Sa., 20.07.2019

Gerd Oliver Seidensticker vor der CPD zur Lage der Modebranche Internet »die Lösung – nicht das Problem«

Symbolbild.

Symbolbild. Foto: Oliver Schwabe

Bielefeld (WB). Am Wochenende beginnt in Düsseldorf die Modemesse CPD. Die Banche steht vor Herausforderungen. Doch hat die Insolvenz von Gerry Weber eigene Ursachen und lässt sich nicht mit der Lage anderer Firmen vergleichen, sagt Gerd Oliver Seidensticker im Interview mit Bernhard Hertlein. 2019 wird der Hemdenhersteller 100.

In Düsseldorf auf der cpd soll es in den nächsten Tagen um Mode gehen. Glauben Sie, dass die Branche derzeit den Kopf frei hat, um über Farben und Formen zu sprechen?

Gerd Oliver Seidensticker: Ja, und nicht nur, weil sich das Gespräch über die neue Mode gerade diesmal im Blick auf Frühjahr/Sommer 2020 lohnt. Wichtige Themen mit dem Handel sind inzwischen ausdiskutiert.

Gerd Oliver Seidensticker (53) Foto: Oliver Schwabe.

Zum Beispiel?

Seidensticker: Die Systempartnerschaft. Also das Zusammenspiel von unabhängigem Modehandel, Markenflächen in den Mode- und Kaufhäusern und den eigenen Markengeschäften der Hersteller. Beide Seiten wissen, dass sie zusammenarbeiten müssen.

 

Gerry Weber ist in der Insolvenz, Ahlers und Seidensticker bauen Personal ab, Karstadt und Kaufhof fusionieren: Nach außen wirkt das so, als sei Mode allgemein aus der Mode gekommen. Sind die Ursachen vergleichbar?

Seidensticker: Nein. Man kann die Lage insbesondere bei Gerry Weber nicht mit der anderer Hersteller gleichsetzen. Ich will jetzt nicht über andere Unternehmen der Branche sprechen. Aber bei Seidensticker ging es um die grundsätzliche Entscheidung, ob wir unser Logistikcenter, das am jetzigen Stand nicht zu halten war, neu bauen oder die Aufgabe auslagern. Wir haben uns für das Outsourcing entschieden.

 

Dabei spielte auch der unerwartete Verlust der Camel-active-Lizenz eine Rolle…

Seidensticker: Unerwartet war der Zeitpunkt. Grundsätzlich wissen wir, dass Lizenzen auf Zeit vergeben werden. Die gute Nachricht ist: Es ist uns gelungen, mit dem neuen Inhaber der Hauptlizenz einen eigenen Lizenzvertrag für Hemden sowie Wirk und Strick, also Polos, Shirts und Pullover, abzuschließen. In diesem Bereich entwickeln und produzieren wir also weiter für die Marke Camel active. Davon profitieren unsere eigenen Produktionsstätten in Vietnam und Indonesien.

Entwicklung

Inwieweit ist das Internet für die Probleme in der Branche verantwortlich?

Seidensticker: Gar nicht. Das Internet ist im Gegenteil für die Textilindustrie die Lösung – zusammen mit den gedruckten Medien. Es verbessert unsere Chancen, unseren Marken Profil zu geben. Zugleich können wir besser in direkten Kontakt mit den Kunden treten.

 

Gibt es unterschiedliche Entwicklungen bei Damen und Herren?

Seidensticker: Die Männer sind leichter zu berechnen. Sie informieren und bestellen auch im Internet, genauso wie offline im Laden. Von den Frauen, die sich im Netz informieren, kaufen viele trotzdem im Geschäft – weil sie bezüglich Farbe und Passform sicher gehen wollen. Oder sie bestellen die gleiche Ware gleich dreifach, in unterschiedlichen Größen. Das sorgt für die große Zahl an Retouren.

 

Und für zusätzlichen Verkehr auf den Straßen…

Seidensticker: Ich glaube nicht, dass die großzügigen Regelungen für Retouren dauerhaft bleiben werden.

 

Inwieweit unterscheidet sich der deutsche von ausländischen Bekleidungsmärkten?

Seidensticker: Nach wie vor ist der mittelständische Modehandel vor Ort in Deutschland stärker als in fast allen anderen Ländern. In den USA und vermutlich auch in China wird mehr Bekleidung übers Internet verkauft.

Strategie

Welche Strategie fährt Seidensticker?

Seidensticker: Wir haben die Zahl unserer Marken deutlich reduziert – von zu Hochzeiten einmal 16 Labels auf jetzt noch zwei: Seidensticker und Jacques Britt. Damit bedienen wir nicht nur alle Vertriebswege, sondern versuchen auch, sie online und offline besser zu vernetzen. Erfreulicherweise entwickelt sich die Marke Seidensticker sehr positiv und verzeichnet – gegen den Trend – nun bereits im neunten Jahr in Folge ein starkes Wachstum am Markt. Der Verzicht auf unterschiedliche Sublabels und die konsequente Fokussierung auf den Markennamen »Seidensticker« mit dem Signet der »Schwarzen Rose« haben zu einer deutlichen und notwendigen Profilschärfe geführt.

 

Seidensticker wird in diesem Jahr 100. Was lehrt die Vergangenheit, was Ihnen jetzt nützen könnte?

Seidensticker: Es hilft nicht, sich bei Veränderungen, die unangenehm sind, einfach wegzuducken. Wer die Chance nicht erkennt und nutzt, gefährdet seine Existenz. Die Entscheidungen, die dafür notwendig sind, können unangenehm sein. Sie sichern aber den Fortbestand der Unternehmung und der Marke.

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