Di., 13.08.2019

eSports: Drei Bielefelder gründen einen eigenen Verein und suchen Mitglieder Die Strategie des Klickens

Mitglieder gesucht: Die drei Studenten Maximilian Achenbach, Denis Markus Swierzewski und Kai Kratzsch (von links) gründeten ihren eigenen eSports-Verein.

Mitglieder gesucht: Die drei Studenten Maximilian Achenbach, Denis Markus Swierzewski und Kai Kratzsch (von links) gründeten ihren eigenen eSports-Verein. Foto: Thomas F. Starke

Von Henrik Wittenborn

Bielefeld (WB). Kein Zweifel, diese drei Jungs sind sich ihrer Sache sicher: eSports ist Sport. Das sehen hierzulande aber längst nicht alle so. Also treten Denis Markus Swierzewski, Robin Zatrib, Maximilian Achenbach und Kai Kratzsch die Flucht nach vorne an – mit der Gründung eines eigenen eSport-Vereins.

Und an Argumenten, warum eSports den Sport im Namen in sich tragen, fehlt es dem Bielefelder Trio nicht. »Es geht genauso um Taktik und Strategie wie in anderen Sportarten auch«, sagt Denis Markus Swierzewski. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Die eSportler sehen ihre Leidenschaft nicht unbedingt in einer Kategorie mit der Leichtathletik oder dem Fußball, sondern eher in der Ecke von Darts, Schach oder Pool-Billard verortet.

Aber sei es drum: Auch körperlich seien eSports eine absolut ernst zu nehmende Sportart. »Es reicht eben nicht, gut und schnell auf einer Maus klicken zu können. Man muss auch wissen, was und warum man klickt«, meint Kai Kratzsch. Und besagtes Klicken würde manch einem als Antwort auf die Frage »Sport oder nicht?« schon reichen. Profis kommen laut Kratzsch auf bis zu 400 Tastenanschläge pro Minute, also fast sieben Fingerbewegungen in der Sekunde – und jede einzelne ist Teil der Strategie.

Lukratives Profigeschäft

Sucht ist ein großes Thema

Neben seinen sportlichen Aktivitäten will der Verein Bielefeld eSports auch aufklären und Präventionsarbeit leisten. »Sucht ist tatsächlich ein sehr großes Thema im eSports«, sagt Denis Markus Swierzewski. »Die virtuelle Welt bietet die Möglichkeit, schnell Erfolgserlebnisse zu sammeln, die es im echten Leben nicht so schnell zu erleben gibt. Für viele sind die Spiele dann eine Art Ventil.« Die Bielefelder wollen bewusst gegensteuern. »Wir wollen unsere Mitglieder auch mal vom Computer wegkriegen und auch offline eine Gemeinschaft sein«, erklärt Maximilian Achenbach. Dazu gelte es, naive Träumereien von Neulingen einzufangen. »Wir wollen klar machen, dass der Weg zum gut verdienenden eSport-Profi ein sehr weiter ist.«

Die Parallelen zum Profisport hören da allerdings noch nicht auf: Auch eSportler analysieren ihre Gegner, ihre in vorangegangenen Partien selbst begangenen Fehler und legen sich eine Taktik für die nächste zurecht. Eine auch finanziell lukrative Profikarriere – teilweise wird um Preisgelder in Millionenhöhe gespielt – habe allerdings auch ihre Schattenseiten. »Die kann nämlich auch ganz schnell vorbei sein. Auch bei uns gibt es Verletzungen, mit Mitte 20 lässt der Körper auch schon wieder nach«, scherzt Achenbach.

Die Vielfältigkeit von eSports haben mittlerweile auch andere für sich entdeckt und aus dem professionellen Zocken einen eigenen Wirtschaftszweig gemacht. Ambitionierte eSportler und Mannschaften vertrauen längst auf eigene Trainer, erweitern ihre Trainingslehre um neue Methoden und ziehen sogar Ernährungscoaches zu Rate.

»Wer körperlich fit ist, der ist auch im Spiel leistungsfähiger«, erklärt Denis Markus Swierzewski. Nicht selten dauere ein Turnier an der Konsole oder am PC über viele Stunden und werde damit zum Ausdauertest. Herzfrequenzen von bis zu 180 Schlägen pro Minute seien ebenso nichts Außergewöhnliches.

Solch gute Argumente, die für eSports als Sportart sprechen, würden jedoch hierzulande noch immer von verbreiteten Klischees überstrahlt. »Das Bild vom übergewichtigen und Energydrinks trinkenden Gamer ist allgegenwärtig«, sagt Swierzewski.

