Mi., 28.08.2019

Bewohner und Mitarbeiterin eines Seniorenzentrums infolge von Infektion gestorben – AWO nimmt Stellung – Staatsanwaltschaft leitet Ermittlungsverfahren ein Zwei Tote durch Legionellen in Bielefeld

Ein Bewohner und eine Mitarbeiterin des Seniorenzentrums der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Baumheide sind infolge einer Infektion mit Legionellen gestorben.

Ein Bewohner und eine Mitarbeiterin des Seniorenzentrums der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Baumheide sind infolge einer Infektion mit Legionellen gestorben. Foto: Bernhard Pierel

Von Christian Bröder

Bielefeld (WB). Tod durch gefährliche Keime: In Bielefeld sind ein Bewohner und eine Mitarbeiterin des Seniorenzentrums der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Baumheide infolge einer Infektion mit Legionellen gestorben. Die Fälle bestätigte das Gesundheitsamt, die AWO bezog Stellung. Mittlerweile hat die Staatsanwaltschaft Bielefeld ein Todesermittlungsverfahren eingeleitet.

»Die Ermittlungen laufen. Wir prüfen derzeit weitere Maßnahmen, beispielsweise ob Obduktionen vorgenommen werden müssen«, erklärte der ermittelnde Staatsanwalt Christoph Mackel (54) am Mittwochvormittag gegenüber dem WESTFALEN-BLATT. Das für Todesfälle zuständige Kriminalkommissariat 11 der Polizei Bielefeld hat die Ermittlungen aufgenommen. Eingeleitet wurde von der Staatsanwaltschaft ein Todesermittlungsverfahren ohne konkreten Tatvorwurf gegen jemanden. Ein derartiges Verfahren muss bei nicht natürlichen Todesfällen wie einer Legionelleninfektion routinemäßig von Amts auf den Weg gebracht werden. Auch werde kontrolliert, so Mackel weiter, ob sich das Gesundheitsamt der Stadt Bielefeld die Vorfälle hätte melden müssen. Den letzten bekannt gewordenen Legionellen-Fall mit tödlichem Ausgang in Bielefeld hat es im November 2015 gegeben. Damals war ein 69-Jähriger im Krankenhaus gestorben, als die gefährlichen Bakterien in einer Brackweder Senioren-Wohnanlage festgestellt worden waren.

Legionellen sind Keime im Trinkwasser, die beispielsweise beim Duschen über die Atmung aufgenommen werden Foto: dpa

Die beiden aktuell bekannt gewordenen Fälle, die wenige Wochen zurückliegen, bestätigte das Gesundheitsamt am Mittwochmorgen. »Es ist leider der Fall, dass zwei Personen positiv auf Legionellen getestet wurden und verstorben sind«, sagt Ina Böckenhüser (33), Technische Angestellte beim Gesundheitsamt der Stadt Bielefeld. Demnach habe kontaminiertes Wasser zu den Erkrankungen geführt. Eine weitere Mitarbeiterin der Senioreneinrichtung sei ebenfalls erkrankt. Sie soll sich aber auf dem Wege der Besserung befinden. Doch wie konnte es zu Todesfällen durch die gefährlichen Keime kommen?

Duschverbot nach dramatischen Werten

Das Gesundheitsamt hat bereits im April bei einer routinemäßigen Kontrolluntersuchung zu hohe Legionellenwerte im Trinkwasser der AWO-Einrichtung festgestellt. »Bei 101 Legionellen pro 100 Milliliter Wasser besteht für uns ein Grund zum Handeln. Die höchste Kontamination lag damals bei 4300«, so Böckenhüser. Die Behörde ordnete eine Kette von Gegenmaßnahmen an, ein unabhängiger Gutachter wurde mit der Erstellung einer Gefährdungsanalyse beauftragt.

