Sa., 28.09.2019

Wie Spielsüchtige von illegalen Online-Casinos bei der Stange gehalten werden Abgezockt

Sogenannte Account-Manager halten über WhatsApp Kontakt zu Spielern und sorgen dafür, dass die nicht aussteigen.

Sogenannte Account-Manager halten über WhatsApp Kontakt zu Spielern und sorgen dafür, dass die nicht aussteigen. Foto: Christian Althoff

Von Christian Althoff

Bielefeld (WB). Fast 80.000 Euro, erzählt der Manager aus der Lebensmittelindustrie, habe er im Internet verspielt. »Es war so einfach. Wenn Kollegen im Meeting ihre Handys rausholten, um ihre Mails zu checken, habe ich meins rausgeholt und gezockt. Niemand hat etwas gemerkt.«

Online-Glücksspiele sind immer und überall verfügbar und werden wohl deshalb immer häufiger genutzt – obwohl die meisten illegal sind. »Etwa 20 Prozent der Spielsüchtigen, die bei uns Hilfe suchen, haben ihr Geld im Internet verloren«, sagt Frank Gauls, Leiter der Fachstelle Sucht im Evangelischen Klinikum Bethel.

In Deutschland haben 33 Online-Spieleanbieter eine staatliche Zulassung, das sind vor allem die Lottogesellschaften der Bundesländer wie Westlotto in Nordrhein-Westfalen. Online-Casinos, die zum Beispiel Roulette, Poker, Black Jack und Automatenspiele anbieten, wurden dagegen schon 2017 vom Bundesverwaltungsgericht höchstrichterlich verboten – mit einer Ausnahme: In Schleswig-Holstein hatte eine schwarz-gelbe Landesregierung vor Jahren Lizenzen vergeben, die weiterhin Bestand haben. Deshalb dürfen Menschen, die sich in dem Bundesland aufhalten, als einzige in Deutschland legal in Online-Casinos spielen.

Mehr als 80.000 betroffene Familien

Hotline

Hilfe erhalten Sie unter der Telefonnummer 0800-0776611.

Nimmt man den Mittelwert von fünf Studien, ergeben sich für Nordrhein-Westfalen geschätzt 45.500 Spieler mit problematischem und 41.000 mit krankhaftem Spielverhalten. »Hinter diesen Leuten stehen mehr als 80.000 betroffene Familien«, sagt Ilona Füchtenschnieder, Leiterin der Landeskoordinierungsstelle Glücksspielsucht in Bielefeld

Der Manager aus der Lebensmittelbranche sagt, er sei durch extreme Arbeitsüberlastung zum Spielen gekommen. »Ich hatte einen Burn-out, und ich brauchte ein Ventil.« Er habe sich bei zwei Online-Casinos angemeldet und Geld eingezahlt. »Das geht über Zahlungsdienste wie Klarna, Giro-Pay oder Kreditkarten.« Er habe natürlich auch mal gewonnen, sagt der Betriebswirt. »Aber in Wahrheit ist so was ja kein Gewinn, denn man setzt das Geld ja sofort wieder ein. Das ist mir aber erst sehr spät bewusst geworden.«

Die Zahl der Online-Casinos explodiere, sagt Ilona Füchtenschnieder. »2015 gab es 487 deutschsprachige Online-Casinos im Netz, zwei Jahre später waren es schon 737.« Die Geschäftsstelle der Glücksspielaufsichten der Länder habe den Ertrag der illegalen Casinos in Deutschland für 2017 auf 1,76 Milliarden Euro geschätzt. »Das sind 36 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.«

Kontakt per WhatsApp

Die illegalen Anbieter unternähmen einiges, um Spieler an sich zu binden, sagt Füchtenschnieder. »Die Automatenspiele im Netz entsprechen mit ihrer Optik und ihren Tönen genau den Spielen in Spielhallen, die vielen Spielern vertraut sind.« Außerdem gebe es Online-Casinos, die per WhatsApp einen persönlichen Kontakt zu den Spielern aufbauten. »Sogenannte Account-Manager stehen als Gesprächspartner zur Verfügung und schreiben Spielern auch schon mal hohe Summen gut, um sie bei Laune zu halten.« In einem Chat habe so ein »Berater« einer Spielerin, die Selbstzweifel geäußert habe, versichert, sie habe ihr Spielverhalten »gut im Griff«.

Wer spielt online? »Etwa 85 Prozent der Leute, die zu uns kommen, sind Männer«, sagt Suchtberater Frank Gauls. Sie seien zwischen 18 und 80 Jahren, aber die Hauptaltersgruppe werde immer jünger – auch wegen der Online-Spiele. Einen deutlichen Teil der Klienten machten Zuwanderer aus. »Der Besuch in der Teestube gehört zu ihrer Kultur, und in Teestuben wird gespielt. So geraten manche in eine Spirale.« Aber auch viele Deutsche, die nicht mit Glücksspiel sozialisiert worden seien, verfielen der Sucht. »Sie plündern die Sparschweine ihrer Kinder, sie nehmen Kredite auf, oder sie beschaffen sich illegal Geld.« Ein Student habe jüngst die Gemeinschaftskasse seiner WG verspielt, und es gebe auffallend viele Fälle spielsüchtiger Autoverkäufer, die für ihre Sucht Geld beiseitegeschafft hätten.

