Do., 29.08.2019

Peter Altmaier (CDU) verspricht in Bielefeld und Paderborn Einsatz für Familienfirmen Minister zu Gast im Mittelstandsland

Daniel Röltgen (links/Fraunhofer) und Gea-Vorstand Steffen Bersch stellen in Paderborn Altmaier ein intelligentes System vor, das Zuverlässigkeit und Effizienz in der Produktion steigert

Daniel Röltgen (links/Fraunhofer) und Gea-Vorstand Steffen Bersch stellen in Paderborn Altmaier ein intelligentes System vor, das Zuverlässigkeit und Effizienz in der Produktion steigert Foto: Oliver Schwabe

Von Oliver Horst

Bielefeld/Paderborn (WB). Dass der Bundeswirtschaftsminister in der Republik unterwegs ist und auch in OWL halt macht, ist am Donnerstag nicht zu übersehen. Bei seiner dreitägigen Mittelstandsreise hat Peter Altmaier (CDU) gleich einen ganzen Bus mit einer 40-köpfigen Reisegruppe – Mitarbeiter seines Hauses und Journalisten – im Schlepptau. Der von der mittelständischen Wirtschaft zuletzt viel Gescholtene will seine Wertschätzung zeigen für das »Rückgrat unserer Wirtschaft«.

Das Timing ist perfekt. Am Morgen hat Altmaier nach anderthalb Jahren im Amt Eckpunkte seiner lange erwarteten Mittelstandsstrategie vorgelegt. Der Minister will damit den Bäcker und Blumenladen um die Ecke, den Handwerksbetrieb oder auch das Großunternehmen in Familienhand entlasten – zumindest ein bisschen von Bürokratie genauso wie von Steuern.

Mit dieser Absichtserklärung im Rücken reist Altmaier durchs »Mittelstandsland«, wie er Deutschland nennt. Da ist es folgerichtig, dass in OWL, wo das Herz des Mittelstands ganz besonders stark schlägt, auf seiner Reiseroute gleich drei Stationen liegen: zwei in Bielefeld und eine in Paderborn.

»Founders Foundation« trifft den Geschmack

Die Bielefelder Gründerschmiede »Founders Foundation« ist ganz nach Altmaiers Geschmack. Hier gibt es ihn, den Gründergeist, der bundesweit auf dem Rückzug ist. Und das Zusammenspiel von Start-ups und etabliertem Mittelstand. Für Altmaier geht es an Tischkicker und Tennisplatte vorbei die Treppe rauf nach oben – in den ersten Stock. Hier arbeiten die jungen Gründer an ihren Ideen.

Der Minister spricht im Scheinwerferlicht der Kameras mit Lara von Petersdorff-Campen, die vor einem Jahr ihre Firma »Lytt« gründete. Sie hat einen digitalen Assistenten entwickelt, der Beschäftigten in einem Unternehmen ermöglicht, Probleme am Arbeitsplatz, darunter auch etwa sexuelle Belästigung, anonym und sicher mitzuteilen. »Das Schwierigste ist nicht die Gründung selbst, sondern die ersten fünf Kunden zu gewinnen«, sagt von Petersdorff-Campen. »Hier könnte es helfen, wenn es für den Mittelstand ein Förderprogramm bei der Zusammenarbeit mit Start-ups gibt.«

25 junge Firmen mit inzwischen fast 300 Arbeitsplätzen und zwölf Millionen Euro eingeworbenem Kapital hat die von der Bertelsmann-Stiftung gegründete gemeinnützige Gründerschmiede seit 2016 hervorgebracht. Dies sei ein »super Beweis, dass sich in Deutschland etwas tut, wir auch ein junges Land sind und noch viel Dynamik drinsteckt«, sagt Altmaier. Deutschland brauche Innovatoren und Gründer – in jedem Alter. Dafür ist Torsten Bendlin ein Paradebeispiel, der mit Altmaier vor 150 Zuhörern auf dem Podium sitzt. Der heute 49-Jährige, lange Zeit Einkaufsleiter eines Möbelkonzerns, gründete 2017 gemeinsam mit zwei Mittzwanzigern und der Hilfe der Gründerschmiede das Start-up Valuedesk, das Unternehmen beim Optimieren hilft.

Zum Vorbild machen?

Altmaier will die Founders Foundation nun zum Vorbild machen. Im zweiten Halbjahr 2020 soll sein Ministerium vier Regionalkonferenzen in der Republik organisieren, bei der die Gründerschmiede Unternehmern und Sponsoren ihr Konzept vorstellt.

Der Chef des Bielefelder Gebäudehüllenspezialisten Schüco, An­dreas Engelhardt, setzt auf eine Arbeitsteilung zwischen Wirtschaft und Politik. »Wir als Unternehmen machen unseren Part. Was wir von der Politik brauchen, sind passende Rahmenbedingungen. Sonst helfen die tollsten Innovationen nicht.« Altmaiers Eckpunkte »stimmen im Großen und Ganzen. Jetzt kommt es aber auf die Umsetzung an. Das muss weitestgehend auch passieren«, sagt Engelhardt. Keine Steuererhöhungen, eher Entlastungen sei das eine. »Vor allem aber brauchen wir in Deutschland eine Entbürokratisierung, etwa um Fachkräfte aus dem Ausland einsetzen zu können. Das dauert bislang Monate bis zu einer Entscheidung.«

Abends auf der Paderborner Zukunftsmeile

Auch bei seinem zweiten Halt, beim Bielefelder Bauunternehmen Goldbeck, dreht sich das Gespräch um die Umsetzung der Eckpunkte, die größtenteils die Forderungen widerspiegeln. Die Frage ist, was davon in Gesetze gegossen wird, sagen Jörg-Uwe und Jan-Hendrik Goldbeck, die das Milliardenunternehmen in zweiter Generation führen.

In Paderborn wird die »Zukunftsmeile« am Abend ihrem Namen gerecht. Hier zeigt sich Altmaier beeindruckt von der Zusammenarbeit von Forschung und Wirtschaft im Spitzennetzwerk »It’s OWL«. Dass die Lösungen zur Digitalisierung auch in kleinere Firmen übertragen werden, sei für ihn wichtig zu sehen. So könnten auch diese Betriebe die nächsten Schritte in die Zukunft mitgehen.

»Ich werde nicht alles umsetzen können. Wer kann das schon«, sagt Altmaier dem WESTFALEN-BLATT mit Blick auf die Eckpunkte seiner Mittelstandsstrategie. Einige Vorhaben aber seien auf den Weg gebracht, etwa das Gesetz zur energetischen Sanierung. Und ein Bürokratieentlastungsgesetz mit einem Volumen von einer Milliarde Euro folge in Kürze. Auch für die vollständige Abschaffung des Soli-Zuschlags bis spätestens Ende 2026 wolle er sich weiter einsetzen.

Altmaier: »Jeder einzelne Punkt muss erkämpft werden. Der Erfolg hängt auch von der Unterstützung aus der Wirtschaft ab. Ich kann dafür nur werben, bei den Firmen genauso wie im Kabinett.« Der Minister weiß dabei nur zu gut, dass der Mittelstand nach den netten Worten nun auch Taten erwartet.

In der SPD ist die Mittelstandsstrategie von Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) auf Kritik gestoßen .

 

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