Mi., 28.08.2019

In den Kreisen Höxter, Lippe und Paderborn dauert es bis zu 30 Minuten So lange fahren Sie ins Krankenhaus

Einblick in das Innere eines Rettungswagen: Der LWL hat Daten darüber ausgewertet, wie lange in Ostwestfalen-Lippe die Fahrt ins Krankenhaus dauert.

Einblick in das Innere eines Rettungswagen: Der LWL hat Daten darüber ausgewertet, wie lange in Ostwestfalen-Lippe die Fahrt ins Krankenhaus dauert. Foto: Wolfgang Wotke

Von Florian Weyand

Bielefeld (WB). Auf dem Weg zum Krankenhaus zählt meist jede Minute. In Ostwestfalen-Lippe kann die Fahrt in ein Hospital aber mehr als 30 Minuten dauern. Das zeigt eine Datenauswertung des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL). »Besonders betroffen sind hier wieder einmal vor allem die ländlichen Regionen«, sagt Dr. Rudolf Grothues, der Geschäftsführer der Geographische Kommission für Westfalen.

Hintergrund der Auswertung ist eine Studie der Bertelsmann-Stiftung aus dem Juli 2019 . Darin empfehlen die Verfasser, dass die Reduzierung der Kliniken in Deutschland zu einer besseren medizinischen Versorgung der Patienten führen würde. »Viele Komplikationen und Todesfälle ließen sich durch eine Konzentration auf deutlich unter 600 statt heute knapp 1400 Kliniken vermeiden«, heißt es in der Studie. Die Begründung: »Nur Kliniken mit größeren Fachabteilungen und mehr Patienten haben genügend Erfahrungen für eine sichere Behandlung«, schreiben die Gutachter.

Vor allem in OWL und Südwestfalen Probleme

Beim LWL, der selbst 21 Krankenhäuser betreibt, sieht man das anders. »Bedeutend für die Menschen vor Ort ist viel mehr, dass eine nahe, schnelle und gute Krankenversorgung ein Gefühl der Sicherheit mit sich bringt«, sagt Grothues. Angesichts des bestehenden Ärztemangels im ländlichen Raum seien die Krankenhäuser wichtige Notfalleinrichtungen und Daseinsgrundversorger. »Wenn diese wegfallen, entsteht bei den Menschen ein Gefühl der Benachteiligung«, sagt Grothues.

Der Geograph hat den sogenannten Krankenhausatlas des Statistischen Bundesamtes untersucht, der die Standorte von Krankenhäusern anzeigt. Grothues und Kollegen haben die Daten für die Region Westfalen heruntergerechnet. Ihr Fazit: Vor allem in Ostwestfalen und in Südwestfalen gebe es Menschen, die nicht mal so eben in das nächste Krankenhaus fahren können.

Von einigen Orten aus bis zu 45 Minuten bis zum Krankenhaus

»Eine Fahrtstrecke von mehr als 20 Minuten müssen Einwohner vor allem aus den Kreisen Höxter, Lippe und dem südlichen Kreis Paderborn hinnehmen«, sagt Grothues. Ähnliche Werte ergeben sich in den Berechnungen für Teile des Kreises Minden-Lübbecke. Dazu zählen die Stadt Petershagen an der Grenze zu Niedersachsen und die Gemeinde Hille. In einigen Gebieten von Brakel, Nieheim und Bad Driburg sind es laut LWL bis zu 45 Minuten, die man im Auto sitzt um ein Krankenhaus zu erreichen. »Fahrten in Krankenhäuser in andere Bundesländer wie Niedersachsen oder Nachbarkreise haben wir eingerechnet«, sagt Grothues.

Im Falle von Krankenhausschließungen könne die Fahrtstrecke in ein Hospital noch weiter zunehmen, warnt der LWL. »Eine Reduzierung der Standorte um rund die Hälfte würde die Erreichbarkeit dramatisch verschlechtern und den Menschen das Gefühl des Abgehängtseins vermitteln«, sagt er.

Große Konzentration von Kliniken in Ballungsräumen

Nur geringe Auswirkungen hätten Schließungen von Krankenhäusern dagegen auf die Einwohner von großen Städten wie Bielefeld, Paderborn oder Gütersloh. In den Ballungsräumen herrscht eine große Konzentration von Kliniken. Bis zum nächsten Krankenhaus dauert die Fahrt meist nur bis zu zehn Minuten. Auch in den Städten Minden, Lübbecke, Herford oder Salzkotten seien die Wege kurz.

Neben der sinkenden medizinischen Versorgung im ländlichen Raum befürchtet der Landschaftsverband Westfalen-Lippe, dass durch Klinikschließungen das gesellschaftliche Leben Schaden nehme. »Arbeitsplätze gehen verloren. Helfende Vereine und Patientenbetreuer verlieren ihre Grundlage«, sagt Grothues und verweist auf das Beispiel eines Krankenhauses in Beckum. »Dort packen Ehrenamtliche an Weihnachten Geschenke oder verteilen Eis an die Patienten.«

Primäre Orientierung an Fahrzeiten der falsche Weg?

Nach Meinung der Bertelsmann-Stiftung gehe eine primäre Orientierung an Fahrzeiten aber in die falsche Richtung. »Wenn ein Schlaganfallpatient die nächstgelegene Klinik nach 30 Minuten erreicht, dort aber keinen entsprechend qualifizierten Arzt und nicht die medizinisch notwendige Fachabteilung vorfindet, wäre er sicher lieber ein paar Minuten länger zu einer gut ausgestatteten Klinik gefahren worden«, sagt Brigitte Mohn, Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung.

Rudolf Grothues hofft, die Diskussion um die Zukunft der Kliniken mit seinem Beitrag anregen zu können. »Viele Entscheidungen werden in den großen Zentren getroffen, wo man vielleicht nicht immer den Blick für die ländlichen Regionen hat«, sagt er.

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