Doch Anfang Juli hatte sich der Wert mittlerweile dramatisch verschlechtert: »Der höchste Wert einer Probe hatte 16.000 Legionellen pro 100 Milliliter Wasser ergeben«, so Böckenhüser weiter, »vereinzelte Werte lagen bei über 10.000.« Somit wurde am 15. Juli ein Duschverbot ausgesprochen. Zu diesem Zeitpunkt waren die Mitarbeiterin und der Bewohner jedoch längst infiziert. Beide Personen starben. Mitte Juli erkrankte noch eine weitere Mitarbeiterin, die sich mittlerweile auf dem Wege der Besserung befindet.

Keime auch in Wohnung einer Mitarbeiterin

Ursächlich könnten Zapfstellen wie Waschbecken, Spülen, Duschen oder Badewannen innerhalb der Einrichtung gewesen sein, die nicht häufig genutzt wurden. »Allerdings haben wir auch die Wohnungen der Mitarbeiterinnen untersucht und zumindest in einer auffällige Legionellenwerte gefunden«, erklärt Böckenhüser. Somit könne man zumindest in ihrem Fall nicht zu 100 Prozent nachweisen, ob sie sich daheim oder im Seniorenheim infiziert habe.

Aktuell wird weiter Ursachenforschung betrieben: Nach der Erstellung der ersten Gefährdungsanalyse Mitte Juli wurde am 6. August eine zweite Analyse beim Gesundheitsamt mit Mängelpunkten eingereicht. Laut Gesundheitsamt hat die AWO ein Sanierungskonzept zum Beheben von Missständen eingereicht. Die vollständige Ausführung aller Arbeiten könne bis Anfang 2020 dauern. Ina Böckenhüser: »Wir begleiten die Maßnahmen seitens des Gesundheitsamtes weiter und führen regelmäßige Kontrollen durch.«

Stellungnahme der AWO:

AWO-Pressesprecherin Berit Peek veröffentlichte am Mittwoch eine Stellungnahme. Hier die Erklärung im Wortlaut:

Die AWO hat ein Sanierungskonzept zum Beheben der Missstände in dem Seniorenzentrum am Wacholderweg eingereicht. Foto: Pierel

»In der Tat hat es vor einigen Wochen Legionellen in unserem Seniorenzentrum Baumheide gegeben. Richtig ist auch, dass eine unserer Beschäftigten an Legionellose verstorben ist. Diese Tatsache macht uns sehr traurig und unser Mitgefühl gilt weiterhin den Angehörigen, mit denen wir in Kontakt stehen. Eine weitere erkrankte Mitarbeiterin befindet sich auf dem Wege der Besserung, worüber wir sehr froh sind. Zudem ist im fraglichen Zeitraum ein Bewohner verstorben. Nach den Informationen, die wir auf Nachfrage vom Gesundheitsamt bekommen haben, ist es nicht geklärt, ob es einen ursächlichen Zusammenhang zwischen den Erkrankungen und Todesfällen und dem Legionellenbefall gibt.

Nach den ersten leicht erhöhten Werten im April haben wir – wie in solchen Fällen laut Trinkwasserverordnung vorgeschrieben – bei einem externen Fachingenieur eine Gefährdungsanalyse in Auftrag gegeben. Das Ergebnis war nicht geeignet daraus Maßnahmen abzuleiten, weshalb wir in Absprache mit dem Gesundheitsamt eine weitere Gefährdungsanalyse in Auftrag gegeben haben.

Die Sicherheit der Bewohnerinnen und Bewohner sowie der Beschäftigten hat für uns oberste Priorität. Am 8. Juli, nach Bekanntwerden der ersten Erkrankten, haben wir vorsorglich umgehend ein Duschverbot verhängt und den Einbau von Filtern in den Duschen veranlasst. Erst danach erhielten wir das Ergebnis der Wasserprobe, das an einer Zapfstelle bei 16.000 KBE (KBE = koloniebildende Einheiten, Anm. d. Red.) lag. Zudem haben wir eine thermische Desinfektion aller Wasserleitungen durchgeführt. Unsere Maßnahmen gegen die Legionellen waren erfolgreich, wie entsprechende Wasserproben ergeben haben. Wir lassen weiterhin laufend das Wasser überprüfen.

