Mi., 14.08.2019

Eine ganz persönliche und ernüchternde CO2-Bilanz Ich, der Klima-Killer

Fleisch essen, mal in den Urlaub fliegen, heizen, Auto fahren: Schon der ganz normale Alltag verhagelt die persönliche Klimabilanz von Autor Michael Schläger. Das Ergebnis des CO2-Rechners hat ihn nachdenklich gemacht.

Fleisch essen, mal in den Urlaub fliegen, heizen, Auto fahren: Schon der ganz normale Alltag verhagelt die persönliche Klimabilanz von Autor Michael Schläger. Das Ergebnis des CO2-Rechners hat ihn nachdenklich gemacht. Foto: Thomas F. Starke, dpa

Von Michael Schläger

Bielefeld (WB). Irgendwie hatte ich es ja geahnt. Meine Familie und ich – auch wir sind Klima-Killer. Unser CO-Fußabdruck – eine Übergröße. Aber müssen wir jetzt in Sack und Asche gehen?

Wir leben zu dritt in einem Haus. Wir haben zwei Autos und kein Abo für den ÖPNV. Abends läuft nicht nur der Fernseher. Nebenbei wird auch noch aufs Smartphone geschaut. Bei uns hängt die meiste Wäsche nicht auf der Leine, sie kommt in den Wäschetrockner. Älteres Baujahr. Stromfresser. In der Obstschale liegt schon mal eine Avocado, die Kleinbauern in Mexiko um ihr Wasser bringt. Wahrscheinlich essen wir zu viel Fleisch. Und, ja, im Herbst planen wir eine Flugreise. Wir beziehen unseren Strom von den Stadtwerken, keinen grünen Strom. Obwohl: Die Stadtwerke versichern mir, dass 40 Prozent des Stroms, den wir verbrauchen, eh schon aus regenerativen Quellen stammt.

Mit unserem Familien-Kombi könnte ich punkten. Dachte ich. Der stößt nur 119 Gramm CO 2 je Kilometer aus. Eigentlich ein guter Wert für ein Auto dieser Größe. A+, hat der Händler damals gesagt. Aber ein Diesel und Euro 5. Ganz schlecht, wenn’s ums Stickstoffdioxid geht.

CO2-Rechner des Umweltbundesamtes bringt Klarheit

Soweit die Selbsteinschätzung. Wie sieht es denn nun konkret aus? Der CO 2 -Rechner des Umweltbundesamtes soll die ganze Wahrheit ans Licht bringen. Das Haus, in dem wir leben, ist Baujahr 1982. Wir heizen mit Gas. Die Heizungsanlage stammt aus den Neunzigern. Verbrauch 26.319 Kilowattstunden im Jahr. Ein Wert etwas über dem Durchschnitt. Macht 1,98 Tonnen CO 2 -Ausstoß für mich. Beim Strom ist es ähnlich. 3535 Kilowattstunden im Jahr. Auch ein Durchschnittswert. 0,62 Tonnen CO 2 -Ausstoß.

Jetzt haut’s richtig rein: Der Familienkombi ist mit 2,85 Tonnen Kohlendioxid dabei, der Kleinwagen mit 1,95 Tonnen. Wir sind Freizeitradler und Gelegenheits-Stadtbahnfahrer. Dafür schreibt mir der Rechner nur 0,09 Tonnen gut. Den CO 2 -Ausstoß unserer geplanten Flugreise würde ich am liebsten verschweigen. Aber ich will ja ehrlich sein. 4,32 Tonnen kommen zusammen. Wir haben Economy gebucht. Hilft auch nix.

Denn spätestens jetzt ist mir ganz mulmig. Mit der Flugbuchung habe ich den bundesdeutschen Durchschnitt bereits geknackt. Es soll aber noch dicker kommen.

