Do., 22.08.2019

Kostenfallen bei Handy-Gratisspielen – Vater soll hunderte Euro für Sohn zahlen Wenn aus umsonst richtig teuer wird

Spielen am Mobiltelefon vertreibt die Langeweile, kann aber unter Umständen sehr teuer werden.

Spielen am Mobiltelefon vertreibt die Langeweile, kann aber unter Umständen sehr teuer werden. Foto: dpa

Von Jens Heinze

Bielefeld (WB). Die Zahlungsmitteilung war drei Sätze kurz und kam per SMS-Kurznachricht von der Telekom aufs Mobiltelefon. 613,66 Euro soll ein Bielefelder Vater (46) für den Ausflug seines fünfjährigen Sohnes ins mobile Internet zahlen. Der Junge hatte an Vaters Handy bei einem Strategie-Spiel für Kinder 54 Mal sogenannte In-App-Käufe gemacht.

Dass als App aufs Mobiltelefon geladene Gratis-Spiele richtig teuer werden können, ist vielen nicht bewusst. So wie dem 46-Jährigen, der gegen die Telekom-Abrechnung von 613,66 Euro über sein Mobilfunkkonto Widerspruch eingelegt hat.

»Mein Sohn hat mich gefragt, ob er sich mein Handy für ein Strategie-Spiel ausleihen kann. Das Spiel ist derzeit total in bei Kindern«, berichtet der Vater, wie er in die Kostenfalle geraten ist. Was der 46-Jährige nicht wusste: Der Fünfjährige, der noch nicht lesen kann, bestätigte per Fingerdruck auf bunte Symbole auf dem Handy-Bildschirm 54 Käufe von 10,99 bis 21,99 Euro, um seine Spielfigur in der App besser auszustatten. »Ich bin vollkommen kalt erwischt worden. Da lädst du eine kostenlose App aufs Handy und kannst trotzdem damit in einer Stunde hunderte von Euros ausgeben«, sagt der fassungslose Vater.

Das sagen die Verbraucherschützer

Das böse Erwachen nach der Installation angeblich kostenloser Handyspiele ist für Ingrid Deutmeyer, Leiterin der Verbraucherzentrale an der August-Bebel-Straße, Alltag bei der Beratungsarbeit. »Wer “kostenlose” Spiele auf Handy, Tablet oder PC installiert, wird rasch mit Verlockungen für schnelleres Zocken, höhere Levels und bessere Ausstattung der Avatare konfrontiert. Doch die haben ihren Preis: reelles Geld. Dank In-App-Käufen können Gratis-Spiele zur Abzocke werden«, sagt die Bielefelder Expertin für Verbraucherrecht.

Deaktivieren

»Viele Apps, die auf den ersten Blick kostenfrei sind, finanzieren sich durch In-App-Käufe – ein echtes Geschäftsmodell für Entwickler«, sagt Ingrid Deutmeyer, Leiterin der Verbraucherzentrale Bielefeld. Doch es gebe Möglichkeiten, sich vor der Kostenfalle zu schützen. Anleitungen, wie In-App-Käufe am Mobiltelefon zu deaktivieren sind, hat die Verbraucherzentrale NRW im Internet zusammen gestellt. Es gibt sowohl eine Anleitung für das iPhone (iTunes und App-Store) als auch eine für Android-Handys (Google Play Store).

Der Verbraucherzentrale zufolge sind In-App-Käufe sehr profitabel. Deutmeyer: »Allein im ersten Halbjahr 2016 verdienten Anbieter den Angaben des Bundesverbandes interaktive Unterhaltungssoftware zufolge um die 200 Millionen Euro mit In-App-Käufen bei Gratis-Spiele-Apps. Nicht vorgeschrieben ist nämlich, dass Spiele-Anbieter im Vorfeld angeben müssen, wie viel ein Nutzer verdaddeln kann.«

Die Verlockungen bei Handy-Spielen sind groß, sagt die Leiterin der Bielefelder Verbraucherzentrale. Mal sei der Kauf-Button zentral platziert, mal würden sich während des Spiels laufend Fenster öffnen, die auf die Kauf-Option hinwiesen. Oft seien es viele kleine Käufe, die sich am Ende zu einer großen Summe addieren könnten. Und wenn Zahlungsmethoden auf dem Smartphone hinterlegt seien, werde das Einkaufen besonders einfach.

Deutmeyer: »Vor allem, wenn In-App-Käufe notwendig sind, um im Spiel weiterzukommen, sind die Kostenfallen ausgelegt. Wenn auf virtuelle Währungen gesetzt wird, vernebelt dies vor allem Kindern und Jugendlichen, dass sie echtes Geld ausgeben.«

»Sofort Widerspruch einlegen«

Abgewickelt würden die In-App-Käufe über den jeweiligen App-Store oder über Benutzerkonten. Insbesondere Kreditkarten-, Konto- oder Handynummern seien dabei die Schlüssel für die Transaktion. Wer seine Daten dort gespeichert habe, könne den Kauf schnell abschließen. Sei obendrein nicht mal ein Passwortschutz aktiviert, brauche es für unbeabsichtigte In-App-Käufe nur einen Fingertipp. Alternativ ließen sich Guthaben auch mit Prepaid-Karten auffüllen.

Besser noch: Der Handybesitzer deaktiviert an seinem Mobiltelefon die In-App-Käufe. Genau das, sagt der betroffene Vater, habe er unterlassen. Die Einstellung am Handy, dass jeder Kauf freizugeben ist, war deaktiviert. »Ich wusste bislang nicht, dass man das einstellen kann«, sagt der 46-Jährige.

»Die Eltern sollten fit darin sein, wie sie ihren Kindern das Handy einstellen«, betont Verbraucherschützerin Ingrid Deutmeyer. Ihr Rat an den betroffenen Vater: »Sofort Widerspruch gegen die Zahlungsaufforderung von 613,66 Euro einlegen.« Auch bei den In-App-Käufen am Handy könnten mit Minderjährigen ohne Zustimmung der Eltern keine Verträge abgeschlossen werden.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Google-Anzeigen

© WESTFALEN-BLATT
Vereinigte Zeitungsverlage GmbH

Alle Inhalte dieses Internetangebotes, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken, sind urheberrechtlich geschützt. Verwendung nur gemäß der Nutzungsbedingungen.

Anzeige


https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6864162?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198387%2F2513179%2F