Sa., 21.09.2019

»Fridays for Future«-Aktivisten überwältigt von der Resonanz – Alles verläuft friedlich - mit Video und Kommentar 11.500 streiken fürs Klima

Am Hauptbahnhof geht es los: 11.500 Demonstranten ziehen von dort aus friedlich durch die Stadt.

Am Hauptbahnhof geht es los: 11.500 Demonstranten ziehen von dort aus friedlich durch die Stadt. Foto: Bernhard Pierel

Von Michael Schläger

Bielefeld (WB). Der Zug will gar nicht enden. Als die ersten Demonstranten den Jahnplatz erreichen, marschieren die letzten am Hauptbahnhof erst los. 11.500 Menschen beteiligen sich am Freitag am Klimastreik in Bielefeld.

David Nalimov besteigt am Bahnhofsvorplatz um kurz nach Zwölf die Pritsche des Lautsprecherwagens: »Oh, mein Gott!«, ruft er, als er die riesige Menge überblickt. Der 15-Jährige ist einer der Mitorganisatoren des Klimastreiks in Bielefeld. Er ist überwältigt von der hohen Teilnehmerzahl. An diesem Tag haben sich seine Freunde von »Fridays for Future« und ihre Mitstreiter im Klima-Aktionsbündnis viel vorgenommen. »Wir wollen die Menschen wach rütteln«, sagt Romy Mamerow von »Parents for Future«. Zum Bündnis gehören auch Umweltorganisationen, der evangelische Kirchenkreis oder der städtische Seniorenrat.

»Keine Parteifahnen«, ruft David, als sich der Zug in Bewegung setzt. Hier demonstrieren Bürger, keine politischen Interessenvertreter, soll das wohl heißen.

Glocken läuten

Am Willy-Brandt-Platz um 12.30 Uhr die erste Aktion. Ein »Die-in«. Nach einem Countdown legen sich bei Null alle auf den Boden und schweigen. Die Glocken von 14 evangelischen Kirchen sollen zu diesem Zeitpunkt läuten. Auch ein Zeichen für den Klimaschutz. Leider dringt der Klang nicht bis zu den Demonstranten durch.

»Wer nicht hüpft, der ist für Kohle«, ist einer der Schlachtrufe, mit denen die Protestler unterwegs immer wieder zu kleinen Aktionen aufgerufen werden. Auch der »Klassiker« der »Fridays«-Bewegung darf nicht fehlen: »Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut!«

Am Jahnplatz, wo der Zug gegen 13.30 Uhr ankommt, und am Adenauerplatz sind Redebeiträge geplant. Doch die gehen unter angesichts der großen Menge, die sich durch die Innenstadt bewegt. Die Demonstranten machen teils ihr eigenes Programm. Alles bleibt friedlich. Das Ganze hat fast Happening-Charakter.

Wieder sind die meisten Demonstranten Schülerinnen und Schüler. Manche Schulen haben diesmal offizielle Klassenausflüge angesetzt. So muss niemand den Unterricht schwänzen. Aber auch viele Erwachsene und sehr viele Senioren sind mit dabei.

Demo ist der Auftakt zu einer »Climate Week«

Viele Teilnehmer reisen auch aus Nachbargemeinden an. Von den Bahnsteigen des Hauptbahnhofs strömen viele mit ihren Plakaten vor Demo-Beginn auf den Bahnhofsvorplatz.

Mehmet Karul wird auf der Herforder Straße vom nahenden Demonstrationszug überrascht. Er ist Auslieferungsfahrer und hat seine Ladung gerade abgesetzt. »Es gibt auch Leute, die arbeiten müssen«, ist er eher ungehalten. Aber die Polizei sorgt dafür, dass er noch rechtzeitig mit seinem Lkw weiterfahren kann. Auch in Bahnhofstraße und Altstadt läuft zu diesem Zeitpunkt der normale freitägliche Einkaufsbetrieb.

Rund um den Adenauerplatz kommt es allerdings zu erheblichen Verkehrsbehinderungen, als die Demonstranten dort eintreffen.

Alles in allem zieht die Polizei aber eine überaus positive Bilanz, nachdem sich der Protest nach einer Abschlusskundgebung kurz nach 16 Uhr vor dem Rathaus auflöst: »Für uns verlief die Veranstaltung friedlich und ohne besondere Ereignisse«, sagt Polizeisprecher Knut Packmohr.

Für die »Fridays for Future«-Aktivisten und ihre Unterstützer ist die Demo der Auftakt zu einer »Climate Week« mit zahlreichen Veranstaltungen. Das Programm gibt es hier.

Ein Kommentar von Michael Schläger

Die einen fürchten das Ende der Welt, die anderen das Ende des Monats.« Der Satz stammt aus der französischen Gelbwesten-Bewegung. Zitiert hat ihn neulich der Bielefelder Linken-Vorsitzende Florian Straetmanns in der »Stadtblick«-Reihe dieser Zeitung. In dem Satz steckt viel Wahrheit. Gerade mit Blick auf die wuchtigen »Fridays for Future«-Demonstrationen an diesem Freitag in Bielefeld, in Deutschland – und weltweit.