»Durchschnittliches« Konsumverhalten entspricht 5,21 Tonnen CO2

Mein Alter, mein Job, nur gelegentlicher Sport, hin und wieder Biokost, aber auch mal was aus der Truhe, schlicht: mein Alltag, bedeuten nochmal 2,66 Tonnen übers Jahr obendrauf. Entlastung: null. Auch mein »sonstiges Konsumverhalten« ist ganz normal. Die monatlichen Ausgaben fürs Essen und Trinken, die Anschaffungen, die getätigt werden müssen, die Zahl der Übernachtungen, die wir in Hotels buchen (auch das gehört zur Klimabilanz) – alles »Durchschnitt«, aber der hat seinen Preis: 5,21 Tonnen CO 2 -Ausstoß extra.

Jetzt noch ein Klick, und dann erscheint meine persönliche CO 2 -Bilanz. Eine Katastrophe. 20,35 Tonnen bei mir stehen dem bundesweiten Durchschnittswert von 11,6 Tonnen gegenüber. Oje!

Kohlenstoffdioxid gilt als Hauptverursacher des Klimawandels

Warum dreht sich beim Klimaschutz überhaupt alles um Kohlenstoffdioxid oder kurz: Kohlendioxid? Das Gas gilt als Hauptverursacher des Klimawandels. Klimaschutz heißt deshalb, den Ausstoß des Gases deutlich zu senken. Industrie, Handel und Gewerbe sind gut zur Hälfte für den Ausstoß verantwortlich. Jeweils rund ein Viertel entfallen auf den Verkehr und die privaten Haushalte, also auf Menschen wie mich.

Den CO 2 -Rückgang oder -Anstieg kann man nicht exakt messen. Rechenmodelle helfen bei der Bestimmung. Auch der häufig gebrauchte Begriff von der Klimaneutralität ist eigentlich eine mathematische Betrachtung. Klimaneutral wäre mein Lebensstil, wenn nur noch zwei Tonnen Kohlendioxid produziert würden. Ich liege aktuell zehnfach darüber.

Klimarechner gibt Tipps zur Besserung der persönlichen CO2-Bilanz

Was tun in dieser schier aussichtslosen Situation? Der Klimarechner des Umweltbundesamtes lässt mich nicht ganz allein. Er gibt auch Tipps, wie ich meine Klimabilanz aufbessern könnte. Aber selbst, wenn wir aufs Fliegen verzichteten, die Autos abschafften und die Heizung kalt bliebe, kämen wir in unserem Haushalt nicht auf die erforderlichen zwei Tonnen pro Person. Bliebe der Ablasshandel. Über Atmosfair, einer gemeinnützigen GmbH, die Klimaprojekte finanziert, könnte ich mich etwa für die Flugreise freikaufen. 51 Euro müsste ich dort für meinen Anteil am CO 2 -Ausstoß in 10000 Metern Höhe zahlen. Aber mein Einkommen ist endlich. Ich könnte nicht all meine Klimasünden mit finanzieller Entschädigung ausgleichen. Ich kapituliere. Mein Fazit: Ja, jeder kann etwas tun gegen den Klimawandel. Auch im Kleinen. Aber als Mensch, der das Pech (oder das Glück) hat, in einer wohlhabenden Industrienation zu Hause zu sein und durchschnittlich konsumiert, habe ich zurzeit keine Chance, mein Leben klimaneutral zu leben. Ich rechne mir die Sache einfach schön. 869 Millionen Tonnen CO 2 wurden 2018 in Deutschland in die Luft geblasen. Mein Anteil daran: 0,00000242 Prozent.

So kann man die eigene Klimabilanz errechnen

Verbraucher können nicht nur kiloweise, sondern sogar tonnenweise CO 2 vermeiden, meint das Umweltbundesamt und bietet auf seiner Homepage einen Rechner an, mit dessen Hilfe jeder seine ganz persönliche CO 2 -Bilanz ermitteln kann. Er sagt Ihnen, wo Sie heute stehen und was Sie womöglich kurzfristig ändern können. Das Ausfüllen erfordert ein wenig Zeit, liefert dafür überraschende Erkenntnisse.

Hier gehts zum Klimarechner: uba.co2-rechner.de/de_DE/

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