Uraufführung im TAM: Leona Grundig überzeugt als liebenswert-naiv-schlaue Spin
Android*in aus Quantenschaum

Bielefeld (WB). Das Publikum hatte Spaß und die sieben Schauspieler sichtbar auch. Und das bei einem Stück, das sich mit Künstlicher Intelligenz – kurz: KI – beschäftigt. Das allein ist schon ein kleines Wunder, das Autor David Gieselmann mit »Spin« gelungen ist.

Sonntag, 15.09.2019, 10:00 Uhr
Die Android*in (das Gender-Sternchen wird in diesem Stück stets mitgesprochen) Spin begehrt auf. Leona Grundig spielt die KI (Künstliche Intelligenz) sehr menschlich in der gefeierten Uraufführung von »Spin« im TAM. Foto: Philipp Ottendörfer/Theater
Die Android*in (das Gender-Sternchen wird in diesem Stück stets mitgesprochen) Spin begehrt auf. Leona Grundig spielt die KI (Künstliche Intelligenz) sehr menschlich in der gefeierten Uraufführung von »Spin« im TAM. Foto: Philipp Ottendörfer/Theater

»Spin« ist ein Auftragswerk der Universität zu deren 50-jährigem Bestehen, und offenbar haben Gieselmann und Regisseur Christian Schlüter damit einen (Lach-)Nerv getroffen. Denn das Grundgeräusch während der natürlich von Universitäts-Angehörigen durchsetzten Uraufführung im TAM war Kichern: wegen des Wiedererkennungseffektes, des Vokabulars, aber auch wegen der lustvoll überzeichneten Protagonisten.

Allerdings: Das Stück wirft durchaus Fragen auf. Was sind Gefühle, und kann ein Cyborg Gefühle haben? Ist ein Roboter, der aussieht wie ein Mensch, auch menschlich? Oder macht er vielmehr Angst? Es gibt Referenzen an die Uni – mit Videos von Sascha Vredenburg, aber auch in den Dialogen mit zahllosen Fachbegriffen und dem allgegenwärtigen und stets mitgesprochenen und somit politisch höchst korrekten Gender-Sternchen. Schließlich, und das stellt Spin von Anfang an klar, ist sie eine Android*in.

Gefeiertes Bielefeld-Debüt

Leona Grundig gibt in der Rolle ihr vom Publikum gefeiertes Bielefeld-Debüt als Schöpfung einer betrügerischen Biochemikerin. Sie weiß alles, kann alles und handelt auf vier Ebenen parallel. Nach und nach entdeckt sie aber auch ihre Defizite – nämlich das nicht vorhandene Mensch-sein. So wird sie von der Gutachter*in Silke Meinard (Brit Dehler, die noch weitere fünf Rollen spielt), gefragt: »Sind Sie denn auch emotional gefestigt?« Spin: »Ich habe zu dieser Frage keinen Bezug.« Erst der Vater ihrer Schöpferin, aus Florida angereist und dereinst Architekt der Uni (als Alt-Hippie mit Herz gespielt von Thomas Wehling), zeigt ihr, was Leben sein kann.

Leona Grundig, Thomas Wehling und Doreen Nixdorf als von sich überaus überzeugte Wissenschaftlerin Regula Simon spielen nur jeweils eine Rolle, Carmen Witt, Brit Dehler, Simon Heinle und Lukas Graser weitere 16 von der Kryptotrader*in bis zum Studenten, vom Uni-Präsidenten bis zum Chief-Field-Consultant. Alle müssen fix sein, die Szenen sind kurz, blitzschnell müssen sie sich verwandeln. Perücken und Kostüme (Jürgen Höth) inklusive.

Die zugegeben (möglicherweise nur außerhalb des Wissenschaftsbetriebs) krude Story: Biochemiker*in Regula Simon hat EU-Gelder veruntreut. Ohne jegliche Schuldgefühle: »Ich habe über das Institut für Advanced Studies, oder nennen wir es mit der deutschen Abkürzung ZiF, Forschungsgelder beantragt. Die brauchte ich für ein ambitioniertes Projekt, das ich und nur ich in die Tat umsetzen konnte.« Spin eben. Hinter der Android*in sind Geheimdienst, ein Kunstfleisch-Produzent, eine spirituelle Bewegung und die Schöpfer der Kryptowährung »Fuck Money« her.

Schöpfer*in hat an alles gedacht

Für Regula Simon ist Spin wie eine Tochter, bis ihr Vater anreist und eine Art von Familiendrama in Gang setzt. Spin ist naiv und nimmt alles wörtlich. Was bedeutet »Draußen nur Kännchen« und wieso hat »falsch liegen« nichts mit Bett zu tun? Sie ist liebenswert und speichert alles auf ihrer Festplatte. Sie sagt, was ihr in den Sinn kommt und hinterfragt alles: »Evaluierung. Ein bemerkenswertes Wort. Fast alle Vokabeln sind drin. Es fehlt ein O. Wörter mit allen fünf Vokalen sind zum Beispiel Naturkosmetik, Baumwollkleid, Jalousie oder Autopsie.«

Ihre Schöpfer*in hat vermeintlich an alles gedacht. So kann Spin nicht töten. Regula Simon: »Ich habe einen Kodex-Chip im Quantenschaum verkabelt. Er enthält eine übergeordnete ethische Verhaltensnorm, die auf dem kategorischen Imperativ und den Robotergesetzen nach Asimov beruht.« Spin jedenfalls will menschlich(er) sein – und löst das Dilemma aus dem Gefühl heraus.

Vorstellungen: 19., 20. 21. September, 12., 17. Oktober.

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