Gläubiger der Gerry Weber AG stimmen dem Insolvenzplan zu
Nur die Aktionäre sind sauer

Bielefeld/Halle (WB). Etwa 250 Gläubiger haben am Mittwochnachmittag in der Bielefelder Stadthalle über den Neustart der Gerry Weber International AG abgestimmt. Mit großer Mehrheit votierten sie für den Insolvenzplan.

Mittwoch, 18.09.2019, 18:59 Uhr aktualisiert: 20.09.2019, 10:14 Uhr
Symbolbild. Foto: dpa
Symbolbild. Foto: dpa

Von sechs Gruppen hat lediglich die der Aktionäre überwiegend mit Nein votiert. Sie ist auch die einzige, die bei der Insolvenz leer ausgeht. Mit einer Quote von teilweise über 50 Prozent sieht es für die übrigen Gläubiger weitaus besser aus – besser auch als beim Durchschnitt vergleichbarer Insolvenzverfahren, wie der Generalbevollmächtigte Dr. Christian Gerloff bei der nichtöffentlichen Versammlung in der Bielefelder Stadthalle eingangs erläuterte.

Gericht kann das »Nein« der Aktionäre aufheben

Für die Gruppe der Aktionäre ist, wie zu Beginn der Gläubigerversammlung erläutert wurde, aus insolvenzrechtlichen Gründen keine Quotenbefriedigung möglich, solange nicht alle anderen Gläubiger mit sämtlichen Forderungen zu 100 Prozent befriedigt worden sind.

Ihre fehlende Zustimmung kann das zuständige Gericht gemäß Paragraph 245 der Insolvenzordnung aufheben und ersetzen.

Ein Aktionär stellte bei der Versammlung Antrag auf Minderheitenschutz. Auch darüber wird das Insolvenzgericht vermutlich in Kürze im Rahmen des Verfahrens zur Planbestätigung entscheiden.

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Erleichtert und sehr zufrieden war nach der Abstimmung Vorstandschef Johannes Ehling, Er nannte das Votum der Gläubiger eine »großartige Nachricht«. Nun könne Gerry Weber »nach den vielen, zum Teil schon umgesetzten Maßnahmen durchzustarten«.

Nichts mit einer Hauptversammlung gemein

Keine großformatigen Modefotos, kein Essen, nur Kaffee, Sicherheitsschleusen wie bei Gericht: Mit einer Hauptversammlung, wie sie Gerry-Weber-Aktionäre bis 2018 in Halle gewohnt waren, hatte die Gläubigerversammlung nichts gemein. Gleichwohl kamen viele, »um das mal mitzuerleben«. Und um ihren Ärger deutlich zu machen. »Alle erhalten etwas, nur wir nicht«, schimpfte ein Kleinaktionär aus Werther. Ein Anteilseigner aus Warburg musste immerhin 50.000 Euro in den Wind schreiben. Ein anderer ärgerte sich, dass er seine 40 Aktien nicht beim Kurs von 36 Euro verkauft hatte. Erworben hatte er sie zu acht Euro. Wieder ein anderer fand es befremdlich, dass ihm seine Bank für das Papier, das er zur Teilnahme an der Gläubigerversammlung benötigte, noch zehn Euro abknöpfte. Die Gründerfamilien Weber und Hardieck waren übrigens nicht persönlich auf der Gläubigerversammlung vertreten.

Abgestimmt wurde in sechs Gruppen von Gläubigern – je nachdem, ob privat oder öffentlich-rechtlich und abhängig von der Summe. Außer bei den Aktionären stimmten alle mit Mehrheiten von fast 100 Prozent für den Insolvenzplan.

Insolvenzquote setzt sich aus unterschiedlichen Bausteinen zusammen

Die Höhe der jeweiligen Insolvenzquote setzt sich, wie berichtet, aus unterschiedlichen Bausteinen zusammen. Dazu gehören neben einer Barquote auch Anleihen und Wandelschuldverschreibungen, mit denen die Gläubiger am vom Management erwarteten Wertgewinn teilhaben können. Mittel, die noch aus den geplanten Verkäufen des Logistik-Zentrums im »Ravenna Park« und der Beteiligung an Hallhuber fließen, sollen den Gläubigern zugute kommen.

Wie berichtet, werden die Investmentfonds Robus Capital und Whitebox Advisors bis zu 49,2 Millionen Euro für die Gläubigerbefriedigung und Finanzierung des operativen Geschäfts bereitstellen. Im Gegenzug werden sie nach dem Kapitalschnitt zunächst alleinige Aktionäre von Gerry Weber. Das am 25. Januar beantragte Insolvenzverfahren kann beendet werden und der Konzern mit noch 3600 Mitarbeitern neu starten.

 

Kommentare

Paul Schneider  schrieb: 19.09.2019 07:53
Nur die Aktionäre sind sauer
Nun ist es amtlich. Das "Turn-around-Management" bei Gerry Weber hat versagt. Dieses Management verlangt eine starke Führung, die die Misserfolge der Vergangenheit zur Normalität und Zahlungsfähigkeit zurückführt. Die Implementierung rettender Massnahmen war erfolglos. Der Absatzmarkt spielt für den Erfolg eine erhebliche Rolle. Gerry-Weber-Mode schien jahrelang konkurrenzfähig zu sein. Aber die Modebranche ist hart. Und ein "Label" verdschwindet in den meisten Fällen sehr schnell. So waren in den letzten Jahren die Marktcnancen von Geryy Weber immer schlechter geworden. Und die Analysten hätten den Abwärtstrend sehen und den Anlegern eine Warnung aussprechen müssen. Fazit: Für Gerry Weber ist der Markt zu. Und zukünftig in Nischen gehen zu wollen, ist m.E. zum Scheitern verurteilt.
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