So., 18.08.2019

Klaus-Georg Loest erklärt, wie sich Besucher einer Bibliothek richtig verhalten Eine Salamischeibe ist kein Lesezeichen

WESTFALEN-BLATT-Praktikant Nicolas Storms zeigt, was in einer Bibliothek tabu ist: Kaffee trinken und Butterbrot essen.

WESTFALEN-BLATT-Praktikant Nicolas Storms zeigt, was in einer Bibliothek tabu ist: Kaffee trinken und Butterbrot essen. Foto: Uta Jostwerner

Bielefeld (WB). Bibliotheken sind einerseits Lernorte und andererseits Orte der Begegnung. In diesem Dualismus liegt ein gewisses Konfliktpotenzial. Was ist in einer Bibliothek erlaubt, was unerwünscht? Klaus Georg Loest, der stellvertretende Leiter der Stadtbibliothek Bielefeld, stand Nicolas Storms und Uta Jostwerner Rede und Antwort.

Wir haben den Eindruck gewonnen, dass die Menschen früher besser darüber unterrichtet waren, wie man sich in Kultureinrichtungen wie zum Beispiel einem Theater verhalten sollte. In jüngster Zeit scheint dieses Wissen verloren zu gehen. Können Sie das für den Bibliotheksbereich bestätigen?

Klaus-Georg Loest : Wir haben Berichte von Bibliothekaren aus dem 19. Jahrhundert, die auch schon ein seltsames Publikum beschreiben. Und die Angestellten selbst galten schon immer als ein bisschen verschroben. Wir sind ein Berufszweig, von dem gesagt wird, wir seien runzlig, hätten einen Buckel und würden zurückgezogen leben. Das heißt, es gibt auf beiden Seiten ein gewisses Misstrauen.

Aber Sie haben völlig Recht, es gibt eine Zunahme von Leuten, die sich auffällig im öffentlichen Raum benehmen, und dies betrifft natürlich auch die öffentlichen Bibliotheken, sowohl hier in der Zentralbibliothek am Neumarkt als auch in den Stadtteilbibliotheken. Wir haben über 20.000 aktive Kunden. Wenn wir davon ausgehen, dass sich 99 Prozent korrekt verhalten, dann besteht der verbleibende Teil immer noch aus 200 Leuten, die massiv stören. Es kann sein, dass sie laut sind, seltsam riechen, die Füße auf den Tisch legen, dass sie seltsam mit den Materialien umgehen und, was noch schlimmer ist, auch unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unhöflich behandeln.

Große Auswahl im Literaturcafé

Was verstehen Sie unter einem seltsamen Umgang mit dem Material?

Loest : Zum Beispiel eine Salamischeibe als Lesezeichen benutzen und das Buch so zurückgeben. Das ist in der Stadtteilbibliothek Sennestadt passiert.

Wie sieht es mit der Lautstärke in einer Bibliothek aus. Darf ich mich mit einer Freundin oder einem Freund dort offen unterhalten oder ist das nicht erwünscht?

Loest : Wir haben lange unter dem Image gelitten, dass Kinder in eine Bibliothek kommen und eine Mitarbeiterin, die am Eingang steht, sagt »psst, psst«. Wir waren vielmehr der Meinung, eine Bibliothek sei ein offener Ort. Wir wollten weg von dem alten Image einer »Psst-Bibliothek« hin zu einer lebendigen Bibliothek für alle. Das haben die Kunden allerdings nicht honoriert, denn sie möchten in der Bibliothek auch ganz konzentriert lesen können. Deshalb haben wir neuerdings wieder Schilder im ersten Obergeschoss aufgestellt, die zur Ruhe gemahnen. Nun haben wir gleichzeitig unten eine Kinderbibliothek und wir wissen auch, dass ein Dreijähriger nicht so diszipliniert sein kann wie ein Erwachsener. Das heißt, da darf auch mal jemand schreien und rennen. Allerdings freuen wir uns, wenn die Eltern in solch einem Fall regulierend eingreifen. Aber das passiert auch nicht immer. Sondern es gibt Eltern, die es ganz in Ordnung finden, wenn ihre Kinder rings um die Regale Fangen spielen. So etwas geht natürlich nicht.

Das Erdgeschoss haben Sie ja generell in Richtung verschiedener Kulturtechniken geöffnet. Dort trifft sich zum Beispiel regelmäßig eine Handarbeitsgruppe.

Loest : Ja, dann gibt es noch Robotik, Gaming und verschiedenste offene Angebote. Im Jahr haben wir 1500 Veranstaltungen und die stehen für Vitalität. Im Erdgeschoss wünschen wir uns in der Tat eine lebendigere Szene. Im ersten Obergeschoss sollen hingegen Konzentration und Ruhe herrschen. Deshalb haben wir beim Neubezug dieses Gebäudes auch Lernboxen eingerichtet. Das sind separate Räume, in denen man laut diskutieren darf. Die werden sehr stark genutzt. Daneben gibt es eine ausgesprochene Leisezone, die wir auch noch erweitern werden.

