Mo., 16.09.2019

Kurioses Verfahren um Zwangs-Tätowierung: Geständiger Angeklagter nicht verurteilt Freispruch im Rockerprozess

Das Zeichen der Rocker: der geflügelte Totenkopf.

Das Zeichen der Rocker: der geflügelte Totenkopf. Foto: dpa

Von Jens Heinze

Bielefeld  (WB). »Das habe ich in mehr als 20 Jahren nicht erlebt. Einiges in diesem Verfahren war unüblich«, sagte Astrid Salewski, langjährige Vorsitzende Richterin am Amtsgericht Bielefeld.

Am Freitagabend um 18 Uhr sprach das von Richterin Salewski geleitete Schöffengericht in einem Rockerprozess ein Ex-Mitglied (49) der Hells Angels vom Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung frei. Und das, obwohl der Mann die Tat gestanden hatte.

Ebenfalls freigesprochen wurde der zweite Angeklagte (35), ein aktiver Hells Angels (»Höllenengel«) aus Bielefeld. Diesem wurde vorgeworfen, den 49-Jährigen gezwungen zu haben, die klubeigenen Tätowierungen der Hells Angels auf der Haut von zwei gefeuerten Rockern zu überzeichnen.

Interne Querelen bei den Hells Angels Bielefeld

Hintergrund des Prozesses waren mehr als dreieinhalb Jahre zurückliegende interne Querelen bei den Hells Angels Bielefeld. Wegen Verstößen gegen die Regeln des Rockerklubs waren seinerzeit der damalige Präsident (56) und die Nummer 3 in der Hierarchie, der für die Ausrüstung zuständige Sergeant at Arms (55), rausgeworfen worden. Dies wurde am Abend des 5. April offiziell vollzogen.

Sämtliche Mitglieder der Bielefelder »Höllenengel« und die beiden Ausgestoßenen wurden in einen Stripklub nach Paderborn-Sennelager zitiert. Was dann geschah, darüber gibt es zwei unterschiedliche Darstellungen. Ex-Präsident und Ex-Sergeant sollen angeblich kurzzeitig als Geiseln genommen, bedroht und mit Schlägen sowie Waffengewalt dazu gezwungen worden sein, sich die Rocker-Tätowierungen überzeichnen zu lassen. Denn nach den Regeln der Hells Angels sind Tattoos wie der geflügelte Totenkopf nach Austritt oder Rauswurfe umgehend unkenntlich zu machen.

Der 35-jährige Angeklagte soll im Stripklub den anderen Angeklagten, einen Profi-Tätowierer, gezwungen haben, mit der Tattoo-Maschine auf der Haut der beiden gefeuerten Rocker aktiv zu werden. Sollte er das nicht machen, könne er sich gleich zu den beiden Geschassten stellen, soll der 35-Jährige gedroht haben.

Zeugen widersprechen Angaben eines Opfers: »Blanker Unsinn«

Geiselnahme, Drohungen und Schläge – das ist alles blanker Unsinn, hieß es von als Zeugen vor Gericht geladenen Teilnehmern des Rockerabends im Stripklub. Am Freitag sagte ein inzwischen ebenfalls von den Hells Angels geschasster Ex-Rocker (56) unter Eid aus. Demnach habe der Ex-Sergeant sogar um das Überzeichnen seiner Tattoos gebeten.

Dieser Zeuge, der nach Meinung des Gerichtes ohne jeden Widerspruch ausgesagt hatte, wurde letztlich für absolut glaubwürdig gehalten. Beim folgenden Freispruch spielte es keine Rolle mehr, dass der Tätowierer aus dem Stripklub sich selbst bei der Polizei angezeigt und vor Gericht ein Geständnis abgelegt hatte.

Verteidiger: Rachefeldzug gegen die Hells Angels

Am Rande des Prozesses klang an, dass der Tätowierer mit dem ehemaligen Sergeant at Arms nicht nur befreundet ist. Er soll auch ein ehemaliger Mitarbeiter des 55-Jährigen sein, der früher Tattoo-Studios betrieb. Als der Tätowierer eineinhalb Jahre nach dem Hells Angels-Abend im Stripklub zur Polizei ging und die angebliche Tat gegen seinen Freund anzeigte, soll ihn der Ex-Sergeant begleitet haben.

Der 55-Jährige betreibe einen Rachefeldzug gegen die Hells Angels Bielefeld und alle, die an jenem Abend dabei waren, hieß es vor Gericht von den beiden Verteidigern des Bielefelder Hells Angels. Mutmaßliches Motiv: Der Ex-Sergeant habe sich lange vergeblich darum bemüht, beim Rockerklub wieder aufgenommen zu werden.

 

 

 

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