über Vor- und Nachteile der Digitalisierung sprechen, hat auch der griechische Philosoph Platon sich Gedanken gemacht, als die bis dato eher mündliche Gesellschaft eine schriftliche wurde. »Er sah darin eine Gefahr, weil die Jugend sich dann nichts mehr merken könnte.« Und auch der Umgang mit Migration und kultureller Vielfalt war in der Antike ein Thema. »Die Römer haben es aber geschafft, nach zum Teil blutigen Kriegen einen Vielvölkerstaat mit verschiedenen Religionen zu errichten. Sie haben romanisiert und damit quasi eine supranationale Kultur verbreitet.«

Lore Benz freut sich, dass ihr Fach, das Lateinische, derzeit wieder eine Höhe erlebt, dass sich junge Menschen für die Sprache und ihre klare Struktur begeistern. »Wir müssen diese Sprache hochhalten, damit das Wissen nicht verloren geht. Es muss Menschen geben, die diese Texte und ihre Begrifflichkeiten noch verstehen.« Daneben vermittelten die alten Sprachen durchaus Schlüsselqualifikationen: »Mir hat ein Personalberater einmal gesagt, Latein- und Griechischschüler hätten nach seiner Erfahrung gelernt, sorgfältig zu arbeiten, genau zu beobachten, zu kombinieren und scharfsinnig zu analysieren.« Also viele Argumente für »alten Kram«, der uns umgibt: Das Fenster kommt aus dem Lateinischen, Audi, Labor, Infusion oder Namen wie Claudia und Maximilian.

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