Sa., 17.08.2019

Immer mehr Handwerksbetriebe und Händler verlassen die Innenstädte Flucht vor hohen Mieten

Eine Bäckerei mitten in der Stadt – das ist für die meisten Bürger auch ein Stück Lebensqualität. Allerdings vertreiben steigende Mieten viele Handwerksbetriebe und Einzelhändler aus den Zentren. Vor allem in Großstädten tritt dieses Problem auf.

Eine Bäckerei mitten in der Stadt – das ist für die meisten Bürger auch ein Stück Lebensqualität. Allerdings vertreiben steigende Mieten viele Handwerksbetriebe und Einzelhändler aus den Zentren. Vor allem in Großstädten tritt dieses Problem auf. Foto: dpa

Frankfurt/Bielefeld (dpa/WB). Der Immobilienboom in Deutschland wird zur Gefahr für Händler und Handwerker in teuren Städten. Verbände warnen, steigende Mieten und Preise verdrängten alteingesessene Geschäfte und Betriebe aus den Innenstädten.

»Die Gewerbemieten in gefragten Städten gehen durch die Decke und treffen vor allem inhabergeführte Händler «, teilte der Deutsche Städte- und Gemeindebund am Freitag mit. »Es droht eine Verödung der Zentren.«

Bernd Düsterdiek, Referatsleiter für Stadtentwicklung des Verbands, warnte: »Alteingesessene Spiel- oder Haushaltswarenläden sind oft schon weg.« Selbst umsatzstarke Filialisten seien teils nicht mehr bereit, die hohen Mieten in Top-Lagen der Innenstädte zu bezahlen. Auch dort komme es daher schon zu Leerstand . »Und fehlt ein Publikumsmagnet, geht es schnell mit ganzen Straßen bergab«, sagte Düsterdiek.

Das meint die OWL-Handwerkskammer

»Der Betriebsstandort ist für Handwerksunternehmen von zentraler Bedeutung«, sagt Dr. Jens Prager, Haupt­geschäftsführer der Handwerkskammer OWL. Um auf die Leistungen des Handwerks gerade im innerstädtischen Raum aufmerksam zu machen, veranstalte die Stiftung Zukunftspreis Handwerk OWL am 10. Oktober einen Handwerkertag in der Bielefelder Altstadt. Ein Ziel sei es, eine breite Öffentlichkeit auf die Bedeutung der ortsnahen Versorgung mit handwerklichen Leistungen aufmerksam zu machen.

Die ländlichen Räume in Ostwestfalen-Lippe stehen vor anderen Herausforderungen als Ballungsgebiete. »Hier erschwert eher die mangelnde infrastrukturelle Erschließung die Weiterentwicklung des Geschäftsbetriebs.«

Die steigenden Mieten in vielen Städten träfen auch das Handwerk, klagte der Branchenverband ZDH. In manchen begehrten Quartieren verschwänden Bäcker, Fleischer, Schuster oder Änderungsschneider aus den Straßen, weil sie sich die Miete der Geschäftsräume nicht mehr leisten können, sagte ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke der »Stuttgarter Zeitung« und den »Stuttgarter Nachrichten«. Und: »Vielerorts erleben wir einen Rückzug von Handwerkern aus den Innenstädten und Wohnvierteln an die Ränder der Stadt, da spielt sich ein echter Verdrängungswettbewerb ab.« Schwannecke nannte Kfz-Betriebe oder Tischlerwerkstätten, die dem Wohnungsbau weichen müssten. Auch Konflikte mit Nachbarn etwa wegen Lärms nähmen zu. Expansionsmöglichkeiten gebe es vielerorts nur noch am Stadtrand.

Der Zentralverband des Deutschen Handwerks stützt sich auf eine Umfrage unter 5000 Firmen, wonach knapp jeder zehnte Betrieb in den kommenden beiden Jahren den Standort wechseln will. In Innenstädten sei es fast jeder fünfte (17 Prozent). Gründe seien steigende Mieten, Kündigungen durch den Eigentümer und Streitigkeiten mit Nachbarn. Denn mit dem Wachstum der Ballungsräume rücken Wohnungen näher an Gewerbegebiete. Firmen verließen aber nicht nur wegen der Mieten die Zentren, so der ZDH. Viele bräuchten auch mehr Platz für Wachstum.

Auch dem Einzelhandel macht der Immobilienboom zu schaffen. »Gerade in Großstädten sehen wir seit Jahren steigende Mieten. Für kleine Geschäfte sind sie kaum noch erträglich«, kritisierte auch Kai Falk, Geschäftsführer des Handelsverbands Deutschland (HDE). Einige Händler könnten sich nicht mehr halten und müssten raus aus den Fußgängerzonen. Doch wer die Innenstädte verlasse, stehe schnell vor dem nächsten Problem – dann fehle Laufkundschaft. Eine mögliche Mietpreisbremse sehen viele Experten aber kritisch. Das Land Berlin hatte eine entsprechende Bundesratsinitiative beschlossen, die eine Begrenzung der Mieten möglich machen soll.

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