Mi., 14.08.2019

Seit einem Jahr läuft der Verkehrsversuch auf dem Bielefelder Jahnplatz Stillstand oder Fortschritt?

Mehr Platz für Fahrräder: Blick vom Niederwall auf den Jahnplatz, wo seit einem Jahr der Verkehrsversuch läuft.

Mehr Platz für Fahrräder: Blick vom Niederwall auf den Jahnplatz, wo seit einem Jahr der Verkehrsversuch läuft. Foto: Thomas F. Starke

Von Michael Schläger

Bielefeld (WB). Vor einem Jahr startete der Verkehrsversuch Jahnplatz. Der Superstau ist ausgeblieben. Aber gelöst sind die Verkehrsprobleme in der City nicht.

Das ist passiert

Seit dem 3. August 2018 läuft auf dem Jahnplatz ein Verkehrsversuch mit geänderten Spurführungen . Anlass dafür waren die Überschreitungen der zulässigen Stickstoffdioxid-Grenzwerte. Der Versuch soll den Autoverkehr und die Belastung durch Stickstoffoxide verringern. Jetzt sind dort 25 Prozent weniger Autos unterwegs. Für den Autoverkehr gibt es nur noch einen Fahrstreifen pro Fahrtrichtung, und der Niederwall in Höhe Jahnplatz wurde als Fahrradstraße ausgewiesen. Aus den gewonnenen Fahrspuren entstand eine Umweltspur für Busse und Radfahrer. Die zulässige Höchstgeschwindigkeit wurde auf 30 Stundenkilometer begrenzt.

Das sagt die Verwaltung

»Wir sind zufrieden mit dem Verkehrsversuch«, betont Olaf Lewald, Leiter des städtischen Amtes für Verkehr. Es habe ein großer Handlungsdruck bestanden, die Emissionswerte auf dem Jahnplatz zu verbessern. »Wir haben dafür zielführende Maßnahmen getroffen«, so der Amtsleiter. Es sei klar gewesen, dass sich der Verkehr andere Wege suchen würde. Es müsse deshalb langfristig darum gehen, bessere Alternativen zum motorisierten Individualverkehr in der Innenstadt anzubieten. »Dazu gehören bessere Radwege, aber auch mehr Angebote für Fußgänger.«

Das sagen die Kritiker

»Eine wirkliche Verbesserung hat nicht stattgefunden«, meint Thomas Kunz, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Ostwestfalen-Lippe. Das Gesamtverkehrsaufkommen sei gleich gebleiben. Dafür würden umliegende Straße jetzt stärker belastet. Nach wie vor sei ungeklärt, wohin der Verkehr denn laufen solle: »Ein Gesamtkonzept fehlt.«

»Die Umgestaltung des Jahnplatzes vor einem Jahr verdeutlicht jeden Tag, dass eine Vielzahl an Problemen entstanden sind«, meint CDU-Ratsfraktionschef Ralf Nettelstroth. Verlierer der Teilsperrung des Jahnplatzes seien vor allem Bewohner der angrenzenden Wohngebiete, die schon jetzt zu Recht über kaum noch zu ertragende Belastungen durch zusätzlichen Verkehr klagten. »Die CDU fordert ein gesamtstädtisches Verkehrskonzept, um die Belastung der Anwohner zu verringern und die Erreichbarkeit der Innenstadt dauerhaft sicherzustellen. Anders als die SPD und Grünen, die den Jahnplatz für den Autoverkehr sperren wollen.«

Das sagen die Befürworter

»Entgegen so mancher düsterer Kassandra-Rufe ist nicht die Katastrophe eingetreten«, meint Hans-Jürgen Franz, SPD-Bezirksbürgermeister in »Mitte« und Mitglied im Stadtentwicklungsausschuss. Ja, es habe Verlagerungen in die umliegenden Straßen gegeben. Aber die seien auch den Baustellen, etwa August-Bebel- und Oelmühlenstraße geschuldet. Die neue Umweltspur werde vor allem von »erfahrenen Radfahrern« genutzt, habe sich aber ebenfalls bewährt. Hauptanliegen sei gewesen, mögliche Fahrverbote zu verhindern. »Wir können davon ausgehen, dass das gelungen ist.«

»Das ist überraschend gut gelaufen«, findet auch Dr. Godehard Franzen, Vorsitzender des Vereins »Bielefeld Pro Nahverkehr«. »Ich bin fast täglich auf dem Platz und hatte den Eindruck, dass sich schon eine Woche nach Einführung der neuen Regelung alle daran gewöhnt hatten.« Für die Zukunft kann sich Franzen auch einen gänzlich autofreien City-Platz vorstellen.

Das soll passieren

Für die dauerhafte Umgestaltung des Jahnplatzes wurden EU- und Landesfördermittel aus dem Programm »Emissionsfreie Innenstadt« in Höhe von etwa 17,5 Millionen Euro bewilligt. Zu dieser Summe muss die Stadt noch einmal zehn Prozent obendrauf packen. Und das Geld muss zügig ausgegeben werden. Bis 2022 soll alles fertig sein. Umgesetzt werden soll das »Kopenhagener Modell«: Das heißt, an den Bushaltestellen folgen auf den Bürgersteig der Radweg und dann der Wartebereich für die Fahrgäste. Das ist nicht unumstritten. Zusätzlich konnten Fördermittel des Bundes für die Errichtung eines Fahrradparkhauses in der Jahnplatzpassage eingeworben werden. Nach den Sommerferien müssen die Politiker entscheiden, ob die Stadt die Passage kaufen soll.

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