Vielen Leuten fehle der nötige Blick über den Tellerrand. »Das ist in Deutschland ein kulturelles Problem«, sagt Maximilian Achenbach. Die Diskussion über eSports sei zu oft von seinen Gegnern dominiert. So bezeichnete Uli Hoeneß, Präsident beim FC Bayern München, den virtuellen Sport im Jahr 2018 noch als »totalen Schwachsinn«. Medienberichten zufolge denkt mittlerweile aber auch der FC Bayern darüber nach, es den vielen Profiklubs, zu denen auch Arminia Bielefeld zählt, gleichzutun und eine eigene eSport-Mannschaft an den Start zu bringen.

Drei Mal Deutscher Meister

»Eigentlich wäre es jetzt an der Zeit, dass Deutschland im eSports richtig durchstartet«, meint Achenbach. Er und seine beiden Mitstreiter Denis Markus Swierzewski und Kai Kratzsch nahmen ihr Schicksal kurz entschlossen in die eigene Hand und gründeten ihren eigenen Verein – den Bielefeld eSports e.V.. Bereits seit 2015 startet eine Gruppe der Uni Bielefeld in der nationalen Hochschulliga. Und das Team hat schon von sich Reden gemacht: Im Online-Multiplayer-Spiel »League of Legends« feierten die Bielefelder drei Siege bei der Deutschen Unimeisterschaft.

Bisher war die Teilnahme an Mannschaftswettkämpfen allerdings ausschließlich Studierenden vorbehalten – die Regeln der Uni-Liga wollen es so. »Mit der Vereinsgründung wollen wir uns für alle öffnen«, erklärt Kratzsch. Und mit alle meinen die drei Vereinsgründer auch wirklich alle: »Wir wollen vom ambitionierten Spieler, der in Ranglisten durchstarten will, bis zum Gelegenheitsspieler, der sich ausprobieren will, jeden ansprechen.« Aktuell stellt der Verein Mannschaften in den Online-Spielen »League of Legends«, »Counter Strike«, »Rocket League«, »Overwatch«, »Hearthstone« und »Rainbow Six Siege«, demnächst soll die Fußball-Simulation »FIFA« folgen.

Eine Frage der Gemeinnützigkeit

Ob eSports nun ein Sport ist oder nicht, beschäftigt nicht nur die drei Bielefelder Denis Markus Swierzewski, Maximilian Achenbach und Kai Kratzsch bei ihren Bemühungen, Vorurteilen entgegen zu wirken und Klischees abzubauen. Auch die Politik befasst sich seit einiger Zeit an höchster Stelle mit dieser Frage – das sollte sie zumindest.

Im Koalitionsvertrag zwischen CDU und SPD heißt es: »Wir erkennen die wachsende Bedeutung der eSport-Landschaft in Deutschland an. Da eSport wichtige Fähigkeiten schult, die nicht nur in der digitalen Welt von Bedeutung sind, Training und Sportstrukturen erfordert, werden wir eSport künftig vollständig als eigene Sportart mit Vereins- und Verbandsrecht anerkennen und bei der Schaffung einer olympischen Perspektive unterstützen.«

Konkret geht es darum, ob eSports-Vereine einen Platz auf der Liste der förderfähigen Vereinszwecke der Abgabenordnung einnehmen können oder nicht. Entsprechende Gespräche mit der Politik gäbe es laut Kai Kratzsch schon seit längerer Zeit, zuletzt hätten sich die Fronten jedoch zunehmend verhärtet. »In der Politik schiebt man sich die Verantwortung zur Klärung dieser Frage gegenseitig zu.«

»Das wäre ein wichtiger Schritt«

Tatsächlich scheint man sich dort uneins, wer für eine entsprechende Anerkennung zuständig ist. Offiziell ist Horst Seehofer als Innenminister auch »eSports-Minister«. Weil sich in der Anerkennung von eSports als Sport aber vieles um die Frage der Gemeinnützigkeit dreht, versuchte das Innenministerium zuletzt, den Fall an das Finanzministerium abzugeben.

Gerade von besagter Gemeinnützigkeit könnte auch für den Bielefelder Verein vieles abhängen. »Das wäre ein wichtiger Schritt«, sagt Kai Kratzsch. Sollte die Gemeinnützigkeit anerkannt werden, könnten eSports-Vereine damit Spendenquittungen ausstellen und hätten mit der Befreiung von der Körperschafts- und Gewerbesteuer finanzielle Vorteile.

Ob Sport oder nicht, damit hat sich schon der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags beschäftigt. Sein Urteil: eSports sind nicht dem Sport zuzurechnen. Dennoch kommt etwas Bewegung in die Sache: Seit März existiert im Bundestag der »Parlamentskreis eSport und Gaming«.

 

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