In Bielefeld ist die Klimabewegung zu einem breiten gesellschaftlichen Bündnis angewachsen. Längst sind es nicht mehr nur Jugendliche, die auf die Straße gehen. Sie haben viele Partner: »Parents for Future«, besorgte Hausärzte, Umweltverbände sowieso. Und tatsächlich ist der Klimawandel längst in der Stadt angekommen. Man muss nur einen Spaziergang im Teuto machen, um zu sehen, was er beispielsweise im Wald anrichtet.

Deshalb ist jetzt auch die lokale Politik mächtig unter Druck. Das Paprikabündnis – oder was von ihm geblieben ist – propagiert die Verkehrswende und verweigert sich dem Flächenfraß. Alle Rathaus-Entscheidungen sollen auf Klimatauglichkeit überprüft werden.

Wer sich die Klimabewegung in Bielefeld anschaut, stellt aber auch fest, dass es eine Bewegung der Bessergestellten ist. Die jungen, rhetorisch gewandten »Fridays für Future«-Aktivisten haben meist einen gutbürgerlichen Hintergrund. Ihre Unterstützer gehören oft gesellschaftlichen Gruppen an, denen es wenig ausmacht, wenn der Sprit auf einmal zehn oder 20 Cent pro Liter mehr kostet.

Wer am Ende des Monats die letzten Penunsen zusammenzählen muss, wer um seinen Job fürchtet und darum, die nächste Mieterhöhung noch wegstecken zu können, der ist am Freitag vielleicht nicht auf die Straße gegangen, weil er ganz andere Sorgen hat.

Die Kommunalpolitiker können eine Verkehrswende beschließen und sich eine Halbierung des motorisierten Individualverkehrs vornehmen. Aber irgendwie müssen die Leute, die all das bezahlen sollen, auch noch zur Arbeit kommen. Sie müssen dies oft genug mit dem eigenen Auto tun, denn neue Stadtbahnlinien und Radwege entstehen nicht von heute auf morgen und schon gar nicht aus dem Nichts.

Es geht um den Ausgleich von Interessen. Wer die Klimawende will, muss alle mitnehmen, nicht nur lautstarke Demonstranten bedenken. Die Lösung muss »Gemeinsam for Future« heißen.

Demos in ganz OWL

In ganz OWL wurde gestern derweil für das Klima demonstriert. Eine Übersicht:

500 Schüler, Jugendliche und Erwachsene sind in Halle auf die Straße gegangen.

In Gütersloh waren mehr als 1000 Menschen vor Ort.

In Paderborn wird die Teilnehmerzahl mit 1500 bis 2000 beziffert.

In Löhne sind 400 junge Demonstranten auf die Straße gegangen, darunter viele Teilnehmer aus Bad Oeynhausen.

In Herford haben 250 Menschen während des Klimastreiks den Verkehr lahmgelegt – in Enger demonstrierten 700 Teilnehmer.

 

 

Kommentare

10 bis 20 Cent teurer

Ich war am Freitag da. Ich fahre keinen SUV. Ich verdiene nicht die dicke Kohle, wohne in einer winzig kleinen Wohnung, muss jeden Euro zwei Mal umdrehen. Wenn ich mir was leisten kann dann nur, weil ich keine Kinder habe.

Das WB muss dann im Kommentar Stohmänner bedienen, um überhaupt Argumente zu haben. Da wird von 10 bis 20 Cent geredet, wo der Eingangs-Vorschlag bei 50€ pro Tonne CO2 lag - und es jetzt 10€geworden sind. 3 Cent pro Kilometer, nicht 15. Wer mehr als 40km pendelt wird mit der neuen Pendlerpauschale effektiv mehr Geld in der Tasche haben.

Dazu wird einfach so in den Raum behauptet, dass die Protestierenden gut betucht sind - herzlichen Glückwunsch, die GroKo hat diesen Protestierenden, die härtere Maßnahmen gewollt haben, also mit den Beschlüssen von Freitag ein Geschenk gemacht. Deren angebliche SUV werden jetzt auch noch bezuschusst.

Der arme Pendler der nur 20km zum Arbeitsplatz fährt, weil er in er in Jöllenbeck oder Heepen wohnt, zahlt drauf. Pendlerpauschale gibt's erst ab km 21.

Statt dessen wird durch die Blume kritisiert, dass sich die Stadt gegen Oberflächenverschluss wehrt - was mit dem Klimawandel überhaupt nichts zu tun hat.

Jedem Bielefelder wäre es geholfen, wenn die Stadtbahn sinnvoll ausgebaut wird, Radschnellwege errichtet werden, dass man mit dem Pedelec (also elektrisch) zur Arbeit fährt, anstatt im Stau zu stehen. Warum beschäftigt man sich in einem Kommentar nicht damit?

Statt dessen macht man sich Gedanken darüber, dass nicht genug gebaut werden kann.

Ganz ehrlich, ich verstehe es nicht.

1 Kommentare

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