Was ist mit Speisen und Getränken? Darf ich mir etwas zu essen und zu trinken mitbringen, wenn ich zum Beispiel über Stunden eine Recherchearbeit in der Bibliothek zu absolvieren habe?

Loest : Das Liebste ist uns, wenn Bibliotheksbesucher das Literaturcafé nutzen. Es gibt dort eine wunderbare Auswahl. Wir tolerieren hier Mineralwasser und andere Getränke, die keine Flecken machen. Herumfliegende Chips oder Dönerstücke, die auf den Tischen verbleiben, akzeptieren wir nicht. Unsere Kolleginnen und Kollegen haben die Aufgabe, Informationen zu vermitteln und nicht die Aufgabe, hinter jedem Kunden herzuwischen. Bei fettigen Speisen sagen wir ganz klar nein.

Bücher mögen keine fettigen Finger

Darf ich von zuhause ein Butterbrot mitbringen und essen?

Loest : Das sollte bei schönem Wetter vor der Tür gegessen werden. Wir haben in großen Bereichen der Bibliothek einen Teppichboden, und der soll möglichst lange halten. Fettige Finger mögen weder unsere Bücher noch die Tastaturen unserer Publikums-Computer.

Was gibt es noch an Problemthematiken?

Loest : Ich kann von einem Fall berichten, den ich unmöglich fand. Jemand kam auf seinem Rennrad, um Bücher zurückzubringen. Da er sein Schloss vergessen hatte, schob er sein Rennrad in die Bibliothek hinein und stellte es am Tresen ab. So etwas geht nicht. Andererseits ist ein Kinderwagen gern gesehen.

Wie verhält es sich mit der Ordnung? Werden Bücher schon mal aus den Regalen genommen und wieder falsch eingeordnet oder gar nicht erst zurückgebracht? Kommt es vor, dass Seiten aus Büchern gerissen werden?

Loest : Die Quote der Beschädigungen ist Gott sei Dank bei uns sehr gering. Bei über einer Million Entleihungen im Jahr haben wir nur wenige hundert Fälle von Zerstörungen. Das ist erstaunlich. Jemand, der erwischt wird, muss Schadensersatz leisten. Ansonsten bleibt es am Steuerzahler hängen. Was die Nutzung anbelangt: Bevor die Leute die Bücher falsch einordnen ist es uns lieber, sie lassen die Bücher auf den Tischen liegen und wir ordnen sie zurück.

Dürfen sich Besucher ausbreiten, also einen Arbeitsplatz ausufernd einrichten?

Loest : Ja, das kann man machen. Und wenn man ihn dann aufgeräumt nach vielen Stunden wieder verlässt, ist alles in Ordnung.

»Bei Jugendlichen gibt es eine Dynamik hin zum Horizontalen«

Was ist mit schlafen? Darf ich in der Bibliothek ein Nickerchen machen?

Loest : Bei Jugendlichen gibt es eine Dynamik hin zum Horizontalen. Die möchten sich immer fläzen. Dafür haben wir neben der Jugendbibliothek eigens eine Sitzecke angeschafft. Da darf man sich sogar hinlegen. Was allerdings nicht schön ist, wenn Leute dort schlafen wollen, insbesondere wenn Alkohol im Spiel ist. Dann greifen wir schon mal ein. Eine Bibliothek ist kein Schlafsaal. Wenn jemand nach stundenlanger Lektüre über seinen Büchern mal kurz einnickert, sagen wir natürlich nichts.

Ich sehe gerade, Sie haben uns ein paar Bücher mitgebracht. Können Sie uns etwas empfehlen?

Loest : Ja, da wäre zum Beispiel ein »Knigge für Dummies. Stilvolles Auftreten in allen Lebenslagen. Die wertschätzende Höflichkeit im Privatleben und im Beruf sowie moderne Tischsitten«. Ein wertschätzendes höfliches Auftreten ist etwas Wunderbares und ein großer Schatz unserer Gesellschaft.

Kann man das Buch hier ausleihen?

Loest : Ja, das kann man hier ausleihen. Und für Kinder haben wir zum Beispiel ein köstliches Buch eines niederländischen Autors. Das heißt »Niet brullen in de Bieb«, zu deutsch: »Nicht brüllen in der Bibliothek«. Darin geht es um einen Löwen, der in die Bibliothek kommt und fürchterlich brüllt, weil er etwas vorgelesen haben möchte. Und da sagen dann die Kinder: »Nein, bitte nicht brüllen«. Inzwischen ist ein Mitarbeiter aus Angst vor dem Löwen weggerannt. Und auch in diesem Fall sagen die Kinder wieder, er möge doch das Rennen unterlassen, weil es in einer Bibliothek nicht angemessen sei. So erfährt man etwas über Bibliotheksregeln. Daneben ist das Buch köstlich illustriert. Wir bemühen uns so um eine Zivilgesellschaft, die immer zivilisierter wird und kulturell informiert ist.

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