»Spielsüchtige sind oft keine dummen Menschen, im Gegenteil«, sagt Rechtsanwältin Dr. Iris Ober aus Bielefeld. Sie berät Spielsüchtige, die sich ihr Geld zurückholen wollen. »Viele sind Akademiker, die mir problemlos Excel-Tabellen mit allen relevanten Daten zusammenstellen. Das sind durchaus pfiffige Leute.«

Kontobewegungen auf 700 DIN-A4-Seiten

Doch es ist nicht einfach, verlorenes Geld zurückzubekommen. Die Online-Casinos sitzen im Ausland, auf Malta zu Beispiel. Dass deutsche Anbieter im Hintergrund stehen, wird immer wieder vermutet, ist aber nicht bewiesen. Die ausländischen Casinos auf Rückzahlungen zu verklagen, weil der Spielvertrag wegen der Illegalität nichtig gewesen sei, habe wenig Aussicht auf Erfolg, sagt die Anwältin. Sie versucht deshalb, die Geldinstitute, über die die Zahlungen gelaufen sind, in Haftung zu nehmen.

Das versucht im Moment auch der ehemals spielsüchtige Manager. »Natürlich hat meine Bank mitbekommen, dass ich gespielt habe. Meine Kontobewegungen haben innerhalb von drei Jahren fast 700 DIN-A4-Seiten gefüllt.« Zudem habe sein Kreditkartenanbieter für jede Zahlung an einen Spieleanbieter 5,95 Euro Sondergebühr eingezogen. »Wer in mein Konto gesehen hat, wusste also, was los war.« Für ihn sei das Handeln seiner Bank Beihilfe zum illegalen Glücksspiel gewesen, sagt der Manager.

Auch Ilona Füchtenschnieder sieht die Geldinstitute in der Pflicht: »Die Glücksspielaufsichten der Bundesländer haben eine Whitelist mit den 33 legalen Onlineangeboten veröffentlicht. Banken und Sparkassen können also feststellen, ob Überweisungen an illegale Glücksspielanbieter gehen.« Für Thomas Niekamp aus dem Sozialdezernat der Stadt Bielefeld ist es deshalb vorstellbar, dass Kommunen ihren Einfluss in den Verwaltungsräten der Sparkassen nutzen, um weitere Zahlungen an illegale Casinos zu verhindern. »Das Ganze ist wirklich ein Riesen-Problem.« Aus seiner Arbeit wisse er, dass auch Jugendliche schon im Internet spielten.

In vier Stunden 20.000 Euro verloren

Das Oberlandesgericht München, das sich als erstes mit der Frage befasst hat, sieht Geldinstitute allerdings nicht in der Pflicht. Es bestätigte 2018 ein Urteil des Landgerichts München I, wonach eine Überprüfung der Legalität der Glücksspiele für Zahlungsdienstleister kaum möglich sei. Denn es sei »nicht erkennbar, von wo aus der Beklagte die Glücksspielangebote angenommen hat und welche Spiele er tatsächlich gespielt hat«. Denn im Ausland sei eine Vielzahl dieser Glücksspielangebote ja legal.

Vor dem Landgericht Köln läuft derzeit eine Klage, in der es um 150.000 Euro geht. Ilona Füchtenschnieder: »Wir hoffen, dass die Richter dort anders entscheiden.«

Der Manager sagt, er sei aufgewacht, als er mit seinem Handy in vier Stunden 20.000 Euro verloren habe. »Da wurde mir klar, wie pervers das alles ist.« Er habe sich seiner Familie offenbart, was das Schwierigste, aber auch das Wichtigste gewesen sei. »Danach habe ich professionelle Hilfe gesucht.« Einmal, sagt der Mann, sei er noch rückfällig geworden. »Aber jetzt habe ich mich im Griff.«

Kommentare

!! Kompliment !!

Leider wird den beschriebenen Problematiken im Zusammenhang mit illeglalem Onlineglücksspiel und insbesondere dem enormen Einfluss, welche die Lobby rund um die ausländischen Veranstalter derzeit (noch) auch auf deutsche Finanzinstitute, sowie auch die nationalen Aufsichtsbehörden derer in der Lage sind auszuüben nur selten die erforderliche Berücksichtigung im Rahmen öffentlicher Berichterstattungen wie es in diesem Artikel der Fall ist, zugestanden. Sowohl an den Autor als auch das Westfalen- Blatt ein großes Kompliment für diesen Bericht.

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