Wir haben die zuständigen Behörden informiert, arbeiten eng mit diesen zusammen und haben sofort Gegenmaßnahmen zur Bekämpfung der Legionellen ergriffen, um so die Sicherheit der Bewohnerinnen und Bewohner sowie der Beschäftigten zu gewährleisten. In E-Mails, Dienstgesprächen und Beschäftigtenversammlungen wurden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter informiert. Auch eine Bewohner- und Angehörigenversammlung wurde durchgeführt. Dabei wurde jeweils die Betriebsärztin der AWO OWL einbezogen. Allen Beschäftigten wurde angeboten, Urintests zur Diagnose weiterer Erkrankungen, die es nicht mehr gegeben hat, im Seniorenzentrum durchzuführen. Davon haben viele Beschäftigte auch Gebrauch gemacht. Zudem wurden Gespräche zur psychischen Begleitung für die Beschäftigten angeboten und sie wurden über die erfolgreich durchgeführten Maßnahmen informiert.«

Weitere Informationen folgen.

Was sind Legionellen?

Legionellen (Legionella) sind eine Gattung stäbchenförmiger Bakterien aus der Familie der Legionellaceae. Sie kommen im Süßwasser vor, wenn auch in sehr geringer Konzentration mit wenigen Keimen pro Liter. Die Erreger gedeihen in warmem Wasser, vermehren sich bei Temperaturen zwischen 20 und 55 Grad Celsius und werden über Wasserleitungen übertragen. Bei Temperaturen über 60 Grad sterben sie ab. Legionellen im Trinkwasser können grippeähnliche Erkrankungen und schwere Lungenentzündungen hervorrufen.

Kommentare

Kaum Aufklärungschancen

Sehr geehrte Damen und Herren,
sowohl die Erkrankungen als auch die Todesfälle liegen bereits mehrere Wochen zurück? Damit wird ein Schuldnachweis, wie er von der deutschen Justiz in diesen Fällen gefordert wird, nicht mehr zu erbringen sein.
Üblicherweise werden derartige Fälle selbst bei eindeutiger Sachlage von der Justiz nicht ermittelt und sind als Zivilklage aussichtslos, wenn nicht frühzeitig durch das zuständige Gesundheitsamt Beweise gesichert werden. Siehe den Ausgang in Ulm, Warstein, Mühlheim.https://www.waz.de/staedte/muelheim/nach-legionellen-ausbruch-hospital-zahlte-entschaedigungen-id215641993.html
Ob jetzt noch Obduktionen möglich sind, wird sich zeigen. Vielleicht ist es wie in Mühlheim, als vom verursachenden Krankenhaus eine natürliche Todesursache angegeben wurde und die Leichen eingeäschert waren, als die Staatsanwaltschaft aus der Zeitung von den Fällen erfuhr.
Ganz anders sollte es sich mit der verstorbenen Mitarbeiterin und erst mit der noch lebenden verhalten: Hier sollte gentechnisch nachweisbar sein, ob die Legionellen am Arbeitsplatz oder zu Hause ursächlich waren. Hier ist theoretisch der Arbeitgeber in der Pflicht nachzuweisen, dass die Arbeitsschutzmaßnahmen nach Bekanntwerden der hohen Legionellenzahlen ausreichend waren. Allgemein geht man davon aus dass eine Staubschutzmaske FFP2 ausreichend ist. Hat er die nicht vorgeschrieben, listen Arbeitsschutzgesetz und Betriebssicherheitsverordnung zahlreiche Sanktionen auf, es könnte sogar Vorsatz vermutet werden und die Unfallversicherung wird auch ein Interesse haben, die Folgekosten zurück zu bekommen.
Einem Betreiber einer solchen Einrichtung sollte das Legionellen-Risiko nach langjährigen Diskussionen in der Öffentlichkeit bekannt sein und er sollte auch wissen, dass das dritte Quartal seit Einführung der Meldepflicht dasjenige mit der größten Krankheithäufung ist. Vielleicht haben die hohen Außentemperaturen beigetragen, vielleicht ist zusätzlich ein Verdunstungskühler in der Nähe? Dass der erste Lösungsversuch gescheitert ist, ist den Opfern nicht anzulasten.
Mit freundlichen Grüßen
Axel Klein

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