Fr., 13.09.2019

Physiotherapeut und seine Frau bestreiten den Missbrauch kleiner Patientinnen Kein Geständnis

Von Christian Althoff

Bielefeld/Bad Oeynhausen (WB). Schweren Kindesmissbrauch nennt die Staatsanwältin das, was etlichen Mädchen in der Praxis eines Bad Oeynhausener Physiotherapeuten (61) über Jahre zugefügt worden sein soll. Doch von Missbrauch will der Therapeut nichts wissen, und seine ebenfalls angeklagte Ehefrau (62) auch nicht: »Das war eine spezielle manuelle Therapie.«

Die Zuschauerreihen in Saal 1 des Bielefelder Landgerichts sind gut gefüllt. Ein Mann aus Bad Oeynhausen sagt: »Meine beiden Söhne spielen Fußball und wurden jahrelang von dem Therapeuten betreut. Als der Fall bekannt wurde, habe ich sie gefragt, ob ihnen auch etwas passiert ist. Aber da war nichts.«

2017 hatte ein Computertechniker bei Wartungsarbeiten auf dem PC des Physiotherapeuten und Heilpraktikers Rainer M.  offenbar heimlich aufgenommene Kinderfotos entdeckt . Er informierte die Polizei. Die durchsuchte aber erst im März 2019 Praxis und Wohnräume. Dabei entdeckte sie etwa 10.000 Kinderpornofotos – auch von Mädchen, die als Patientinnen in der Praxis waren.

Aus der Zelle in den Saal

Seit dem 28. März sitzt der 61-Jährige  in Untersuchungshaft . Seine Frau Reinhild M. (62), der Beihilfe vorgeworfen wird, blieb frei. Jetzt sitzt sie neben ihrem Verteidiger Torge Sulkiewicz auf der Anklagebank und verbirgt das Gesicht hinter der rechten Hand. Auch ihr Mann will nicht erkannt werden: Als Justizwachtmeister ihn  aus der Zelle in den Saal führen , hält er sich einen Aktendeckel vors Gesicht.

Staatsanwältin Sabine Berger trägt die Anklage so schnell vor, dass Mitschreiben kaum möglich ist. Und trotzdem scheint es endlos zu dauern, bis sie fertig ist – so lang ist die Liste der Vorwürfe.  Von acht Mädchen ist die Rede , die etwa wegen einer Wirbelsäulenverkrümmung oder eines Hüftfehlstandes in der Praxis gewesen seien. Die sich mit breit gespreizten Beinen hätten hinlegen müssen und von Rainer M. im Genitalbereich fotografiert worden seien. Die Schmerzen gehabt hätten, als der Therapeut sie sexuell schwer missbraucht habe. »Ein siebenjähriges Mädchen fragte verunsichert, ob das denn alles richtig sei, aber der Angeklagte und seine Ehefrau, die dabei war, sagten dem Kind, das gehöre zur gymnastischen Behandlung.«

Ein Mädchen ist nicht identifiziert

Einmal habe der Mann mit einem Reflexhammer gegen den Schambereich eines Mädchens geklopft, ein anderes Mal die Brüste einer 14-Jährigen angefasst und gesagt, die linke sei größer. Als die Jugendliche habe aufstehen wollen, habe er sie mit Gewalt zurück auf die Liege gedrückt und gesagt, wenn er nicht wolle, dass sie gehe, dann gehe sie auch nicht. Außerdem habe er einer kleinen Patientin, die sich habe ausziehen müssen, eine Puppe in die Hand gedrückt und Fotos gemacht.

Von einem Mädchen wissen die Ermittler noch nicht, was ihm möglicherweise alles passiert ist: Sie haben zwar das Bild des vielleicht fünf oder sechs Jahre alten Mädchens gefunden, das mit breit gespreizten Beinen vor der Kamera liegt. Aber sie konnten das Kind bis heute nicht identifizieren.

Scheinbar unbewegt hört Rainer M. der Staatsanwältin zu. Und auch seine Frau, eine Kinderkrankenschwester, die als geringfügig Beschäftigte in der Praxis arbeitete, zeigt keine Regung. Sie soll nicht nur beim Missbrauch dabeigewesen sein, sondern auch im ein oder anderen Fall dafür gesorgt haben, dass Eltern das Behandlungszimmer verließen. Hinten im Gerichtssaal sitzt die Tochter der Angeklagten und weint.

Der angeklagte Physiotheraoeut Rainer M. aus Bad Oeynhausen mit seiner Verteidigerin Iris Grohmann aus Münster. Foto: Christian Althoff

Verteidigerin Iris Grohmann kündigt an, sie werde an einem der nächsten Verhandlungstage etwas vorlesen. »Aber kein Geständnis.« Ihr Mandant sage, dass das, was er getan habe »  eine spezielle manuelle Therapie « gewesen sei. Dann beantragt die Verteidigerin die Bestellung eines Gutachters, der die Behandlungsmethoden des Angeklagten bewerten solle. Auf die Frage des Vorsitzenden Richters Carsten Nabel, wie denn diese Methode genau heiße, sagt der Angeklagte: »Spezielle manuelle Therapie.« Die habe er sich ausgedacht, sie setze sich aus verschiedenen Verfahren zusammen. Der Richter gibt zu bedenken, dass – sollten sich die Anklagevorwürfe bewahrheiten – ein Geständnis Vorteile habe. Aber davon wollen die Angeklagten nichts wissen.

Anwalt ist schockiert

»Ich bin schockiert«, sagt Anwalt Baris Devletli aus Bad Oeynhausen später auf dem Gerichtsflur. Er hatte im Lügde-Prozess ein Kind vertreten und es als Erleichterung wahrgenommen, dass die Angeklagten den Opfern mit ihrem Geständnis eine Aussage erspart hatten. Jetzt vertritt er ein Mädchen, das in der Praxis 39 Mal missbraucht worden sein soll. »Meine Mandantin hat mir gestern noch am Telefon gesagt, dass es ihr sehr schwer fallen würde, wenn sie vor Gericht erscheinen müsste. Dass die Angeklagten trotz  der polizeilichen Aussagen der Kinder und der vielen gefundenen Fotos die Taten bestreiten, kann ich nicht nachvollziehen.« Auch sei er verwundert, sagt Baris Devletli, dass außer seiner Mandantin kein Opfer vor Gericht anwaltlich vertreten sei. »Warum geben die Eltern ihren missbrauchten Kindern keine Stimme?«

Der nächste Prozesstag ist der 4. Oktober.

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